Das große Wort: Demokratie – hier mal für Bibliotheken

In meinen Beiträgen und Kommentaren finden sich immer wieder Verweise und kleine Hinweise, in denen in verschiedensten Formen das Wort Demokratie auftaucht. Für manche mag es nach albernem Pathos klingen, um die Wichtigkeit der Beiträge zu überhöhen. Andere fragen sich vielleicht, was jetzt bitte wählen gehen mit Bibliotheken zu tun hat. Wieder andere denken an die „Demokratisierung des Wissens“ und wundern sich über die losen Zusammenhänge hier.

Um nun die Gedankengänge ein bißchen zu verdeutlichen, werde ich einen Schritt zurück gehen und beim Studiengang anfangen. Nach dem der Dipl. Bibl.  in Sack und Tüten war, stellte sich schon die Frage: wie nun weiter? Lust auf die allgemeinen eher verwaltenden Aufgaben in Bibliotheken war nun nicht wirklich da (ich beziehe mich im Übrigen fast immer auf Öffentliche Bibliotheken). Das bibliothekarische Studium selbst hat auch nicht wirklich zu mehr aufgerufen – eher niedrigschwellig und oberflächlich war es. Also erstmal arbeiten und gucken was es gibt. Über viele Irrungen und Wirrungen ergab sich dann (dank des Hinweises eines großartigen Bibliothekars 😉 ) die Möglichkeit an der FU Berlin den weiterbildenden Masterstudiengang „Demokratiepädagogische Schulentwicklung und Soziale Kompetenzen“ zu besuchen. Klingt erstmal nicht nach: oh braucht man als Bibliothekar. Liest man sich den einleitenden Text auf der Homepage durch, wird aber einiges deutlich:

  • Das Studienangebot ist eine Antwort auf die Anforderungen, die gegenwärtige Reformvorhaben an die Akteure im Umfeld der Schulen stellen. –> also auch an Bibliotheken!
  • Der Studiengang nimmt die Schule als Ort demokratischen Lernens in den Blick und vermittelt den Teilnehmenden Kompetenzen, die eine kooperative Entwicklung der Schule zu einem demokratischen Lebens- und Lernort ermöglichen. –> Erkenntnis: das brauchen Bibliotheken auch!
  • Im Mittelpunkt des anwendungsorientierten Curriculums steht die Auseinandersetzung mit der professionellen demokratiepädagogischen Entwicklung einer Schule und der Gestaltung von Lernarrangements zur Förderung sozialer Kompetenzen. –> Klar – wollen wir in Bibliotheken auch!

Drei Sätze zum Inhalt – drei Volltreffer. Was mir dort dann begegnete, was das Gegenteil des vorangegangenen Studiums: an den Studierenden interessierte Lehrende (ein Seminar als Möglichkeit für die Lehrenden, selbst dazu zu lernen), Diskussionsfähigkeit, Kritikfähigkeit, und vor allem eine unvergleichlich professionell präsentierte und vermittelte Inhaltsvielfalt unter dem Dachbegriff der Demokratiepädagogik. Wer sich für die Modulbeschreibungen interessiert, findet sie HIER. Eine der Grundlagen der Demokratiepädagogik ist die Erkenntnis, dass sich Demokratie nicht per Wissen vermitteln läßt. Demokratie kann man nicht lernen, sondern nur erfahren. Dementsprechend muss man sie erfahrbar machen. Dazu aber später noch.

Was dann aber noch erstaunlicher war: wie weit die Diskussionen in den Schulen sind und wieviel weiter Schulen sich bereits entwickelt haben als Bibliotheken. Ich werde mich im Weiteren ab und zu am Modulplan entlanghangeln.

1. Modul Konzepte der Demokratietheorie und Demokratiepädagogik

„Demokratiebildung, Geschlechtergerechtigkeit und Interkulturelle Bildung gehören zusammen. Vielfalt verlangt, Verschiedenheiten wahrzunehmen, anzuerkennen und kompetent (demokratisch) damit umzugehen. Voraussetzung dafür ist einerseits der Erwerb von Grundkenntnissen über interkulturelle, genderspezifische und demokratische Orientierung und Öffnung als Strategien der Organisations-, Personal- und Curriculumsentwicklung in der Schule. Es werden sowohl Aspekte praktischen interkulturellen Lernens als auch die Auseinandersetzung mit Konzepten demokratischer Wertevermittlung, Willensbildung und Entscheidungsfindung in pluriformen Einwanderungsgesellschaften aufgegriffen.“
(Quelle: Modulhandbuch)

Achso, vorweg noch: was im Modulhandbuch steht wurde auch so behandelt – auch eine neue Erfahrung.

