Nürnberger Argumentationsirrsinn

Man mag ja vom Gebührenmodell der Stadtbibliothek Nürnberg halten was man will. Wo sich aber jede Zurückhaltung verbietet ist die an Dämlichkeit kaum zu überbietende Argumentationsstrategie der Bibliothek. Wer also die ganze Absurdität des KundInnenbegriffs aus der Nähe betrachten möchte, der sollte sich dem folgenden Artikel aus dem aktuellen Heft 3 des „Bibliotheksforum Bayern“ widmen:

Silvia Reiß: Ausleihen ohne Jahresgebühr! Neues Gebührenmodell der Stadtbibliothek Nürnberg

Vorweg mal schnell das Gebührenmodell:

Verlängerung
(gleicher Zeitraum wie Erstentleihung):
Kindermedien: kostenfrei
Jugendmedien: 0,50 €
Medien für Erwachsene: 1,00 €

Verzugsgebühr
(pro angefangene Woche)
Kindermedien: 0,10 €
Jugendmedien: 1,00 €
Medien für Erwachsene: 2,00 €

Vormerkung
(pro Medium) 1,50 €

Die Gebührensatzung und weitere Informationen im Detail

So wunderschön das klingt „keine Jahresgebühr in der Stadtbibliothek Nürnberg“ so hoch ist der Preis für diese Idee: der Eingriff in die Lesegewohnheiten der Bibliotheksbesucherinnen und -besucher. Herkömmliche Gebührenmodelle mit Jahresgebühr sind die Reaktion auf aktuelle politische Forderungen nach Einnahmen in Bibliotheken. Bildungspolitisch sind diese Einnahmefantasien der Stadtpolitikerinnen und -politiker natürlich viel zu kurz gedacht, da verpasste Bildungschancen später sehr viel kostspieliger aufgefangen werden müssen. Der Weg der Stadtbibliothek Nürnberg schafft somit zwar die Nutzungsbarriere „Jahresgebühr“ ab, steuert aber das Nutzungsverhalten dahingehend, dass nicht mehr Zusammenhänge und Interesse das Leseverhalten bedingen sondern die Frage: was schaffe ich in 28 Tagen. Wer die „Verlängerungsgewohnheiten“ in Stadtbibliotheken kennt, der weiß um die Stärke des Eingriffs in das Leseverhalten.

Wer nun meint meine Argumentation wäre doch zu weit hergeholt, den möchte ich auf die Aussagen im oben genannten Artikel verweisen. Hier ein paar Auszüge:

Die Tendenz der Bibliotheksnutzer, Gebühren zuvermeiden, war unverkennbar […]

Die bösen GebührenvermeiderInnen…

Ein weiteres Problem ergab sich durch die Möglichkeit, Medien zweimal kostenfrei zu verlängern, soweit sie nicht anderweitig vorgemerkt waren. Die (nachvollziehbare) Kundenstrategie war: möglichstviele Medien auf einmal entleihen und diesemöglichst lange (bis zu 12 Wochen) behalten. Das Ergebnis waren teilweise leere Regale; begehrte Medien waren oft nur per (kostenpflichtiger) Vormerkungerhältlich.

Ja – genau das soll genau so passieren – oder nicht?!?

Die Diskussion war kontrovers, befürchtet wurde vor allem ein massiver Rückgang der Entleihungen – nach wie vor zentrale Kennzahl für den Nachweis der Leistung einer Bibliothek.

Ähm – nö… Nur für oberflächliche BIX-DödelInnen.

Während dieser Formulierungen wabert der Begriff Kunde / Kundin fröhlich durch die Gegend und wir lernen warum der Begriff falsch ist und bleibt: Kundinnen und Kunden sind ein Werkzeug mit denen ich MEINE Unternehmensziele erfülle (nicht die der vermeindlichen Kundinnen und Kunden), in diesem Fall – leere Regale vermeiden und möglichst effektiv Geld eintreiben. Denn eines ist klar, eine Stadtverwaltung hält jenes Mittel für sinnvoll, das möglichst sicher die geplante Menge an Geld eintreibt. Willkommen in der Bildungsrepublik Deutschland – ihr Kunden und Kundinnen.

DonBib

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