Das große Ganze

Im ersten Entwurf für diese Dienstags-Pöbelei stand als Titel „Schluss mit dem Technik-Populismus“.

Woher kam dieser sich in der ersten Idee für eine Überschrift wiederspiegelnde Aufreger? Natürlich aus der BuB – wie so oft. Was mich dann da aufregt sind gar nicht die Inhalte die dort stehen, sondern die vielen Dinge die dort nicht stehen. Exemplarisch dafür ist – und es tut mir ein bißchen leid, dass es schon wieder ihn trifft – der Artikel „Apps downloaden ist wichtiger als RAK“ von Christoph Deeg (das gleiche gilt für den Artikel von Boris Hänßler, der fühlt sich an als hätte mir jemand das Internet ausgedruckt). Nachdem ich den Artikel fertig gelesen hatte, blieb kaum mehr als pure Ablehnung übrig (obwohl ich gerade den Teil des Satzes „[…] ist wichtiger als RAK“ immer unterschreiben würde).

Das wäre weiter nicht tragisch, würde mich meine eigene Ablehnung nicht verwirren. Denn die Welt die Christoph Deeg beschreibt ist doch ganz meine Welt. Ich spiele seit es Text-Adventures gibt, konsolenübergreifend – wenn auch ich letztlich am PC hängen geblieben bin – unfassbar viel und ausdauernd. Die Zahl der bereits gespielten und durchgespielten Spiele dürfte locker im mittleren dreistelligen Bereich liegen. Was mir an praktischen und lustigen Tools begegnet wird ausprobiert, mit der mir eigenen vorauseilenden Kritik bedacht, bei Feststellung eines Nutzens behalten und sonst in kaum messbarer Geschwindigkeit vergessen. Warum also stoßen mich diese Artikel über Apps hier, Apps da, hier ein Tool und da ein Tool so ab?

Die Antwort darauf möchte ich mal bewusst böse formulieren: weil die einzelnen neuen Möglichkeiten des Internet viel zu oft nur Geschwafel umgibt.

Diese vielen kleinen Texte nach dem Motto: „das Internet ist toll, weil es so viele Dinge kann“ lassen sich nur dann so leicht schreiben, wenn man das Gesamtkonstrukt Bibliothek (und ich beziehe mich wieder ausschließlich auf die ÖBs) ignoriert.
Diese Artikel funktionieren nur mittels Ignoranz – wie gesagt, ich formuliere bewusst aggressiv.

Ein paar Beispiele aus dem Text von Christoph Deeg, die aber exemplarisch für einen großen Teil dieser Artikel sind:

  • Der Kundenbegriff: bleibt wie immer ohne Definition und damit außerhalb jedweder Auseinandersetzung – warum?
  • Damit einher geht der Service-Begriff: ist völlig oberflächlich – jeder kann alles als Service definieren – warum der Bezug?
  • Welche Masse an Bibliotheken ist gemeint und welche gesellschaftlichen Aufgaben hat man vorher wie definiert, um sie nachher zu ändern? Genauer: sprechen wir von den immergleichen Funktionen? Variieren bibliothekarische Aufgaben von Gemeinde zu Stadt zu Großstadt und von zu Region zu Region und von Kultur zu Kultur?
  • Wo liegt überhaupt der Kern bibliothekarischer Aufgaben? Wie leiten wir den Kern dieser Aufgaben ab und wer macht das eigentlich?

Da ich aber immer davon ausgehe, dass die Autoren solcher Artikel sehr intelligente Menschen sind, macht mich die Ignoranz bezüglich der genannten Fragen eher wütend. Denn Fakt ist: diese Artikel verursachen trotzdem Veränderungen in der Lokalpolitik und insgesamt auch der „großen“ Politik. Die politischen Prozesse dahinter schaut sich aber niemand an. Über personelle Veränderungen in den Bibliotheken haben wir dann noch gar nicht gesprochen.

Also:

      1. Schmeißt diese ganzen Apps, Tools usw. Artikel erstmal weg (oder hebt sie für später auf, wobei sie ja dann schon wieder alt sind…).
      2. Vergesst die kommunikative Attraktivität vieler Begriffe und beschäftigt euch mal mit ihnen (Kunde/Kundin bzw. Service).
      3. Unterhalten wir uns zuerst über die Bibliotheken und ihre kommunalen Aufgaben, die Rolle der Bibliotheken im Bildungssystem, im Kultursektor und für die Gemeinschaft vor Ort. Erst dann können wir ableiten, welche Rolle welche Bibliothek wo und wie in der digitalen Welt einnehmen kann, darf und muss. Dafür braucht es dann genau diese Expertise, weil sie ein Teil der Zukunft ist.

 

    1. Aber bitte werdet politisch. Ich will keine buzzwordgeschwängerten Social Media Artikel mehr lesen.

DonBib

5 Gedanken zu “Das große Ganze

  1. Kann dem nur voll und ganz zustimmen. Auch wenn wir als Bibliotheken immer versuchen sollten technisch immer auf der Höhe zu sein (ob sowas überhaupt möglich ist in dieser schnelllebigen Zeit??) sollten die genannten grundsätzlichen Fragen diskutiert werden. Man kann nur hoffen, dass sich die Bibliothekscommunity hiermit nochmal auseinandersetzen wird.