Weil jüngere Studien auf bedenkliche Demokratiedefizite in Europa hinweisen (etwa sinkende Wahlbeteiligung, Politikdistanz junger Menschen, Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen, Anstieg rassistisch motivierter Gewalt, andauernde Geschlechterdisparitäten) ist Citizenship Education zu einem gesamteuropäischen Projekt geworden.
(Quelle: Modulhandbuch)

Hier hat sich dann gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen der Schulentwicklung und der Bibliotheksentwicklung ist. Wir fragen uns in Bibliotheken (nochmal: ich beziehe mich auf Öffentliche Bibliotheken), wie wir den Kindern und Jugendlichen das Lesen wohl am besten nahe bringen und vielleicht noch, wie wir ihnen helfen sich zu informieren. Dazu diskutieren wir über Jahre über Informationsträger: Brauchen wir CDs? Brauchen wir DVDs? Ich habe im Kulturausschuss auch noch die Diskussion erlebt: warum gibt es da Kassetten? Oder eben aktuell: Brauchen wir Web 2.0 etc.?
Schulen diskutieren nicht die Frage der Informationsträger. Hier geht es darum herauszufinden: wie lerne ich am besten. In welcher Lernumgebung lerne ich am besten. Wie organisieren wir die unendlich große Heterogenität der persönlichen Lernformen – richtig: demokratisch. Hier liegt der Unterschied und da kommt der Kunde ins Spiel. Schulen schreiben sich Schulprogramme und Leitbilder, Bibliotheken machen das quasi auch. Viele Schulen organisieren dies aber mittlerweile demokratisch und was sich hier dann simpel anhört ist ein unerhört nervenaufreibender, zeitfressender und kraftraubender Prozess. Da wird mit allen! Schülerinnen und Schülern, mit allen! Lehrerinnen und Lehrern und mit allen teilhaben wollenden Eltern in Workshops das eigene Leitbild erarbeitet und zusammengebracht. Nicht ein einziges Mal, sondern in sich fortsetzenden Prozessen, alle Jahre wieder. Was dabei herauskommt sind nicht Weltentwürfe oder Musterverfassungen, sondern individuell auf die jeweilige Schule und ihre Umwelt zugeschnittene Regularien. Oder Klassenräte, in denen die Lehrkraft exakt eine Stimme hat, wie jede ihrer Schülerinnen und Schüler auch. Wenn es da dann um die Lehrmethoden geht, dann kann es schon mal zur Sache gehen. Aber hierzu gehören dann auch Übungen, die vermitteln wie Bedürfnisse anderer und auch die eigenen wahrgenommen werden können usw.

Jetzt der Übertrag auf Bibliotheken. Wir arbeiten bis heute Bestandsorientiert. In den neuen Diskussionen – auch jenen von z.B. Christoph Deeg – erkenne ich keine Umkehr davon. Im viel diskutierten „Kunden“-Artikel steht:

Aber Bibliotheken könnten dem Kunden nun zeigen, wo man bei Amazon kostenlose Bücher bekommt, wie man einen RSS-Reader auf dem Kindle installiert, wo man im Netz kostenlose eBooks findet und wie man diese legal in das Amazon-Format konvertieren kann. Gleiches gilt für die Nutzung von iPads und anderen Geräten.

oder

Ich denke aber es geht darum, dem Kunden zu helfen. Der Kunde möchte lesen, lernen, spielen etc. und die Aufgabe der Bibliothek ist es dann, ihn auf diesem Weg zu unterstützen. Dies kann bedeuten, dass von diesem Kunden der Bestand der Bibliothek gar nicht mehr genutzt wird. Bekommt der Kunde aber in der Bibliothek diese spannenden Informationen und Hilfestellungen, wird er die Bibliothek damit als Experten für die Welt der Medien wahrnehmen. Somit ist dieser Kunde aufgrund seines geänderten Medien-Nutzungs-Verhalten nicht mehr für die Bibliothek verloren.

Da hat sich gar nichts geändert. Ich soll dem nun Kunden heißenden Leser zeigen, wie der Informationsträger funktioniert. Ein bißchen Spaß soll er auch haben, deswegen schreibe ich einen lustigen Blog – ist polemisch, weiß ich.

