Ein glänzendes Plädoyer für Eigenverantwortlichkeit…

Unter dem Titel: „Alles Grauzone!“ – Bibliotheken in die Pflicht nehmen  findet sich beim Blog „Lauter Bautz’ner“ ein Erlebnisbericht , der auf wunderbare Weise den Bogen schlägt von Kommunalpolitik über Jugendschutz und Musik zu bibliothekarischer Verantwortung. Er zeigt insbesondere auch (ohne es deutlich erwähnen zu müssen), dass die Zensurdebatte – wie in der letzten BuB – vom falschen Ende her geführt wird.

Es geht in diesen Diskussionen zumeist nur um den Zugang zu Informationen und negiert – was einer meiner persönlichen Haupfvorwürfe an meinen eigenen Berufsstand ist – die Verantwortlichkeit für die Wirkung der Medien. Bei Social Media fällt uns das alles ganz leicht, da finden sich Anleitungen zum sicheren Umgang mit eigenen Daten usw., für den Umgang mit menschenverachtenden Medien fehlt fast jede (berufs-)öffentliche Diskussion.

Ein Plädoyer solcher Art findet man im Raum bibliothekarischer Arbeit in Öffentlichen Bibliotheken viel zu selten* . Somit also eine ganz klare Leseempfehlung (wie so oft schon) für den „Lauter Bautz’ner“-Blog.

DonBib

*außer hier im Blog selbstverständlich (HÖHÖHÖ)

3 Gedanken zu “Ein glänzendes Plädoyer für Eigenverantwortlichkeit…

  1. Wo ich ihn nun endlich doch gelesen habe (und bei unserem Gespräch erstaunlich nah an den Aussagen lag), wunder ich mich aber, dass du Dankerts BuB-Kommentar „Zehn kleine Negerlein“ daneben (?) fandest oder dass er (nur) vom falschen Ende her diskutiert würde.

    Deckt sich „Endlich wird wieder substantiell gestritten. Es war ja schon beängstigend, wie Qualität und Wirkung der Kinder- und Jugendliteratur, wie Methode und Rechtfertigung der Literatur vermittelnden Berufe immer wieder und ausschließlich unter dem Aspekt der Leseförderung verhandelt wurden. Alles, was Kinder zum Lesen animiert, ist ok?“ nicht mit deiner Forderung nach mehr Übernahme von Verantwortung in Bibliotheken?

    Mich persönlich hat der Artikel sehr angesprochen, gerade auch das Beispiel mit (dem Renner) Panem und dessen fragwürdiger Botschaft, die ich beim Lesen genauso empfunden habe. Wobei die Schüler, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, durchaus selber einen ähnlichen kritische Sicht einnehmen. Ein Nummer weiter geht dann noch der Fall, wo eine Schülerin Sarrazin auslieh. (Ja, ich habe das, ich habe es aber nicht „bestellt“, sondern durch eine Projektlieferung bekommen; obwohl ich es nicht grundsätzlich in einer Bibliothek ablehne, hätte ich anderen Dingen den Vorzug gegeben). Überraschung eins: sie hat es an einer versteckten Stelle selber gefunden (amüsanter Weise von den HÖB unter Deutsche Geschichte/21. Jhd/Konflikte einsortiert), „Überraschung“ zwei: sie gehört nicht unbedingt zum (angenommen) anvisierten Publikum des Buches. Nochmal durch die ganze Debatte (auch hier) sensibilisiert, fragt man warum sie es lesen will (und überlegt tatsächlich kurz es evtl. nicht auszuleihen), erhält aber die Antwort, dass sie endlich wissen wolle, was nun tatsächlich gesagt wird, um sich nicht nur eine Meinung aus zweiter Hand bilden zu müssen. Muss ich mir bei dieser Haltung noch Sorgen machen, auch wenn sie von jemanden käme, der selber keinen familiären Migrationshintergrund hat (und vielleicht/eventuell/möglicherweise/potentiell wahrscheinlicher die falschen Schlüsse ziehen könnte)? Wär’s jetzt besser gewesen das Buch wegzuschmeißen und die Diskussion und das „Problem“ einfach nur durch vermeintlich bessere (Sekundär-)Literatur abzudecken?

