Schwimmen an der Oberfläche – eine Replik auf die Reaktionen auf Passigs Bibliothekskritik

Seit Tagen beschäftigt mich die Frage, wieso mich all die verschiedenen Reaktionen der Bibliothekswelt (eine Übersicht findet sich hier: Gelesen in Biblioblogs (45.KW’13)) auf Kathrin Passigs Bibliotheksartikel so langweilen bzw. bisweilen abstoßen. Die meisten Artikel sind eigentlich ganz nett und tun niemandem weh – was ganz offensichtlich mein Problem ist. Um etwas geordnet zu antworten, möchte ich meine Replik in drei Punkte unterteilen:

1. Von der Verallgemeinerungssuppe

2. Von der Verweigerung die Konsequenzen beim Namen zu nennen

3. Vom fehlenden Selbstbild

Von der Verallgemeinerungssuppe

Was bei Kathrin Passig mithin zuerst deutlich ist: die Verallgemeinerungssuppe. „Die Bibliotheken“ gibt es nicht. Nun zu glauben, die bibliothekarischen Reaktionen würden diesen Fehler auflösen ist ein Irrtum. Hier findet die Differenzierung fast ausschließlich auf der größtmöglichen Oberfläche statt: Öffentliche Bibliothek oder Wissenschaftliche Bibliothek. Darauf aufbauend ergießt sich dann die persönliche Motivation, verbunden mit ein paar Allgemeinplätzen, zum selbstdefinierten Nutzen einer Bibliothek. Hinzu kommt nun noch ein Gleichklang aus Ignoranz gegenüber eigener Verantwortung (hierzu findet man kaum bis gar keine Textstellen) und der Anmaßung der Steuerung des gesellschaftlichen Zwecks bibliothekarischer Arbeit durch uns allein. Gern wird dabei herausgestellt, wie sehr die NutzerInnen nun im Mittelpunkt der Arbeit stünden – wenn nicht gar die KundInnen – ohne aber diesen Ansatz über die „Anpassung“ an die NutzerInnen oder KundInnen hinaus zu verfolgen.

Beispiel Öffentliche Bibliotheken: Was in diesen Rechtfertigungsversuchen völlig fehlt ist die Herausstellung des Zweckes lokaler bibliothekarischer Arbeit. Warum z.B. erklären wir zukünftig eBook-Reader und wem erklären wir sie? Warum beschäftigen wir uns mit Computerspielen oder warum nicht? Warum haben wir vielleicht neuerdings einen Altenpfleger oder eine Krankenschwester im Team oder in einem lokalen Verbund integriert? Wer definiert den Mittelpunkt der lokalen bibliothekarischen Arbeit? Die Schwäche, insbesondere auch vieler Texte über Social Media, ist die Faulheit den Zweck der über Kommunikation hinaus geht zu benennen oder zu diskutieren bzw. wenigstens anzuschneiden. Erst die Erläuterung des Zieles einer Einrichtung, des Grundes der Einbindung in bestimmte Abläufe eines Bildungs-, Kultur- oder Sozialsystems, macht die Formen der eigenen Arbeit plausibel. Diese Plausibilität erst ermöglich es die Schwächen des Textes von Passig zu verdeutlichen, nämlich – bspw. bezogen auf Öffentliche Bibliotheken – die Ahnungslosigkeit der Autorin bezüglich der Wirkungsweisen lokaler und teilweise überregionaler (genauer vllt. kommunaler) Bildungs-, Sozial- und Kulturarbeit.

Eine kleine Grätsche noch: ich habe neulich den Satz gelesen: „Die Zeiten, in denen wir als Bibliotheksmenschen unseren Nutzern gesagt haben, was sie lesen sollen und was Kultur ist sind vorbei.“ Das stimmt wohl. Stattdessen schreiben wir ihnen vor, auf welchen Plattformen sie mit uns kommunizieren dürfen.

