Fachliches Versagen oder bewusst schädigendes Verhalten

Zur Frage „Warum ich die Onleihe zum kotzen finde“ hat Dörte Böhner fast alle Aspekte so gut beschrieben, dass allein der Verweis auf den Artikel bereits genügen sollte. Es gibt allerdings einen Aspekt den ich noch vertiefen möchte und der betrifft die fachliche Dimension. Mit dem Start der Pilotphase haben drei Onleihe-Anbieter – die Stadtbüchereien Düsseldorf, die Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und der Onleihe-Verbund Oberlausitz – beschlossen, ein Paradigma Öffentlicher Bibliotheken zu brechen, das zwar durch den Bestsellerservice schon angegriffen aber noch existent war: die Öffentliche Bibliothek als nicht-kommerzieller Ort.
Ich lasse im Folgenden den Onleihe-Verbund Oberlausitz außen vor, da ich die Bibliotheken direkt ansprechen möchte und das mit Düsseldorf und Hamburg sehr viel besser und plakativer funktioniert. Im Übrigen hat eine Teilnehmerin des Onleihe-Verbundes Oberlausitz, die Stadtbibliothek Bautzen, aktuell mit Versagen an ganz anderer Stelle zu kämpfen (mehr Informationen hierzu findet man auf dem Lauter Bautz’ner Blog – Stichwort: AsylbewerberInnen).

Die Stadtbüchereien Düsseldorf und die Hamburg Öffentlichen Bücherhallen müssen sich, hierbei ist natürlich insbesondere die Leitungsebene gemeint, fragen lassen, ob die Teilnahme an der Pilotphase bewusst das oben genannte Paradigma zerstören sollte, im Sinne eines (fachlich) falsch verstandenen KundInnenbegriffs ein mehr an Dienstleistung darstellen soll oder die Auswirkungen schlicht unterschätzt wurden. Jedwede Antwort hierauf ist schlecht. Sind die Auswirkungen in rechtlicher und ethischer Hinsicht unterschätzt worden, haben wir es mit einem  krassen fachlichen Versagen zu tun, das ich mir kaum erklären kann. Ist die Entscheidung im Bewusstsein der Risiken gefällt worden, haben wir es mit einem Verhalten zu tun, dass im Sinne der vorgeblichen Beförderung der Dienstleistungsqualität (im Rahmen des armseligen bibliotheksfachlichen Verständnisses davon) einen erkennbar negativen und ohne Fachdiskussion beschlossenen Paradigmenwechsel einläutet. Die Bibliothek ist nunmehr Teilnehmerin am Markt. Sie generiert mit ihrem Verhalten Provisionen für ihre eigene Bilanz. Die bisher schon intransparenten bibliothekarischen Entscheidungsprozesse bekommen nun noch einen zusätzlichen finanziellen Aspekt. Hierbei verstoßen Hamburg und Düsseldorf nicht nur gegen das Mantra des dbv „Öffentliche Bibliotheken als nicht-kommerzieller Ort“, sondern auch mehrfach gegen den „Code of ethics“ des dbv. Ich habe daher eine Anfrage an die Ethik-Kommission des dbv gestellt, mit der Bitte der Klärung des Sachverhaltes bzw. mit der Bitte um eine Stellungnahme. Die entsprechende Anfrage findet sich im Wortlaut am Ende dieses Blogbeitrages.

Es ist, Dörte hat es wunderbar formuliert, bereits anstrengend sich die Onleihe schönzureden, denn wir unterstützen als Bibliotheken ein unsägliches System. Dieser Kaufknopf mit anschließender Provision für die Bibliotheken widert mich aber schlicht an. Ich kann dafür ethisch keine Tür entdecken, die so eine Idee möglich machen sollte, da sind bildlich gesprochen nicht mal Fenster in der Mauer vor dieser Idee. Auch fachlich ist der Schaden dieses Ansatzes unberechenbar. Gleichwohl folgt diese Idee dem so unwissenschaftlichen wie unethischen Grundsatz eine Bildungseinrichtung als Unternehmen führen zu wollen. Ich kann die KollegInnen in  Düsseldorf und Hamburg nur auffordern, sich schnellstmöglich fachöffentlich zu äußern.