    In diesem Sinn finde ich Dankerts obiges Zitat und den zweiten Punkt zur ÖB-Pflicht in Lauter Bautz’ner „wie sie die Befähigung der jungen Menschen bzgl. des kritischen Umgangs mit Textproduktionen sicherstellen“? viel sinnvoller und zielführender, als Bibliotheken (oder Verlagen) ein „hygienisches“ Angebot abzuverlangen. Mir leuchtet es einfach nicht ein, warum Verschweigen oder Bevormundung durch Auswahl oder nachträgliche Korrektur – um das Wort Zensur zu vermeiden – einer Auseinandersetzung zu (bestehenden) Konflikten dienlich sein soll; im Gegensatz eben zur Förderung einer demokratischen Diskussion (durch befähigte Mitarbeiter – oder auch Fußnoten). Indizierung (die ja nur auf Initiative bzw. „Beschwerde“ hin geschieht) sollte jedenfalls das letzte (und radikalste) Mittel für die dumpfsten und gezieltesten Angriffe auf Grundwerte sein und bleiben. Und dass diese Bewertung keine endgültige, sondern eine gegenwartsbezogene ist, sieht man an der zeitlichen Beschränkung. Danach werden sie ggf. aus geänderter Perspektive (man kann Punktexte mit Heine assoziieren) – bewertet, jedenfalls aber bleiben sie unverändert.

    Zumal die Kriterien sonst sehr, sehr schwer zu setzen sind. Der stereotype „Dicke“ (=phlegmatische), der bis heute gerne in Kinderliteratur verwendet wird – Behauptung! – oder das puppenspielende, technikunbegabte Mädchen oder der beiläufige Schwulenwitz oder der kriminelle Ausländer… oder oder – alles müssten dann auch einer (Vor-Leser-)Bewertung unterworfen werden – solche Abwertungen können und werden schließlich auch Menschen treffen. Oder, evtl. abstrakter, kann es mich auch treffen, wenn jemand, der eigenen Meinung nach, dümmlich für die Todesstrafe argumentiert und dabei, wiederum der eigenen Meinung und dem Gefühl nach, die Idee der Menschenrechte und alles, das danach folgt, auf unerträgliche Weise ignoriert oder pervertiert. Trotzdem werden (bestehende) Werte – so die Hoffnung – auch immer wieder durch die Diskussion solcher Reibungspunkte gefestigt, eher jedenfalls, als wenn man sich ausblendet und ignoriert. Wobei das vielleicht schon ins Philosophische über die menschliche Natur abgleitet. 😉

    Oder kurz (und vielleicht weniger polemisch): Ich verstehe nicht, wie und wo die Grenzen gesetzt werden sollen, ab wann und wie jemand Kontext, historische Entwicklungen „Richtig“ und „Falsch“ auf die bestehenden Gesellschafts-/Lebensumstände abstrahieren/reflektieren/kritisieren können sollte bzw. vor welchen Konzepten/Begriffen man jemanden schützen muss – und wer das entscheidet. Beziehungsweise, ab wann bin ich als Bibliothekar fahrlässig und ab wann trag ich zur Meinungs- und Persönlichkeitsbildung bei – und mit welchen Mitteln. Also dein Thema, aber mit einem (gefühlt) anderen Schwerpunkt.

