Youtube und Twitch – fremde Welten?

In der Diskussion um die Reichweite bibliothekarischer Social Media Aktivitäten lohnt sich ein Blick auf zwei Kanäle: Youtube und Twitch.

Dieser Blick dürfte meinen zählfreudigen Berufsstand, der doch so gerne unsere „KundInnen“ da abholen geht wo sie angeblich sind, etwas ratlos gucken lassen. Denn ähnlich der aktuellen Diskussion um die Sonntagsarbeit in der BuB habe ich bisher nicht mal den Eindruck, es würden diesbezüglich gute Fragen gestellt. Von entsprechend guten Antworten möchte ich gar nicht erst sprechen.

Aber dieser Blogbeitrag soll gar nicht negativ daher kommen, denn mit Youtube und Twitch möchte ich zwei Kanäle kurz ansprechen, die einen deutlich größeren Teil meines Medienkonsums ausmachen, als Fernsehen es noch tut. Um es vorweg zu sagen: ich habe zwar noch ganz theoretisch und praktisch Zugang zum Fernsehen in klassischem Sinne, nutze ihn aber nicht mehr und werde ihn dementsprechend bald kündigen. Natürlich gibt es noch zahlreiche Sendungen, die ich auf keinen Fall verpassen möchte:

Für diese Sendungen gibt es aber ja Mediatheken und die entsprechenden Homepages. Wenn man es mal runterbricht auf das was Fernsehen wirklich ist, nämlich die Ansammlung von Livestreams und Videos, die nach einem Programmplan gesendet werden, dann unterscheiden sich die beiden Portale Youtube und Twitch letztlich gar nicht vom Fernsehen. Große wie kleine Youtubekanäle arbeiten zumeist nach einem (relativ) strengen Sendeplan d.h. Videos werden vorproduziert und erscheinen zu entsprechenden Terminen. Gleiches gilt für Twitch. Zwischen spontanem Livestream, angekündigtem Livestream und Kanälen die exakt wie Fernsehen strukturiert 24 Stunden nach Programmplan senden hält sich das Angebot die Waage. Ob letzteres, also der Versuch klassisches Fernsehen mit besonderen Themen zu Twitch zu transferieren funktioniert (siehe Rocket Beans TV, hier noch ein Artikel aus dem Spiegel) bleibt abzuwarten. Der große Unterschied ist dabei aber die Interaktion mit den Zuschauenden. Während live gespielt oder ähnlich einer Talkshow mal mehr mal weniger spannend gesabbelt wird, läuft parallel der Live-Chat. Insbesondere bei den Let’s Plays ist die Begleitung durch die Zuschauenden ein fester Bestandteil, vor allem auch für die eigene Aktion im Spiel. Das ist bei kleinen Kanälen in gewissem Sinne (so sehr das im digitalen Raum möglich ist) familiär, bei großen Kanälen mit einer fünfstelligen Zahl an Zuschauenden kaum beherrschbar.

Die Frage nach der Relevanz im Rahmen des medialen Gesamtangebotes ist durchaus interessant. Nehmen wir mal als Beispiel die aktuelle Kampagne der Techniker Krankenkasse. Ist es ein Zufall, dass dafür ausgerechnet YoutuberInnen ausgewählt wurden? Die Reichweite in der anvisierten Zielgruppe dürfte enorm sein. Hier ein paar Beispiele aus der Youtube-Kampagne:

  • LeFloid (2.333.380 Abonnenten / 282.423.020 Videoaufrufe) – Zwei Kampagnenvideos (hier und hier) mit zusammen 2,5 Millionen Aufrufen
  • Unge (955.089 Abonnenten 50.332.476 Videoaufrufe) – Ein Kampagnenvideo (hier) mit etwas über 1,3 Millionen Aufrufen
  • Dner (1.696.803 Abonnenten 332.981.549 Videoaufrufe) – Ein Kampagnenvideo (hier) mit ca. 650 Tsd. Aufrufen