DonBib

Grundlegende Beiträge finden sich auch hier:

Ein Verkaufsbutton bei der Onleihe? – netbib weblog

Die Onleihe als Verkaufsplattform – schneeschmelze

E-Book-Verleih Onleihe bekommt Kaufen-Option – lesen.net

Warum Dörte Böhner die Onleihe zum Kotzen findet – archivalia

 

Anhang – Anfrage an die Ethik-Kommission des dbv

Sehr geehrte Damen und Herren der Ethikkommission,

ich würde gerne erneut eine Nachricht aus der Fachwelt zur Diskussion stellen, die aus meiner Sicht klar gegen den „Code of ethics“ verstößt. Ausgangspunkt meiner Kritik und Frage ist die Meldung der Firma divibib GmbH: „Onleihe führt Kaufbutton ein“ [http://www.divibib.com/news/aktuelles/titel/onleihe-fuehrt-kaufbutton-ein.html]. Dabei fußt die Geschäftsidee auf der Nichtverfügbarkeit von E-Medien im digitalen Angebot der Bibliotheken. Ist bspw. ein Ebook „entliehen“ bzw. „vorbestellt“, kann die NutzerIn der Onleihe über einen Kaufbutton zu einem Angebot des Anbieters 4Readers GmbH & Co. KG weitergeleitet werden und dort das entsprechende Ebook „erwerben“. Die teilnehmende Bibliothek erhält hierbei für jedes verkaufte Werk eine Provision.
Aus meiner Sicht sind einerseits die Verstöße gegen den „Code of ethics“ vielfältig und andererseits ergibt sich hier ein krasser Widerspruch zum u.a. auch vom dbv vertretenen Anspruch als nicht-kommerzieller Treffpunkt [http://www.bibliotheksverband.de/dbv/themen/bundestagswahl-wahlpruefsteine.html] zu gelten.

Folgende Punkte des „Code of ethics“ sehe ich als verletzt an:

1. „Wir wählen die Informationsquellen nach rein fachlichen Kriterien, nach ihrer Qualität und ihrer Eignung für die Erfüllung der Bedarfe unserer Kundinnen und Kunden aus -unabhängig von persönlichen Vorlieben und von Einflüssen Dritter.“ – Dieser Punkt ist unter den Gesichtspunkten der Anbietergleichheit definitiv verletzt. Der Anbieter 4Readers GmbH & Co. KG gehört, ebenso wie die divibib GmbH zur ekz-Unternehmensgruppe. Hierbei entstehen Interessekonflikte, die für die Bibliotheken kaum kontrollierbar, geschweige denn sichtbar sind. Gleichsam dient der bibliothekarische Erwerbungsprozess, gewollt oder ungewollt, den finanziellen Zwecken des Anbieters 4Readers GmbH & Co. KG und unterliegt insgesamt den Einflüssen Dritter. Dieser Prozess erhält mit den Provisionszahlungen an Bibliotheken für verkaufte E-Medien des Anbieters 4Readers GmbH & Co. KG eine zusätzliche intransparente und unprofessionelle Komponente. Im Vordergrund des Dienstleistungsangebotes durch die ekz-Unternehmensgruppe steht somit kaum erkennbar das Interessere der BürgerInnen oder im Sinne des dbv der KundInnen (wenngleich der Begriff wissenschaftlich kaum haltbar und ethisch im Rahmen von Bildungseinrichtungen inakzeptabel ist), sondern eine durchstrukturierte Verwertungskette im Rahmen der urheberrechtlichen Möglichkeiten.

2. „Wir behandeln unsere Kundinnen und Kunden gleich, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrem Alter, ihrer sozialen Stellung, ihrer Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung.“ – Eine Gleichbehandlung ist im Sinne intransparenter Erwerbungsprozesse kaum nachvollziehbar. Allein die Möglichkeit der Provisionszahlung für die Vermittlung von NutzerInnen der Onleihe an den Anbieter 4Readers GmbH & Co. KG handelt diesem Punkt zuwider, denn sie verletzt den Gleichbehandlungsgedanken, insbesondere bezüglich der Frage der sozialen Stellung.

3. und 4. „Wir stellen im Rahmen der gesetzlichen Regelungen Informationen als Daten und Volltexte im Internet bereit, um sie noch besser zugänglich zu machen.“ und „Wir unterstützen Wissenschaft und Forschung durch die Bereitstellung von Informationen, Quellen und damit im Zusammenhang stehenden Dienstleistungen. Weiterhin setzen wir uns für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ein.“ – Beide Punkte können zusammenfassend betrachtet werden. Die Unterstützung eines Dienstleisters, der die urheberrechtlich geregelten Einschränkungen des Zugangs zu Online-Materialien bzw. E-Medien zur Gewinnmaximierung nutzt, widerspricht einerseits den beiden genannten Punkten und steht den Bemühungen um die Verbreiterung des Open-Access-Gedankens im bibliothekarischen Umfeld und in den Bibliotheken selbst diametral gegenüber.

Ich bin gespannt auf Ihre Reaktion und verbleibe mit freundlichen Grüßen