Eine Bankrotterklärung des Deutschen Bibliotheksverbandes

Bezüglich der Diskussion um die Implementierung eines „Kaufbuttons“ in der Onleihe ist bereits viel geschrieben worden (u.a. hier, hier oder hier). Erst heute habe ich die Pressemitteilung des dbv zu diesem Thema entdeckt. Aus dieser Pressemitteilung ergeben sich jetzt doch aber einige spannende Fragen:

  • Wieso nimmt der dbv überhaupt Stellung zum „Kaufbutton“ der Onleihe?
  • Welchen Spielraum hat die Ethik-Kommission des dbv bezüglich meiner Anfrage zur Vereinbarkeit des „Kaufbuttons“ mit dem „Code of ethics“?
  • Waren die zeitgleich erschienen Stellungnahmen des Geschäftsführers der ekz und der Geschäftsführerin des dbv koordiniert?

Ein Interview mit EKZ-Geschäftsführer Jörg Meyer bei boersenblatt.net erscheint durchaus logisch, entstand doch ein gewisser Druck auf die Onleihe die Entscheidung zu begründen. Seine Motive und Ansätze sind dann auch aus Verlagssicht völlig nachvollziehbar, bleiben aus bibliothekarischer Sicht aber doch sehr dürftig. Ganz anders sieht es bei der Stellungnahme des dbv aus. Es bleibt offen, wieso sich der dbv überhaupt öffentlich äußert. Überschrieben ist die Pressemitteilung explizit mit dem Begriff „Stellungnahme“ und doch bleibt der Bezug völlig unklar. Inhaltlich ist dort natürlich eher die „wir sind so arm dran“-Seite als jene der Verlage zu beobachten, dennoch ist auch diese Stellungnahme aus bibliothekarischer Sicht dürftig. Unabhängig vom alten Thema „KundInnenbegriff“ enthält die Stellungnahme zudem weitere gruselige Ansätze:

  • Der dbv wirft fröhlich mit Zahlen herum, ohne Bezüge zu verdeutlichen.
    Etwas weniger als 190.000 Entleihungen bei Ebooks wirken ordentlich, bis man sie der Gesamtzahl der Entleihungen in den Stadtbüchereien Düsseldorf gegenüberstellt, die (so ich mich denn nicht verklickt habe) bei 5.154.426 liegen. Selbst bei dem Versuch alle Vorbestellungen von Ebooks zu addieren und mit dieser Zahl zu argumentieren, landet man nicht mal bei 5% der Gesamtausleihe. Angesichts dieser Maßstäbe verkehrt sich der nachfolgende Satz der Stellungnahme: „Dieser starken Nachfrage kann kaum eine Stadtbibliothek angemessen begegnen, selbst die in der vergleichsweisen reichen Stadt Düsseldorf nicht.“ eher in Richtung Slapstick.
  • „Kommerz und Profitstreben sind woanders!“ – 1. Keine Pointe.
    Mit den in Anführungszeichen gekennzeichneten Worten ist die Stellungnahme überschrieben. In der Stellungnahme selbst ist dann zu lesen: „Die Stadtbüchereien Düsseldorf und die anderen Testbibliotheken betrachten den „Kaufbutton“ daher als eine Alternative, auf die sie im Sinne einer „Serviceverbesserung“ diejenigen E – Book – Interessenten hinweisen , denen die Wartezeit auf der Vormerkliste zu lang ist. Niemand MUSS kaufen, niemand wird zur Teilnahme an einer kommerziellen Transaktion gezwungen.“
  • „Kommerz und Profitstreben sind woanders!“ – 2. Warum unterschlägt der dbv den Punkt der Provisionen?
    Die Pilotbibliotheken sollen für weitergeleitete „KundInnen“ eine Provision erhalten. Die Tatsache, dass der dbv diesen zentralen Punkt wissentlich verschweigt zeugt bereits von der Intransparenz der Stellungnahme und ist aus meiner Sicht an sich ein neuerlicher Verstoß gegen jede Form von bibliothekarischer Ethik.
  • Eine Argumentation, die völlig frei von Logik ist.
    Die Zusammenfassung der Stellungnahme des dbv nach deren Logik: Der „Kaufbutton“ ist eine Reaktion der Bibliotheken auf das schlechte Angebot von Verlagen und Aggregatoren, der als großartigen Service eine nicht zwingend zu nutzende Weiterleitung zu den tollen von den Verlagen beim Aggregatoren erstellten Angeboten liefert.
  • Wir haben zu wenig Geld, deswegen können wir ein schlechtes Angebot nur schlecht nutzen.
    Woher nimmt der dbv die völlig weltfremde Idee, Verlage würden bei besserer Finanzierung der Bibliotheken dieselben Preise verlangen und führt diese Idee im letzten Satz mit der Aussage: „[…] der aktuellen Tendenzen der Verlage, die Verleihlizenzen für E – Books zu verteuern […]“ gleich wieder in die vollständige Leere?

Ich erwarte vom dbv, dass er das zentrale Problem des Ebook-Vertriebs erkennt. Dieses zentrale Problem ist der Versuch analoge Ideen in die digitale Welt zu übertragen. Ein solcher Ansatz kann in der Mangelargumentation bei Verlagsmenschen auftauchen, aber doch nicht im Dachverband der BibliothekarInnen.

Die gesamte Stellungnahme ist derart fachlich oberflächlich, befremdlich, von Intransparenz gezeichnet und dem Informations- und Kulturauftrag unwürdig, dass man sie selbst bei der Ethik-Kommission vorlegen müsste.

Was aber dem Fass den Boden ausschlägt ist etwas, das (nicht nur) in Schulen und Universitäten unter dem Begriff „paraphrasieren“ bekannt ist. Legt man das Interview mit EKZ-Geschäftsführer Jörg Meyer neben die Stellungnahme des dbv, beide erschienen am selben Tag, werden große Gemeinsamkeiten deutlich. Reduziert man demnach die Texte auf die Kernthesen, erhält man meiner Ansicht nach dieselben Stichpunkte eines inhaltlich sehr klein geratenen Ideezettels (oder ID-Zettels, höhöhö), der entsprechend der Zielgruppe paraphrasiert wurde.

  1. ein zusätzlicher Service (allein der institutionengegebene Blickwinkel ist anders)
  2. alles ist freiwillig
  3. Bibliotheken brauchen mehr finanzielle Mittel (dbv sagt zu hohe Nachfrage ist mit den derzeitigen Mitteln nicht zu befriedigen, ekz sagt: „Am Ende wird durch den Kaufbutton die „Kaufkraft“ der Bibliotheken gestärkt, welche direkt oder indirekt unserem gemeinsamen Markt zu Gute kommt“)

Ich halte die Stellungnahme des dbv für eine fachliche Bankrotterklärung und für infam im Sinne einer ausstehenden ethischen Auseinandersetzung.

Letzte Frage am Rande: Woher weiß die ekz eigentlich wem sie welche Provision auszahlen soll, wenn folgende im Ausgangstext der Onleihe enthaltende Aussage stimmt: „Daten von der Onleihe werden dabei nicht übermittelt – dies ist technisch ohnehin unmöglich, da alle persönlichen Nutzerangaben ausschließlich bei der Bibliothek lokal gespeichert sind.“?

DonBib

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