Ist es ein Zufall, dass die ProSiebenSat.1 Media AG mit Studio 71 ein Multi-Channel-Netzwerk geschaffen hat (ein halbwegs interessanter Artikel dazu findet sich hier), dass die Online-Zielgruppen bedienen soll d.h. letztlich Verlagsaufgaben übernimmt bzw., hier ist die Vergleichbarkeit größer, ähnlich einem Musiklabel agiert? Hier lässt sich offensichtlich sehr viel effizienter Werbung schalten, denn eine Werbung für einen Lippenstift vor oder während eines Stylingvideos bei Youtube ist deutlich treffender als im Werbeblock in Minute 38 bei GZSZ. Einige der erfolgreichsten Let’s Player sind längst dort beschäftigt, z.B.

  • Gronkh (3.490.455 Abonnenten 1.357.152.126 Videoaufrufe)
  • Sarazar (1.642.008 Abonnenten 344.481.028 Videoaufrufe)

Wer sich für Reichweite und mögliche Verdienste rund um die beiden Netzwerke interessiert, der dürfte bei Socialblade gut aufgehoben sein.

Was heisst das aber nun für uns Bibliotheksmenschen? Können wir daran teilhaben? Klar können wir im schulbibliothekarischen Rahmen mit unseren SchülerInnen Let’s Plays organisieren oder gemeinsam gucken. Der mögliche Nutzen ist hier riesig. Die SchülerInnen können lernen mit der aktuellen Technik umzugehen und wir geben all jenen die allein nicht daran partizipieren können die Gelegenheit mitzuwirken. Struktur und Ausarbeitung eines Let’s Plays bzw. eines Kanals sind professioneller als es nach außen hin wirken mag. Der jeweilige Zeitaufwand ist riesig. Gleichwohl ist genau dieser Aspekt hilfreich, denn er gehört ebenso vermittelt wie der technische Aspekt. Nicht zu vergessen ist dabei der Punkt der Peergroup. Wem Minecraft Varo etwas sagt, der hat mit vielen SchülerInnen der 5.-7. Klassen schon mal ein Gesprächsthema. Wer als außerschulischer Ort innerhalb der Schule leichteren Zugang zu den SchülerInnen findet, der kann all das was wir an Leseförderung sowie Info- und Medienkompetenzkram im Hinterkopf haben leichter umsetzen.

Bei Stadtbibliotheken halte ich das kaum für realisierbar, zumindest nicht außerhalb der „Leuchtturmbibliotheken“. Selbstreferentielle Youtubevideos halte ich für völlig sinnfrei und bisher ist im bibliothekarischen Bereich kaum mehr zu finden. Entweder wir können das als Teil der Arbeit begründen, dann geht das nicht nebenbei sondern nur mit vollem Einsatz oder man muss andere Wege finden, ähnlich der Techniker Krankenkasse. Die Spots des Bibliotheksverbandes sind da ein gutes Beispiel für völlig verfehlte Strategien. Die Bibliotheksspots für das Jahr 2012 und 2013 kommen zusammen auf etwas mehr als 30.000 Aufrufe. Wenn wir jetzt uns Bibliothekswesen rausrechnen, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Nehmt beim nächsten Versuch das Geld und fragt einen der größeren Youtuber. Dann ist die Reichweite ungleich höher.

Ach so, Leseförderung im Let’s Play geht natürlich auch. Einer meiner persönlichen Lieblingsstreamer (Shnarphnase)hat in einem Zombie-Survival-Spiel (DayZ, das ich im Übrigen ziemlich bescheiden finde) eine Versammlung abgehalten und „Per Anhalter durch die Galaxis vorgelesen“. Wer Lust auf die großartige Stimme und das Buch hat findet die Aufnahme hier: Teil 1 und Teil 2.

Ich lasse mich gerne von Ideen für Youtube und Twitch im bibliothekarischen Raum überzeugen, so sie denn außerhalb des schulbibliothekarischen Raumes stattfinden. Klar ist jedoch, dass wir die Entwicklung dort beobachten müssen.

DonBib

PS Ein großartiger Artikel zu Youtube findet sich bei der taz: Du bist ein Star

 

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