    VG JohnSilver

  2. Als wäre wegen dem bischen neuer Technik als anders geworden. Im Wesentlichen ist es doch, dass man das Bespielen einer ÖB etwas zeitgenössischer, lockerer, interpretiert. Die Technikentwicklung ist dabei – wie immer – nur ein Nebenbei. Die Hauptsache sind die Menschen hier am Ort.

  3. Lieber Donbib,

    es treibt Dir also mal wieder die Zornesröte ins Gesicht. Ok, das ist spannend. Es gibt ja eine gewisse Redundanz in Deinen Kommentaren zu meinen Ideen und Du scheinst des öfteren wütend zu sein. Aber warum liest Du meine Beiträge nicht?

    Du redest vom großen Ganzen. Du möchtest erstmal innehalten und darüber nachdenken, was Bibliotheken sind und was nicht. Ich dachte ja immer Bibliotheken wüssten was sie sind und was sie wollen – wobei ich in den letzten Jahren das Gefühl habe, dass Bibliotheken – und vor allem die öffentlichen – in einer Identitätskrise stecken. Da sind wir einer Meinung. Aber du liegst völlig falsch in der Idee, man könne jetzt erstmal alles anhalten und in Ruhe diskutieren. Wir reden hier von einem Prozess. Wir reden von Bewegung. Wir reden von Dingen, die von uns verlangen, ständig neue Wege auszuprobieren. Bibliotheken sind kein abgeschlossener Mikrokosmos. Sie sind Teil des Ganzen und Sie interagieren damit. Deshalb: Ja, wir müssen reden. Wir müssen nachdenken. Und ja, wir müssen gleichzeitig agieren und die Welt mit gestalten.

    Die Aussage, es handele sich dabei um Geschwafel ist Blödsinn. Wenn Du über Bibliotheken diskutieren willst, dann musst Du auch überlegen, was gerade im Umfeld der Bibliotheken passiert. Mein Beitrag sagt nichts anderes als: „Schaut hin was gerade passiert und überlegt Euch, ob Ihr damit kompatibel seit.

    Du möchtest über Bibliotheken in der Gesellschaft reden? Klasse! Wie wäre es damit: Es heißt immer wieder, dass Bibliotheken die Gesellschaft durch ihre Aktivitäten mitgestalten. Die digitale Welt ist aber Teil unserer Gesellschaft d.h. wenn Bibliotheken die Gesellschaft gestalten wollen, dann gehört der digitale Teil der Gesellschaft mit dazu.

    Wer soll die Aufgabe der Bibliotheken definieren? Die Bibliotheken? Der DBV? Die Menschen? Die Nutzer? Die Nichtnutzer? Und wie lange wollen wir darüber diskutieren? Eines sollte hoffentlich klar sein: Bibliotheken sind keine Erziehungsanstalten, die den Menschen zeigen, was gute Inhalte sind und was nicht. Schon heute kann keine Bibliothek die Masse an Informationen überblicken, die täglich ja sogar stündlich neu zur Verfügung gestellt werden.

    Aber hättest Du meinen Artikel wirklich gelesen, dann würdest Du verstehen, dass es nicht ansatzweise darum geht, einfach mal online aktiv zu sein, ohne darüber nachzudenken. Im Gegenteil. Ich stelle gerade manche Onlineaktivitäten von Bibliotheken in Frage, weil ich der Meinung bin, dass Sie an den Bedürfnissen der Menschen vorbei gehen.

    Aber besonders ärgert mich Deine Aussage zu negativen Auswirkungen in der Politik. Von welcher Politik redest Du? Von der Kommunalpolitik, bei der immer wieder Kommunalpolitiker über die Zukunft von Bibliotheken entscheiden ohne überhaupt einen Bibliotheksausweis zu haben? Über die Politiker, für die eine Bibliothek eine Verleihstation für gedruckte Bücher darstellt? Die Politiker, die immer noch zulassen, dass viele Bibliotheken keinen freien Zugang zum Internet haben? (Von der Erlaubnis Social-Media zu nutzen ganz zu schweigen) Die Ausgaben für Kulturinstitutionen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen – die einzige Institution, die hier massive Probleme hatte sind die öffentlichen Bibliotheken. Meinst Du die Politiker, die dies alles entschieden haben? Oder meinst Du die Politiker, die dafür gesorgt haben, dass Deutschland das Land ist, in dem gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen?

    Und noch etwas: ich kann nichts dafür, dass immer mehr Medienkonzerne damit beginnen, in das Verleihgeschäft von Medien wie z.B. Filme, eBooks, Musik etc. einzusteigen. Aber dies wird einen Einfluss vor allem auf die öffentlichen Bibliotheken haben, denn Ihre Ressourcen und Strukturen sind darauf aufgebaut, Medien zu verleihen. Gewiss, Bibliotheken machen sehr viel mehr. Von der Leseförderung über Kulturevents bis hin zur Hilfe bei Facharbeiten. Aber Ihre Bezahlung und ihre primäre Wahrnehmung basiert auf dem Verleih von Medien.