    Und da fällt es mir wirklich, wirklich schwer, die „Korrektur“ von Kinderliteratur – oder eben irgendwelcher historischen Erzeugnisse – gut zu heißen, auch wenn sie „ja noch in Archiven vorhanden sind“. Aufarbeitung heißt eben nicht verschweigen oder beschönigen – auch und gerade gegenüber der nächsten Generation. Und offensichtlich ist auch latenter Rassismus eines der „aufzuarbeitenden“ Themen (in der Hoffnung, dass er nicht mehr die Ausprägung wie in früheren Zeiten hat, eben auch durch die Diskussion). Dabei bin ich mir ich mir durchaus bewusst, dass die Verwendung bestimmter Begriffe verletzend sein kann, aber es fällt mir auch hier sehr schwer, zu glauben, dass die aus Kinderbüchern auf dem Schulhof landen, als dass sie vielmehr a) nicht wahrgenommen werden oder b) eben doch einen Anlass bieten, zu erklären, warum man ihn auf dem Schulhof nicht auch verwenden sollte.

    Und um die Brücke zum Anfang des Kommentars zu schlagen und im Bezug auf das „falsche Ende“ (den falschen Schwerpunkt): es wäre vielleicht wirklich mehr Energie auf die Kritik aktueller Kinder- und Jugendliteratur zu verwenden, die vermutlich vielmehr den heutigen Zeitgeist prägt. Insgesamt wäre eine Studie zu der Wirkung der Jugendliteratur (oder allgemein), alte und neue, sicher auch interessant – es wird doch viel aus Überzeugung und Glaube heraus diskutiert, wobei ich für mich nichts anderes in Anspruch nehme hier.

    Hmm, der Kommentar ist etwas ausgeartet und hätte vielleicht unter einen anderen Beitrag besser gepasst. 🙂

  2. Erstmal nur zwei kurze Anmerkungen heute Abend:

    1. Die Schülerin kann das Buch sicherlich lesen (wie alt war die Schülerin?), nur kann sie die nachweisbaren Lügen und die Bezüge auf klassische Eugeniker erster Stunde durchschauen? Das Buch soll doch nicht raus aus Bibliotheken sondern zur Diskussion gestellt werden, was nicht passiert ist und nicht passiert.

    2. Die Vermengung von Stereotypen und Rassismus, homophobie etc. geht eben nicht. Der stereotype kleine phlegmatische Dicke oder die Bibliothekarin mit Dutt, die verstockt und komisch ist, sind eben nicht dasselbe wie ein Rassismus oder Homophobie. Das eine (Stereotyp) ist ein Vorurteil – herabwürdigend und verletzend, keine Frage – das andere ist der Versuch die Würde und den Wert eines Menschen herabzustufen mittels einer Zugehörigkeit zu einer Personengruppe.

    Und einen letzten habe ich noch: Frau Dankert nimmt für sich in Anspruch, dem „Neger“ sagen zu dürfen, ab wann er sich in seiner Würde verletzt zu fühlen hat. Das Beispiel von Marx und Engels habe ich Dir ja bereits genannt. Der Begriff war immer herabwürdigend und sollte andere als Menschen zweiter Klasse einordnen. Natürlich muss aktuelle Kinder- und Jugendliteratur diskutiert werden, aber es ist schlicht unerträglich, die Diskussion um Alltagsrassismus so zu banalisieren.

    Mir fällt sogar noch einer ein. Die größte Dreistigkeit ist der Verweis auf „political correctness“. Die Aussage dahinter ist nämlich: weil es politisch gegeben ist den „Neger“ nicht mehr „Neger“ zu nennen, läßt du es – nicht etwas weil der Begriff Menschenverachtung dokumentiert. Kurz: du nennst es nur anders, denkst aber wie vorher. So kann Frau Dankert sich gerne einordnen, spricht aber dann eben aus einer politisch klar einzuordnenden Ecke (achgut.com).

    Letzter Satz: der eigentliche Skandal ist die Tatsache, dass die Redaktion der BuB es zugelassen hat diesen Artikel im Zensurbereich einzuordnen.