Von der Verweigerung die Konsequenzen beim Namen zu nennen

Was in den bibliothekarischen Antworten auch deutlich wird ist, dass die Diskussion der Zukunft bibliothekarischer Arbeit mit der völligen Verweigerung personelle Konsequenzen zu benennen einher geht. Die Konzentration auf bestimmte Aufgaben, von RechercheexpertInnen hin zu speziell zur Arbeit mit dementen Menschen ausgebildetem Bibliothekspersonal, erfordert eine deutliche Professionalisierung und somit, um es mal ganz platt zu sagen, deutlich mehr Geld. Auch die Umgestaltung der Bibliotheksräume und zusätzliche digitale Aufgaben erfordern zusätzliche finanzielle Mittel. Ich beobachte aber immer wieder, dass es kaum den Mut gibt zu erläutern woher dieses Geld kommen soll bzw. wie bibliothekarische Arbeit umgestaltet werden muss, um diese Gelder frei zu machen (außer der Forderung nach mehr Geld, die auch berechtigt ist, aber am Grundproblem nichts ändert). Eine vernünftige Zukunftsdiskussion beinhaltet auch, zahlreichen KollegInnen zu erläutern, dass es für ihre aktuellen Qualifikationen keinen Bedarf mehr geben wird. Das gilt für die Medienbearbeitung in gleichem Maß, wie für die Katalogisierungsabteilungen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Wenn wir uns aber weigern die Konsequenzen einer möglichen Zukunft bibliothekarischer Arbeit zu benennen, sowohl aus Sicht der BibliotheksbesucherInnen, als auch aus der Sicht des Berufsstandes, ändern wir ausschließlich die Form der Kommunikation der Inhalte unserer Arbeit, nicht aber die Arbeit selbst. Unabhängig davon ist es schlicht unsozial, den KollegInnen die Aspekte einer veränderten bibliothekarischen Arbeit der Zukunft vorzuenthalten.

Vom fehlenden Selbstbild

Die ersten beiden Punkte zeigen meiner Ansicht nach etwas, dass ich bereits öfter angesprochen habe: das fehlende Berufsbild. Die Unsicherheit über das was wir mal Bibliothekar bzw. Bibliothekarin nannten scheint so groß zu sein, dass sich viele auf das Beschreiben ihres Alltags und den großen oder weniger großen Freuden, die dabei entstehen, zurückziehen. Garniert wird das dann mit größtmöglichen Schlagwortblasen: Informationskompetenz, Lesekompetenz, Demokratie oder andere schöne Dinge. Ein Blick hinter diese als Schlagwort in den Raum geworfenen Kulissen bietet kaum jemand.

Auch wenn ich mich wiederhole: die Beschäftigung mit dem Berufsbild bleibt zentral, denn es ermöglicht uns selbstbewusst unsere Rolle im Bildungssytem und als sozialer wie kultureller Ort zu finden. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach, um mal eine Idee zu formulieren, nennen wir zukünftig BibliothekarInnen solche Menschen, die in Bibliotheken (ich bleibe einfach bei der Bezeichnung) die Schnittstelle zwischen den vielen Fachleuten anderer Fachrichtungen bilden. Wir versammeln also unter unserem Dach, entsprechend unseres lokalen Auftrages, ExpertInnen. Ich hoffe es war sichtbar: wir sammeln. Es bleibt also irgendwie auch im Rahmen der alten Inhalte. Auch nett, oder?

DonBib

7 Gedanken zu “Schwimmen an der Oberfläche – eine Replik auf die Reaktionen auf Passigs Bibliothekskritik

  1. Zwei erste Anmerkungen:
    1.“ zahlreichen KollegInnen zu erläutern, dass es für ihre aktuellen Qualifikationen keinen Bedarf mehr geben wird“ Qualifikationen vs. aktuelle Tätigkeitsbeschreibungen? Dsa muß nicht deckungsgleich sein und ist m.E. eher ein generelles Problem von Arbeitsorganisation und Fortbildung – ungeachtet von Bibliothek 2.0 oder 5.0.
    2.Vorsicht mit den Experten! Die Expertokratie ist m.E. eher ein Teil des Problems als der Lösung. Ein Teil des selbstunsicheren Berufsbildes dürfte genau darin liegen, sich gefühlt unter den ganzen Experten in einer nicht vollwertigen Rolle zu befinden. Gerne werden besagte Experten dann auch zu Rate gezogen, ob es paßt oder nicht. Das Ergebnis sind fremdgesteuerte Bibliotheken. Ungeachtet der verwendeten Technik kann man dem ein durchaus antiquiert zu nennendes Arbeitsethos der Bibliotheksarbeit entgegensetzen: das von, in Teilen spezialisierten, Generalisten. Zwischen den für jeden Mondaufgang separaten Expertenschubladen könnte Bibliotheksarbeit den Überblick liefern, an dem es verstärkt mangelt. Das ist nicht in erster Linie eine Frage der Techniks, sondern des Zugangs zur Materie; die Technik kann dabei durchaus als gutes Werkzeug genutzt werden.
    Selbst denken!