Was ich hingegen brauche und da führt der Studiengang hin:

Im Einführungsteil wird ein Überblick über Formen (z. B. soziale Intelligenz), Dimensionen (Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten) und Modelle sozialer Kompetenz im Kindes- und Jugendalter sowie über die entwicklungspsychologischen Befunde (z. B. handlungstheoretischer Ansatz zur Entwicklung sozial-moralischer Kompetenzen) gegeben, die die Entwicklung allgemeiner und spezifischer sozialer Kompetenzen in unterschiedlichen Altersstufen begründen.
(Quelle: Modulhandbuch)

Die Bedeutung einer grundsätzlichen pädagogischen Haltung in der Förderung sozialer Kompetenzen wird an konkreten Beispielen verdeutlicht. Die Vermittlung, Erarbeitung und Auseinandersetzung mit konkreten Strategien zur Förderung sozialer Kompetenzen erfolgt am Beispiel ausgewählter Programme (z. B. fairplayer.manual, buddY E.V., fairplayer.sport, Betzavta, Erwachsen werden) bzw. im Rahmen eines auszuwählenden Programms.
(Quelle: Modulhandbuch)

Wesentliche Schritte schulischer Entwicklungsprozesse, Gelingensbedingungen und Stolpersteine werden an konkreten Beispielen aus dem Erfahrungshintergrund der Dozent/-innen vorgestellt (z. B. Vorgehensweise und Methodik bei partizipativen Leitbild- und Schulprogrammentwicklungsprozessen, das Aushandlungsmodell, Entwicklung einer demokratischen Konferenzkultur, Informationsfluss und Transparenz, Anerkennungs- und Feedbackkultur, Vereinbarungen zur Zusammenarbeit und zum Miteinander unter den schulischen Gruppen, Elternräume, etc.).
(Quelle: Modulhandbuch)

Die Informationsträger sind für mich als Bibliothekar nur Mittel zum Zweck der präventiven pädagogischen Arbeit!

  • Ich kaufe nicht Musik-CDs der reinen kulturellen Teilhabe wegen, sondern setze mich mit auf Charts platzierten homophoben Inhalten auseinander oder mit auf Charts platziertem Rechtsrock.
  • Ich befähige die Leserinnen und Leser zu erkennen, welche Wirkung Medien haben können. Hierfür braucht es viele Dinge von denen Christoph Deeg spricht, aber sie sind nur Mittel zum Lernen und nicht Selbstzweck.
  • Ich organisiere die Bibliothek demokratisch: Transparenz bibliothekarischer Arbeit, partizipative Leitbilderstellung, Teilhabe an der Organisation etc.

Ich will weg vom Verwaltungsbibliothekswesen. Ja – dieser Teil wird den Weg gehen, den Gunter Dueck beschreibt: unterbezahlt und in Masseneinrichtung organisiert. Der einzige Weg in die Zukunft führt Bibliotheken über demokratische Wege. Bisher sind wir grenzwertig „unterprofessionell“. Wir haben fast keine Ahnung von Medienpädagogik, obwohl wir täglich Medien hin und her reichen und wir haben keine Ahnung ob unsere Leseförderung funktioniert, obwohl wir uns damit legitimieren. Wir wissen auch nicht, wie wir eigentlich die Verteidigung gegen unmenschliche (fängt bei Alltagsrassismus an) Inhalte organisieren, so wir denn überhaupt wollen (wo wir ja so neutral sind).

Das ist mein Blick – wieder in Kurzform.

Zum Abschluß drei Sätze aus dem Modulhandbuch, denen zu folgen ich jedem bibliothekarischen Studiengang nicht nur empfehlen kann, sondern als Grundlegend für meine berufliche Professionalität betrachte:

Für demokratische Schulentwicklungsprozesse ist es wesentlich, dass sich die Studierenden zu Beginn mit ihrem eigenen Demokratieverständnis (anhand von Übungen und Reflexionsphasen) auseinandersetzen. Dieser Schritt
kann beispielhaft für zukünftige Reflexionsprozesse an Schulen genutzt werden. Überdies ist die Beschäftigung mit der eigenen Rolle und Haltung in Veränderungsprozessen Bestandteil dieser Einführungsphase.

DonBib

4 Gedanken zu “Das große Wort: Demokratie – hier mal für Bibliotheken

  1. Hallo DonBib
    Vielen Dank für den erhellenden Beitrag, worum es bei „Demokratiepädagogik“ überhaupt geht!
    Das gibt es in der Schweiz übrigens auch, nur heisst das bei uns „Partizipation“, aber inhaltlich ist es so ziemlich das Gleiche. Ich bin auch ganz der Meinung, dass Partizipation und Vernetzung Schlüsselbegriffe sind für die Zukunft der Bibliotheken. Wer heute noch die elitäre Haltung vertritt „wir sind die Schatzhüter des Weltwissens und bestimmen alleine, wer daran zu welchen Konditionen teilhaben darf“, dessen Tage sind wohl wirklich gezählt. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, finde ich das nicht einmal besonders tragisch 😉
    Einen schönen Sonntag
    Felicitas Isler

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