Die Onleihe als Karikatur bibliothekarischer Ethik

Manche Themen finden sich nur durch Zufall. Beinahe ungewollt stieß ich heute auf einen zwei Monate alten Artikel: „Exklusive eBooks auch bei der Onleihe“. Prinzipiell reicht das Wort „exklusiv“ im bibliothekarischen Raum schon aus um mein Interesse zu wecken, denn da gibt es meistens etwas zu stänkern. Aufgrund der Erwähnung von Thomas Feibel, dem Träger der Karl-Preusker-Medaille des Jahres 2014, dessen unsagbar dummen Vortrag ich beim 2. Forum Bibliothekspädagogik ertragen musste, wurde ich dann noch etwas wacher.

Im Artikel enthalten war auch ein Link auf die entsprechende Meldung der Onleihe: „Neues Exklusiv-E-Book für die Onleihe“. Dort ist folgende sehr aussagekräftige Zwischenüberschrift zu finden:

Nicht im Handel – nur bei Bibliotheken! Jetzt gibt es exklusiv für die Onleihe das neue digitale Shortbook von Thomas Feibel: „Die Straße, die es nicht gab“

Machen wir es kurz. Das Angebot eines „Exklusiv E-Books für die Onleihe“ ist maßgeblich aus drei Gründen untragbar:

  1. Es verstößt gegen den „Code of ethics“ des BID.
  2. Es ist ein zentraler Widerspruch zur Kampagne „the rigth to e-read“.
  3. Es ist ein Hohn, dass ein Träger der Karl-Preusker-Medaille daran beteiligt ist.

1. Es verstößt gegen den „Code of ethics“ des BID

Kurzes Zitat aus dem „Code of ethics“:

„Wir setzen uns für die freie Meinungsbildung und für den freien Fluss von Informationen ein […]“.

Die Exklusivität des Angebots bedeutet im Umkehrschluss, dass alle nicht an der Onleihe beteiligten Bibliotheken keinen Zugriff auf diese Publikation erhalten. Der Kern der Aussage:

„Bibliotheken und Informationseinrichtungen als Garanten des ungehinderten Zugangs zu Informationsressourcen aller Art in unserer demokratischen Gesellschaft“

wird somit konterkariert. Ich spiele schon mit dem Gedanken, der derzeit offensichtlich handlungsunfähigen Ethikkommission des BID diesen Vorgang aus reiner Bosheit zur Bewertung vorzulegen. Bemerkenswert ist die Idee eines „exklusiven Medienangebots“ vor allem deshalb, weil im Aufsichtsrat der ekz, dessen Tochterfirma ja die Onleihe ist, sowohl der Vorsitzende des BID Dr. Heinz-Jürgen Lorenzen als auch Barbara Lison sitzen, also zwei zentrale Figuren bibliothekarischer Verbände.

2. Es ist ein zentraler Widerspruch zur Kampagne „the rigth to e-read“.

Aus der Zwischenüberschrift des Artikels des dbv zur Kampagne „the right to e-read“:

Jede Person hat laut Artikel 5 des Grundgesetzes das Recht, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen frei zu unterrichten“. Bibliotheken ermöglichen diesen Zugang. Sind E-Books nur in begrenztem Umfang in Bibliotheken vertreten, fehlen zukünftig immer mehr wichtige Informationsquellen des öffentlichen Lebens, denn dieses spielt sich mehr und mehr im Digitalen ab.
(Quelle: E-Medien in der Bibliothek – mein gutes Recht)

Ein weiteres Zitat aus demselben Text:

Sollte sich die Interpretation der Verlage durchsetzen, dass sie alle Handlungen nach dem Erstzugang weiterhin kontrollieren können, dann wird sich dies auf die Aufgabe öffentlicher Bibliotheken empfindlich auswirken. Wie können sie weiterhin eine qualitätsvolle Auswahl für alle Bürgerinnen und Bürger anbieten? Der bisher physische Bibliotheksbestand, der immer das ganze Spektrum der gesellschaftlichen Meinungsvielfalt abdeckt, wird dann abgelöst durch einen von wirtschaftlichen Interessen Dritter diktierten digitalen Medienbestand.
(Quelle: E-Medien in der Bibliothek – mein gutes Recht)

Mit Bezug auf das exklusive E-Book für die Onleihe ist das ein sichtbarer zentraler Widerspruch, dem es wenig hinzuzufügen gibt. Es karikiert diese eh schon fragwürdige Kampagne „the right to e-read“.