    DonBib

  3. Oh ja, es ist spät. Vielleicht können wir uns vorab darauf einige, dass wir uns beim Ziel (dem Prinzip) wohl einig sind, aber nicht unbedingt beim Weg (den Details) anscheinend?

    zu 1) Sie war ca. 15-16 und, wie gesagt, mit familiären Migrationshintergrund. Das Interesse rührte aus der öffentlichen Diskussion darüber her. Ich meine, damit ist es schon ziemlich schwer ohne eine kritische Haltung zu lesen. Sicher, es wäre toll, wenn man dem noch eine kritische Auseinandersetzung mit den (dann bekannten) Inhalten durch fachlich versierte, kompetente Personen folgen lassen würde; ganz bei dir.

    zu 2) Ich verstehe, was du meinst. Ich würde ganz oben auf die Agenda „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ stehen lassen. Das es keine Menschenrassen gibt und das Homosexualität in der Natur verbreitet und nicht „unnatürlich“ ist, dass entsprechende „Lehren“ also inhaltslos sind, ist Fakt. Wer dem also aufsitzt, hat also wohl kein Vorurteil, sondern unterliegt einem Fehlurteil bzw. einem haltlosen, weil unwissenschaftlichen Urteil – oder er nutzt tatsächlich vollwissentlich diese Falschbehauptungen zur Manipulation (anderer). Ich wäre mir aber nicht sicher, ob Rassismus und Homophobie nicht eine gemeinsame Wurzel haben, die doch noch sehr viel mehr Sprösse hat, die auch noch ganz andere „Gruppen“ „sanktionieren“. Hmm, ich kriegs um die Zeit auch nicht mehr richtig formuliert. So ganz trennscharf scheint mir „herabwürdigen“ und „Vorurteil“ gegenüber Würde herabsetzen“ und „Ideologie“ (?) aber nicht. Ich sage ausdrücklich, ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist es gut, dass Problem einzuengen, vielleicht (Wurzel) auch nicht…

    Für Frau Dankert kann ich natürlich nicht sprechen. Trotzdem scheint mir der Vorwurf zu scharf. Der Ansatz mag diskussionswürdig sein, aber vielleicht (!) stellt sie auch nur die Überlegung an, dass die Bewusstmachung historischer Ursprünge, Entwicklungen und Veränderungen auch hilft, dass niemand mehr heute „Neger“ sagen kann, ohne dass die Abwertung dieses Begriffs völlig klar ist. dieser Begriff kann nicht mehr unreflektiert genutzt werden (mag er, reflektiert, auch zu allen Zeiten negativ gewesen sein; ich glaub aber, das könnte ein falsches Verständnis von Sprache und deren Nutzung sein). Mir fällt ein, dass man heute ständig diese Floskel „das ist so schwul“ hört – ja, die hat schon eine gewisse Anstößigkeit erreicht, aber bis die Korrekturschreiber in Büchern auf „das ist so albern (?)“ umschwenken, wird es noch dauern – und es gibt sicher noch Dinge, wo in 50 Jahren Leute sagen werden, wie war so ein (unreflektiertes, unsensibles) Denken und Reden möglich, wo uns das heute noch nicht auffällt, vielleicht auch aufgrund unbekannter Fakten noch gar nicht so bewusst werden kann. Ich denke, es ist nicht förderlich, wenn man die schlechstmögliche aller möglichen Interpretation zu Äußerungen anderer wählt, sie auf nur einen Teil ihrer Einlassung reduziert und herabwertende Absichten sehr schnell, sehr eindeutig attestiert – das schließt Türen für Dialoge mit Menschen, die eigentlich nicht unbedingt was Schlechtes wollen, selbst wenn sie sich möglicherweise teilweise irren. Und gerade auch um die Förderung von Dialogfähigkeit geht es doch auch, denn unfehlbare „Einflüsterer“, die einfache „Wahrheiten“ verkünden, sind ja eben ein großer Teil des Problems im undemokratischen oder ethisch fragwürdigen Spektrum.

    Hmm, müde Nachtgedanken 🙂

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