(K)eine Hymne. Der Bibliotheksspot(t) 2013. Ein Abgesang.

Ein bisschen mag ich mit der Kritik am neuen „Imagefilm“ des dbv, dem Bibliotheksspot 2013 (den ich eigentlich nur noch mit doppeltem „t“ am Ende schreiben möchte), hinterher hinken. Meine Hinkerei ist aber einfach darin begründet, dass ich bis auf einzelne pöbelnde Ausbrüche sprachlos war und eigentlich immer noch bin. Stefanie Hotze hat auf ihrem  Blog ja schon einiges dazu gesagt. Trotzdem ist noch wenigstens ein Punkt im Text offen den ich anschneiden möchte und zudem sind auch noch einige grundsätzliche Dinge zu sagen.

Ich verharre auch jetzt noch  manchmal in stiller Andacht, wenn ich mir bewusst mache, dass der dbv die Lyrics seines Bibliotheksspotts auch noch als PDF verschickt hat. Als wäre der Spot selbst nicht schrecklich genug, sollten wir uns wohl mittels schriftlicher Darlegung darüber bewusst werden, dass die zentrale Interessenvertretung unseres Berufsstandes in eigenen Sphären verschwunden ist. Während ich bei den Stühlen und Tischen einfach nur sprachlos ob der Sinnlosigkeit war, rätsele ich noch heute über die Büchernahrung und das daraus entstehende neue Land.

So weit, so schlecht. Ein ganz zentrales Wort ist bisher aber noch gar nicht betrachtet worden und ich halte es in dieser Form auch für gefährlich. Gleichwohl demonstriert dieses Wort sehr gut, welchen Mangel es in der bibliothekarischen Diskussion gibt und die Tatsache, dass dieser Mangel sich vom bibliothekarischen Alltag bis tief in die Bibliothekswissenschaft zieht.

Das Wort ist: Wahrheit.

Dieses Wort ist auf Bibliotheken bezogen zugleich grober Unfug und absolut richtig. Einerseits beinhaltet es die Frage, inwiefern mehr oder weniger Wahrheit in Büchern, CDs oder ganz Allgemein in Medien steckt. Andererseits demonstriert dieses Wort sehr gut, welchen Fragen sich insbesondere die Öffentlichen Bibliotheken beharrlich verweigern: die Frage nach der eigenen Verantwortung und die Frage nach der Wirkung der Medien und deren Inhalte.

Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die ihre Bibliotheksbesucherinnen und -besucher „Kunde“ bzw. „Kundin“ nennen, können übrigens hier aufhören zu lesen, denn es spielt für ihr Bibliotheksbild keine Rolle. Ethisch-moralische Verantwortung und Wirkung sind keine Vokabeln eines betriebswirtschaftlich geprägten Bildungsbegriffs.

(Sie sollen natürlich NICHT aufhören zu lesen!)

Selbstverständlich beinhalten Medien jeder Form, insbesondere aber auch Bücher, einen Wahrheitsbegriff. Die eigene Sozialisation beeinflusst wie wir Medien wahrnehmen und werden damit auch Teil unserer Sozialisation. Die eine liest Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, holt sich danach noch Fachbücher und denkt abschließend: was für ein Rassist, da muss ich was machen. Der andere liest es einfach so und am nächsten Tag denkt er sich: klar, die „dümmlichen“ Ausländer sind ja schuld an allem (siehe dazu auch den Artikel: „Alles Grauzone – Bibliotheken in die Pflicht nehmen“). Insofern spielt der Begriff Wahrheit eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung von Medien. Hieraus resultiert die Verantwortung die wir in Bibliotheken tragen, sofern wir uns Bildungseinrichtung nennen wollen. Wir statten Medien die es in unseren Bestand schaffen mit einer Art Wahrheitssiegel aus. Das mag auf den ersten Blick weit hergeholt sein, trifft aber den Kern. Haben wir uns entschieden Medien ins Haus zu holen, die womöglich mit menschenverachtenden Inhalten aufwarten, tragen wir (!) Verantwortung für die daraus entstehende Sozialisation. Selbstverständlich geht es dabei nicht darum die Erfahrungen jedes / jeder Einzelnen zu steuern, es geht um die  kritische Begleitung der Rezipientinnen und Rezipienten. Bibliotheksbesucherinnen und -besucher sollen befähigt werden, sich mit den konsumierten Inhalten kritisch auseinandersetzen zu können.

Ich wiederhole es gerne immer wieder neu: ohne kritische Begleitung unseres Angebots, auf Grundlage derAllgemeinen Erklärung der Menschenrechte, sind wir nichts anderes als „Medienverleihstationen mit Animationsanteil“. Ein Traum für viele, ich weiß, aber eben auf diese Art keine Bildungseinrichtung. Dabei kann ich mir einen Seitenhieb auf die Heldinnen und Helden des Web Zwei Null nicht verkneifen: was ich bisher gesehen habe, ist dasselbe verantwortungsfreie Präsentieren von Inhalten, nur eben nicht mehr analog, sondern digital.

Was also der dbv hier mit Wahrheit sagen wollte weiß ich nicht. Angesichts dessen was dieses Wort umgibt und angesichts fehlender bibliothekarischer Diskussionen über die eigene Verantwortung, halte ich den Begriff in dieser Form für anmaßend und gefährlich(!). Wir haben weder die Wahrheit im Hause, noch kann man sie bei uns finden. Was wir bieten sollten ist: Hilfestellung bei der Reflexion der angebotenen Inhalte. Dafür müssen wir aber die Struktur der Arbeiten in Bibliotheken ändern und das Personal.

Abschließend: Dieses Video des dbv ist großartig, denn es ist ein Image-Video. Es demonstriert das Selbstbild des dbv und demontiert diesen somit. Als Gegensatz zum Image-Video verstehe ich Werbe-Videos, die kein Selbstbild transportieren sollen sondern Emotionen wecken.

Ein perfektes Beispiel für ein solches Video ist dieses, vor ein paar Tagen erschienene, vom Büchereiverband Österreichs:

DonBib

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