    Seitdem ich Bibliotheken berate und begleite diskutiere ich über die Frage, was Bibliothek ist und was sie in der Zukunft sein kann. Wenn Du Deine Zornesröte ein bisschen verloren hast, Dein Puls sich normalisiert und Du vielleicht meinen Beitrag nochmal gelesen hast, dann können wir gerne über die Bibliotheken diskutieren. Ich bin dabei. Dann aber ohne Floskeln wie „Bibliotheken vermitteln Informationskompetenz“ oder „Bibliotheken sind ein wichtiger Bestandteil der Bildungsgesellschaft“ oder „Bibliotheken treffen eine kompetente Vorauswahl für den Medienkonsum“ oder oder oder…

    Die Digitalisierung unserer Gesellschaft stellt vieles in Frage – auch die Welt der Bibliotheken. Die längst überfällige Diskussion über die Frage, was Bibliothek sein kann und was nicht, sollte nicht nur in der Breite der Bibliothekscommunity beginnen. Wir brauchen vielmehr eine Diskussion in der Gesellschaft für was wir Bibliotheken brauchen und für was nicht. Dies ist vielleicht der Punkt, in dem wir uns einig sind. Aber: es geht bei dieser ganzen Diskussion, bei Social-Media, bei Gaming etc. nicht um Technologien sondern um eine neue Kultur, eine neue Form zu denken und zu arbeiten. Und die Frage die sich Institutionen wie Bibliotheken stellen sollten ist: sind wir damit noch kompatibel?

    Beste entspannte Grüße

    Christoph Deeg

  4. Lieber Christoph Deeg,

    eines vorweg, ich erwarte keinen Stillstand zur Überarbeitung bibliothekarischer Arbeit. Ich erwarte hingegen schon lange den Beginn einer Diskussion über die Institution. Dabei spielen Veränderungen in einer Gesellschaft die zentrale Rolle. Jene Veränderung für die Du Dir Expertenwissen angeeignet hast, ist aber nur ein Teil der Veränderungen.

    Was mich aber wieder etwas ratlos sein lässt: Du hast viele Punkte denen ich gerne zustimme und die ich für richtig halte und ebenso viele aus meiner Sicht schlicht populistische Punkte. Ich fange mit den negativen Punkten an, dann wird der Schluss netter.

    Deine Argumentation enthält schlicht nicht belegbare Punkte. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Ich weiß nicht woher der Gedanke kommt, Bibliotheken wären die einzige Kulturinstitution, die in finanzielle Probleme geraten ist. Wir haben in den letzten 20 Jahren etwa 25% der öffentlich finanzierten Orchester verloren. Theater stehen im ganzen Land immer wieder unter Druck. Auch ohne es nachgeprüft zu haben würde ich bezweifeln, dass die Kulturetats inflationsbereinigt gestiegen sind (ich prüfe das).

    Richtig ist, dass ich jene Politikerinnen und Politiker – die nur ein Abbild der jeweiligen Gemeinschaft darstellen – meine, die jene Bibliothekspolitik betrieben haben, die wir alle sehr gut kennen. Nur beruht eben das auf einem selbst erfundenen Fehler: der Definition über Zahlen, also über das Verleihen. Es ist, wenn man den Spieß umdreht, gar nicht der Fehler der Politik gewesen, sondern der Fehler des Berufsstandes eine Argumentationskette zu entwerfen, die kaum mehr als Zahlen enthielt. Ein Problem ist aber die Finanzierung der Bibliotheken zum jetzigen Zeitpunkt. Die ist eben jetzt zu diskutieren und dafür braucht es fundierte Argumente. Insofern geht die Annahme ich wolle innehalten eh fehl.

    Auch der pädagogische Teil – der über die Schulen – irritiert mich. Du entwirfst Erfolgsfaktoren für „gute“ Pädagogik, die Du so nicht belegen kannst. Sicher wäre es toll, wenn jede Schülerin und jeder Schüler ein iPad hätte, ob das pädagogisch nützlich ist – wer weiß. Bisher ist es eine schlichte Behauptung.

    Die Frage ob und wie wir noch Bücher brauchen, wann und in welcher Form entscheiden die Menschen selbst. Wir stehen ihnen dabei zur Hilfe zur Verfügung. Wir können aber noch wesentlich mehr gestalten. Die Frage ist eben wo die Bibliothek zukünftig eingeordnet wird. Die Verleihstation mit Animationsanteil hatte noch nie eine Daseinsberechtigung! Diese Bibliotheksform ist eine Ausgeburt der bertelsmannisierten Bildungswelt.

    Bei mir wirst Du in einer Zukunftsdiskussion nie das Wort Infokompetenz etc. finden. Du wirst vor allem das Wort Verantwortung hören.

    Bester Grüße vom gar nicht so kopfroten

    DonBib

    PS Später mehr

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