Stellenirrsinn und fachlicher Quark

Vor wenigen Tagen flatterten bei forumoeb zwei Stellenangebote der Stadtbibliothek Bremen herein. Hier einige Auszüge:

Die Stadtbibliothek Bremen, Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen sucht für die Stadtteilbibliothek Huchting ab 1. Mai 2014

eine/n engagierte/n und kundenorientierte/n Fachangestellte/n für Medien- und Informationsdienste – Fachrichtung Bibliothek– bzw. eine Bibliotheksassistenten/in mit halber Wochenstundenzahl – 19,5 Stunden – Vergütung nach Entgeltgruppe 6 TVöD
bei Bewerberinnen und Bewerbern ohne vorherige Erfahrung in dem Aufgabengebiet erfolgt die Vergütung in der Einarbeitungszeit zunächst nach Entgeltgruppe 5 TVöD

Folgende Aufgabenschwerpunkte erwarten Sie:

  • Planung und Durchführung von bibliothekspädagogischen Veranstaltungsformaten für Kinder im Vorschulbereich sowie Schüler/innen
  • Allgemeine Einführungen in die digitalen Angebote der Stadtbibliothek Bremen und die Nutzung der Publikums-PC Kund/innen im Rahmen des Informationsdienstes
  • Etatverantwortung, Bestandsaufbau- und pflege für diese Bestandsgruppen

(Quelle: forumoeb)

Ich könnte mich jetzt über die wie üblich fachlich falsche Verwendung des KundInnenbegriffs aufregen, aber die Stadtbibliothek Bremen hat hier sogar noch einen drauf gesetzt.

Der KundInnenbegriff wird in diesem Fall nicht nur für den bibliothekarischen Raum genutzt, sondern auch noch in Verbindung mit dem Begriff der Pädagogik. Dieser Ansatz stellt dann die Verhältnisse doch auf den Kopf. Der KundInnenbegriff hat im Zusammenhang mit Pädagogik insbesondere deshalb noch weniger Platz als im bibliothekarischen Raum, weil sich das Verhältnis LehrerIn zu SchülerIn nicht in das Verständnis freier marktwirtschaftlicher Aushandlungsprozesse pressen lässt. Unsere Sprache beinhaltet das Verständnis von sozialem Sinn. Verschiedene Komplementärrollen, z.B. Arzt/Patient oder Anwältin/Mandantin oder in unserem Fall LehrerIn/SchülerIn, enthalten gesellschaftlich anerkannte und bekannte Problembezüge. PatientInnen legen bspw. die Macht über ihren eigenen Körper und ihre Gesundheit in fremde Hände, nämlich die des Arztes oder der Ärtzin. Ähnliches lässt sich über das Verhältnis von LehrerInnen und SchülerInnen sagen. Selbstverständlich sollten Bildungsprozesse im Idealfall immer ein geben und nehmen beinhalten. Trotzdem herrscht ein Machtgefüge vor, dass es transparent zu benennen gilt. Wer KundIn zu seinen SchülerInnen sagt, der verschleiert die Machtverhältnisse, die in dieser Beziehung vorherrschen. Die Kenntnis und das Bewusstsein für bestehende Machtverhältnisse ist aber die Grundlage aller demokratischer Prozesse. Wir haben es also mit dieser Stellenausschreibung mit einem doppelten fachlichen Klops zu tun.

Der Gipfel der Klöpse, quasi der Klopsgipfel, ist dann die Bezahlung dieses Jobs mit E6. Die Erstellung pädagogischer Konzepte an einer Bildungsbiographien beeinflussenden Stelle des Bildungssystems, die sehr machtvolle Möglichkeiten hat, wird mit einer E6 vergütet.

Herzlichen Glückwunsch liebe Bildungsrepublik…

Achso, die in dieser Stellenausschreibung beschriebenen Aufgaben, lese ich sehr häufig auch in bibliothekarischen Stellenausschreibungen – wem sollte das jetzt wie und warum zu denken geben?

Schließen möchte ich dann noch mit einem netten Zitat zur KundInnenorientierung. Frei nach Bojan Godina:

Durchaus human klingende Begrifflichkeiten, wie die der KundInnenorientierung, sollten jedoch nicht dazu verleiten, das Absatzprinzip als das dahinter stehende Grundkonzept zu übersehen. Das Ziel dieses Grundkonzeptes ist es demnach, eine Wertehierarchie im Menschen zu postulieren und zu fördern, die sich an den Produkten des Konsums als höchstes menschliches Gut orientieren.

DonBib

3 Gedanken zu “Stellenirrsinn und fachlicher Quark

  1. Danke für den kurzen und informativen Beitrag.
    Wenn ich mir die Stellenausschreibung und vor allem die Bezahlung so anschaue sticht mit vor allem auch folgender Satz ins Auge:
    „bei Bewerberinnen und Bewerbern ohne vorherige Erfahrung in dem Aufgabengebiet erfolgt die Vergütung in der Einarbeitungszeit zunächst nach Entgeltgruppe 5 TVöD“
    Das klingt für mich ganz so, als wäre der Niedrig-Lohn-Sektor mittlerweile auch im Bibliothekswesen angekommen.
    Liebe KollegInnen, wenn ihr wollt dass eure Angestellten vernünftige Arbeit leisten, dann bezahlt Sie auch vernünftig!
    Die E5/ E6 für diese Stellenbeschreibung ist Ausbeute und unter aller Sau!

  2. „Die E5/ E6 für diese Stellenbeschreibung ist Ausbeute und unter aller Sau!“
    Herzlichen Glückwunsch, das Ihnen das auch schon auffällt. Ich würde es so formulieren: Die Besetzung von halben Teilzeitstellen auf E5 und E6 TVöD oder auch TV-L sind eine Katastrophe (= ein Azubi hat teils sogar mehr Gehalt!). Aber falls Sie es noch nicht wussten: Im Berliner öffentlichen Bibliothekswesen werden ausgebildete FaMIs teils auf E3 übernommen. Ähnliches niedriger als E5 TV-L bei FaMIs ist mir auch sogar schon von einer wissenschaftlichen Bibliothek (wir wollen ja keine Namen nennen…meine Ausbildungseinrichtung war es glücklicherweise nicht) zu Ohren gekommen.

  3. Die Stellenbeschreibungen für E3 würde ich gerne mal sehen… ungelernte Tätigkeiten (auf dem Papier) sind das, wenn ich mich richtig erinnere.

    Aber deswegen gilt auch immer wieder: darüber sprechen, auf öffentlichen Bib.Foren anmerken (im Zweifel anonym) und kritisieren. Sonst ändert sich daran nichts.

    Als kleiner Zusatz: Alex braucht man nicht zur Erkenntnis gratulieren, die weiß sowas (was man am Beitrag gut erkennen kann) 😉

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