Verbrannte Orte

In der ja allseits beliebten Mailingliste InetBib war es vor ein paar Tagen zu lesen, ebenso bei Archivalia und auch bibliothekarisch.de hatte es schon aufgegriffen: Der Onlineatlas zu den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen. Angesichts der ja bleibenden Aktualität des Themas und der für mich klaren Schnittstellen zu unserem Berufsstand und den Bibliotheken im Allgemeinen, habe ich dem Fotografen und Initiator der Crowdfunding-Kampagne Jan Schenck ein paar Fragen gestellt, die er gern beantwortet hat:

*Ultrà Biblioteka*: Die ersten zwei Wochen seit dem Start des Crowdfundings sind vergangen, mit welchem Gefühl blickst Du auf die in dieser Zeit zusammengekommene Unterstützung?

Jan Schenck: Ich muss sagen, ich bin ziemlich überwältigt von dem Interesse und dem Feedback zu dem Projekt. Nicht nur, dass innerhalb von 2 Wochen über 50% der zum Start benötigten Summe zusammen gekommen sind. Ich habe darüber hinaus auch sehr viel Feedback, Tipps, Zuspruch und Interessenbekundungen gekriegt.

*Ultrà Biblioteka*: In diesem Jahr jährt sich die nazionalsozialistische Bücherverbrennung zum 80. Mal. Siehst Du eine besondere Verantwortung die Vorgänge in den Städten deutlicher zu visualisieren?

Jan Schenck: Viele sagen ja, dass das Thema Nationalsozialismus schon viel zu breit getreten ist. Ich finde es wichtig möglichst viel über diese Vergangenheit zu wissen, um solchen Prozessen in Zukunft offensiv begegnen zu können. Dieser Teil der Geschichte darf nicht einfach so verschwinden und deswegen finde ich es auch wichtig ein Gedenken an die Bücherverbrennungen zu schaffen. An nur wenigen der Orte gibt es heute ein Mahnmal und ich finde es sollte überall welche geben. Die Bücherverbrennungen waren ja nur ein ideologisches Signal, welches schon ankündigte was später dann auch Menschen angetan  werden sollte. Ich will aber auch nicht den Zeigefinger heben und sagen, diese Orte sollen nur dem Gedenken dienen. In Hamburg ist an einem der Orte der Verbrennungen ein Kinderspielplatz. Das finde ich gut und Ok, weil direkt daneben Gedenktafeln angebracht sind. Wir müssen diesen Orten mit Gedenken begegnen, aber nicht mit Furcht.

*Ultrà Biblioteka*: Wie kannst Du Dir persönlich die Visualisierung eines solchen Gedenkens vorstellen? Die mir bisher persönlich bekannten Beispiele haben es ja in sehr dezenter Art und Weise versucht (Braunschweig und Berlin), wobei ich die Berliner Variante als sehr beeindruckend empfinde.

Jan Schenck: Es gibt viele gute Umsetzungen und ich mag auch das Berliner Mahnmal sehr gerne. In Bonn zum Beispiel soll im Rahmen des Jahrestages ein Mahnmal enstehen, in welchem in der Art der Stolpersteine den damals verbrannte Autoren gedacht wird, auch das finde ich eine gute Idee.

*Ultrà Biblioteka*: Du hast die „Diskussionsliste INETBIB – Internet in Bibliotheken“ gewählt, um Dein Projekt unter uns Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, oder ganz allgemein unter uns Bibliotheksmenschen, bekannter zu machen. Hast Du einen besonderen Anlass bzw. eine besondere Hoffnung daran geknüpft?

Jan Schenck: Meine Hoffnung war natürlich Unterstützung und Öffentlichkeit für mein Projekt zu kriegen. In vielen Bibliotheken finden dieses Jahr Veranstaltungen zu dem Thema statt, und ich hatte natürlich den Wunsch Menschen zu erreichen die, durch ihre Affinität zur Literatur, eine gewisse Sensibilität und Offenheit für das Thema mitbringen.

*Ultrà Biblioteka*: Bibliothekare haben eine sehr unrühmliche Rolle bei den Akten der Bücherverbrennungen gespielt, siehst Du den Berufsstand bzw. die Arbeit von Bibliotheken in einer besonderen Verantwortung?

Jan Schenck: Ich denke nicht, dass wir den BibliothekarInnen von heute eine Verantwortung zuschreiben können. Ich finde es wichtig, dass sie um die Geschichte ihres Berufstandes wissen und mit dieser Geschichte verantwortungsvoll umgehen. Aber das erwarte ich von allen. Mit dem Wissen um die eigene Geschichte lässt sich hoffentlich auch verhindern, dass so etwas wieder passieren kann.

*Ultrà Biblioteka*: Als Prämie für die Unterstützung in der Höhe von 400€ hast Du die Möglichkeit einer Veranstaltung zum Thema mit Dir angeboten. Kannst Du Dir an dieser Stelle auch eine enge Zusammenarbeit mit Bibliotheken und deren Fördervereinen vorstellen bzw. kannst Du Dir ganz allgemein vorstellen, sofern das Projekt – was wir hoffen – ein Erfolg wird, eine Ausstellung für Bibliotheken anzubieten?

Jan Schenck: Auf jeden Fall kann ich mir das vorstellen. Ich hoffe auf Kooperationen mit lokalen Initiativen und Akteuren, die helfen den Onlineatlas mit dem textlichem Inhalt zu füllen. Eine Ausstellung ist sicherlich auch eine gute Idee und die steckt auf jeden Fall in meinem Kopf, aber jetzt gerade will ich mich erst mal auf den Onlineatlas konzentrieren.

*Ultrà Biblioteka*: Zum Abschluss: hast Du weitere so besondere Projekte für Deine Zukunft geplant oder andere Themen die Dich in ähnlicher Weise bewegen?

Jan Schenck: Ja ich habe immer viele Ideen, aber ich denke die nächsten Monate, vielleicht auch das nächste Jahr wird dieses Thema meine Arbeit bestimmen.

Ich kann nur noch mal meine große Sympathie für das Projekt zum Ausdruck bringen und dafür werben sich daran zu beteiligen. Es ist und bleibt ein spannendes und ein bewegendes Thema, das für alle Bibliotheken Anlass genug bietet sich zu engagieren.

DonBib

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