  2. Moin,

    erstmal vielen Dank für den Kommentar.

    Zu 1.: ich stelle mir schon die Frage, ob es in naher Zukunft noch in dieser Menge den Bedarf am mittleren Dienst geben wird. Das ist sicherlich eine Frage der Gestaltung, aber absolut diskussionswürdig.

    Zu 2.: Das ist doch genau der Punkt. Die Steuerung erfolgt durch einen demokratischen Rahmen, nicht durch uns selbst. Wir erfüllen Aufgaben und nicht einen Selbstzweck. Wenn nun die Aufgaben durch unsere bisherige Grundbildung nicht mehr zu erfüllen sind, dann können wir freudig auf die Schließung warten oder uns fachlich in gebotenem Maße weiterentwicklung. Das ist zum einen sicherlich die Weiterbildung, so sehe ich das auch. Andererseits stellt sich schon die Frage, warum ich noch einen allgemeinen Bibliotheksmenschen ausbilden soll, wenn ich nachher MedienpädagogInnen bräuchte. Ich erwarte nicht, dass ich hier die perfekte Lösung habe, aber es wäre schon schön das Thema mal mit Inhalt zu füllen und nicht immer nur neue Farbschichten auf die alte Tapete aufzutragen. Trotzdem sind wir uns auch irgendwie einig. Notwendig sind definitiv Personen, die fähig sind einen Überblick zu behalten. Ich sehe nur nicht, dass es einen bibliothekarischen Studiengang gibt, der das bieten kann.

  3. Was mir bei den Reaktionen aus der Bibliothekswelt fehlt: Warum erfolgen die Antworten alle „lediglich“ in der Blogosphäre? Gibt es denn niemanden aus der Branche, der souverän, kritikfähig, fachlich und optimistisch genug ist, eine Replik in Die Zeit o.ä. zu veröffentlichen (dürfte bei einem entsprechenden Niveau des Artikels nicht allzu schwierig umzusetzen sein).
    Da schreibt eine Autorin aus der Sicht einer „einfachen Nutzerin“, sprich Laie, in der wichtigsten überregionalen Wochenzeitung eine Kritik am derzeitigen Zustand der Bibliotheken. Über Räume und Dienstleistungen offenbar, die sie nicht ansprechen. Wie viele Leser und potentielle Bibliotheksnutzer werden dem wohl zugestimmt haben und sich in ihrer Meinung bestätigt gefühlt haben? Und wir? Wir diskutieren eifrig in unserer eigenen Suppe, Beiträge werden lediglich in den eigenen Reihen rezipiert. Die Chance, den allgemeinen Lesern mit einer „gutgelaunten“ und realistisch-optimistischen Replik eine andere Sichtweise zu ermöglichen… vertan.

  4. Genau, die teils endlos langen Statements von vielen hochmotivierten, engagierten,belesenen, informationskompetenten usw.BibliothekarInnen sind sicher alle ehrenwert, aber eben wirklich auch immer ein bisschen am Thema vorbei. Da kommt so eine schnittig formulierende Berlinerin mal eben in viel gelesenen Online Medien daher (und nicht, mit Verlaub, in InsiderBlogs) und was macht das offizielle Sprachrohr der Bibls bzw. der direkt angesprochene DBV-Vorsitzende? Nichts (oder ich habs verpasst?) und das passt für mich ins Berufsbild…
    Ich arbeite wirklich gern im Papiermuseum und habe mich über einige von Passigs Meinungen geärgert, in manchen Bereichen hat sie aber völlig Recht.
    Ich träume also weiter zwischen googeln und blättern in verstaubten Seiten von einem neuen, etwas „dynamischeren“ Berufsstand….denn mir scheint so eine Bibliothek mit Menschen darin trotz 5.0 etc., immer noch etwas „gutes“ zu sein.

  5. „Warum erfolgen die Antworten alle “lediglich” in der Blogosphäre?“

    „Alle haben sich TA-DEL-LOS benommen. Jeder hat’s gewusst, aber keiner hat was gesagt“ (Hanns-Dieter Hüsch)

    Anschlusskommunikation ist der GAU für heikle Themen, aktives Beschweigen („Don’t feed the trolls“) ist das Mittel der Wahl. Der permanente Verweis auf die profesionellen Standards hat zudem die Funktion, unter Strafandrohung der Amateurhaftigkeit eine ohnehin unsichere Berufsgruppe einzuschüchtern.