3. Es ist ein Hohn, dass ein Träger der Karl-Preusker-Medaille daran beteiligt ist.

Mit Thomas Feibel ist der Autor des „Exklusiv-Ebooks“ nun auch noch ein Träger der Karl-Preusker-Medaille. Muss also ausgerechnet im Namen Preuskers, der ja nun auch im Verständnis der Medaille als Förderer von freiem Zugang zu Wissen und Bildung für alle BürgerInnen gilt und in diesem Sinne sind ja auch die PreisträgerInnen als VertreterInnen dieses Gedanken zu verstehen, existiert ein exklusives also Dritte ausschließendes Angebot – großartig.

Die ganze Idee, die wahrscheinlich wieder als unglaublich innovativ verstanden wird, zeigt exemplarisch den Mangel an Interesse für Berufsethik in unserem Berufsstand. Alles scheint einem großen Ziel der KundInnenorientierung untergeordnet, die ja nach Meinung der dbv-Kommission „Kundenorientierte Services“ die einzig wahre Zukunftsoption ist, denn hier findet sich die Grundidee zur Schaffung exklusiver Angebote.

Die Tatsache, dass zentrale Figuren bibliothekarischer Verbände wenigstens indirekt daran beteiligt sind, offenbart die ganze Absurdität des „Code of ethics“ und der Kampagne „the right to e-read“.

DonBib

3 Gedanken zu “Die Onleihe als Karikatur bibliothekarischer Ethik

  1. Das Konzept „Kundenorientierung“ kann man als Bibliothek nicht einfach von einem Einzelhändler übernehmen. Kundenorientierung bei einem Händler ist immer nur eine Hilfe zur Gewinnmaximierung. „Exklusive E-Books“ wären auch solche Hilfsmittel. Jedenfalls haben sie mit einer bibliothekarischen Nutzerorientierung, die den Namen verdient, rein gar nichts zu tun. Für die ja mit öffentlichem Geld bezahlte Bibliothek muss das immer heißen: wenn der „Kunde“ einen Service anderswo _auch_ bekommt, um so besser (dann brauchen wir schon weniger Personal/Infrastruktur/Exemplare etc. dafür).

  2. Hej.

    Angenommen Ereignis X verstösst gegen den „Code of Ethics“.
    Was ist die Konsequenz daraus bzw. passiert dann etwas als „Antwort“ darauf?
    Nichts nennenswertes wird dann passieren, denke ich.
    Bereits auf dem Bibliotheksportal wird unter dem „Code of Ethics“ an genau demselben gesägt:
    Er wurde zwar ersonnen ist aber in keinem Fall der ganzen Fachwelt bekannt.
    So wie ich es lese ist dieser „Code of Ethics“ ein hehres Ansinnen, aber keineswegs berufsrechtlich
    verpflichtend oder einklagbar.

    Sprich: Da befindet er sich in guter Gesellschaft zum Bundeskartellamt, im Clubheim „Zum papiernen Tiger“.

    • Deswegen ist dieser „Code of ethics“ ja auch eine Farce. Seit Jahren fordere ich, dass der in den Müll kommt. Grundsätzlich hat die entsprechende Kommission die Möglichkeit Verbandszeitschriften zu nutzen, um Verstöße gegen den „Code of ethics“ als Diskussion in den Berufsstand einzubringen. Die Reichweite eines solchen Artikels wäre ja ordentlich. Derzeit ist diese Kommission aber schlichtweg handlungsunfähig. Insgesamt ist dieses Thema doch eher als sehr betrüblich einzuschätzen.

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