    Das homöopathische Gerangel einiger untergeordneter Chargen ist letztlich unnötig:
    „The question is,“ said Humpty Dumpty, „which is to be master – that’s all.“
    (http://www.fecundity.com/pmagnus/humpty.html)

  6. Mich beschäftigt aus der Distanz von zwei Wochen zum Artikel von Kathrin Passig eher die Frage, weshalb gerade ihre nicht einmal gut geschriebene Kolumne, die keine einzige neue oder originelle Aussage enthält, für derart viel Aufsehen sorgte. Jeder Vorwurf, jedes Klischee, jede Prognose, die Kathrin Passig dort zusammenwürfelte, kann schon als diskursive Dutzendware gelten. Offensichtlich habe ich, wie ich nun sehe, den Beitag selbst sehr unterschätzt. Mein Prognose ging eher in Richtung eines Strohfeuers über den Nachmittag. Allein der Ausschlag der Zugriffe auf meine Anschlussreflektion im LIBREAS-Weblog, die leider oft als versuchte Replik gelesen wurde, über diese zwei Wochen war schon erstaunlich.

    Ich verstehe allerdings nicht, warum das Bibliothekswesen meint, sich wie auf Zuruf vor Kathrin Passig und ihrer betont subjektiven Stellungnahme rechtfertigen zu müssen. Sie hatte eine schlechte Diskussion auf der Buchmesse, sie mag Buch und Bibliotheken nicht sonderlich, sie ist fokussiert auf die Größe Information und ob es öffentliche oder wissenschaftliche oder Spezialbibliotheken gibt, bleibt ihr weitgehend egal.

    Ihr geht es um „Volltextsuche und die Einordnung in multiple [digitale] Regale“ und an dieser Stelle sind digitale Informationsstrukturen, wie sie auch in digitalen Bibliotheksräumen (jedes Zuschnitts) existieren (können) den realräumlichen Bibliotheken ihrer Natur gemäß überlegen. Alle anderen möglichen Eigenschaften, Rollen, Aufgaben und Möglichkeiten einer Bibliothek interessieren Kathrin Passig in ihrem Text nicht. Sie argumentiert folglich ziemlich eindimensional. Wir müssen darauf gar nicht eingehen.

    Es gibt Bibliotheken, sie werden sehr rege genutzt, was darauf hindeutet, dass die Dienste irgendwie passen. Punkt. Wieso sollte man sich darüber hinaus auf breiter Front Kathrin Passig gegenüber rechtfertigen? Die Bibliotheken haben ihr gegenüber keine Bringschuld. Sondern gegenüber den Nutzern.

    Dass die für die Bibliothekslobby zuständigen Akteure an dieser Stelle derart bedeckt bleiben, bleibt natürlich unglücklich. Den Bloggern aus der Fachwelt vorzuwerfen, sie würden nicht passgenau (bzw. langweilig bis abstoßend und immer zu zahm) gegenüber einer Journalistin kontern, die ihm Fall ihrer ZEIT-Kolumne in bewundernswerter Nonchalance ihr Brot routiniert damit verdient, dass sie ihre persönlicher Meinung in flockiger Rhetorik zum Besten gibt, erscheint mir ein bisschen zuviel der Erwartung zu sein.

    Die Fragen, die der Beitrag oben aufwirft, weisen aus meiner Sicht bereits auf einen sinnvolleren Weg. Für die Bibliotheken ist vielleicht ganz gut, die „schnittig formulierende Berlinerin“ als Impuls und nicht etwas als Maßstab anzunehmen und eine fundiertere Debatte zur Differenzierung der Aufgaben und Möglichkeiten von Bibliotheken, zum Berufsbild und vielleicht auch zur Lobbyarbeit aufzunehmen. Eine Debatte, die übrigens schon sehr lange läuft, wenn auch etwas ungeordnet und vielleicht auch etwas zahm. Warum der Fachdiskurs und die Bibliothekswissenschaft in Deutschland derzeit ein bisschen zu schwächeln scheinen, wäre sicher etwas, das mit auf die Agenda gehört.

    In ihrer Praxis jedoch, so leid es mir tut, scheinen die Bibliotheken, die ich kenne, eine sehr gute, zeitgemäße und nachgefragte Arbeit zu leisten und daher sollten sie die mehr esels- als schlitzohrigen Sticheleien à la „Papiermuseen“ auch gelassen gleich wieder aussondern.

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