Bestandsaufbau mit Profil – der Heilige Gral: die Bestsellerliste

Nachdem ich mich mit dem ersten der drei von Dr. Jan-Pieter Barbian in einer Diskussion auf dem netbib Weblog (zum Thema Sarrazin in Bibliotheken) genannten Punkte – kurz: Zensur und der Umgang mit emotionalisierenden und emotionalisierten Büchern – bereits beschäftigt habe, folgt nun der zweite Teil. Dieser beschäftigt sich mit folgendem – ich zitiere ihn noch einmal – Punkt:

Zweitens wurde das Buch im Rahmen des Service “SPIEGEL-Bestsellerliste” angeboten – wie in allen anderen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands auch.

Dieser Punkt offenbart gleich zwei Themen, die ich für sehr unreflektiert halte – dies betrifft aber nicht nur Dr. Barbian sondern viel zu viele andere Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die ich auf die gleiche Weise schon habe argumentieren hören. Ich beginne mal mit dem zweiten Teil des Zitats:

[…] wie in allen anderen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands auch.

Kurz gesagt: langweilig! Eine Vorgehensweise wird nicht deshalb richtiger, weil alle anderen es auch so machen. Ich kann und darf da argumentativ ein bisschen mehr erwarten. Nur weil mittlerweile „alle“ Öffentlichen Bibliotheken völlig unreflektiert die Bestsellerlisten rauf und runter kaufen, ist es noch lange kein belegbar erstrebenswertes und vorbildhaftes Ziel so zu handeln. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema Bestsellerliste wäre reflektiert. Daher nun auch der erste Teil des Zitats:

Zweitens wurde das Buch im Rahmen des Service “SPIEGEL-Bestsellerliste” angeboten […].

Hier ist er also, der Heilige Gral der Öffentlichen Bibliotheken: die „Spiegel-Bestsellerliste“. Eine ganze Berufsgruppe strebt also danach denjenigen Büchern mit dem höchsten Werbeaufwand, den besten Marketingstrategien und den meisten Unterstützerinnen und Unterstützern zu huldigen – Herzlichen Glückwunsch.

So, diese kleine Polemik zu Beginn erheitert doch das weitere lesen des Textes.
Unabhängig von der Frage, wieso einige wenige Massenmedien einer Bildungseinrichtung die Ausrichtung des Bestandes diktieren, lohnt sich doch an dieser Stelle die Auseinandersetzung mit der Rolle des eigenen Berufsstandes. Einige Fragen dazu:

  • Sind wir nur Bibliotheksverwalterinnen und Bibliotheksverwalter?
  • Wenn ja, muss man für diesen Verwaltungsjob ein bibliothekswissenschaftliches Studium absolvieren?
  • Sind wir, wie Detlev Hoffmeier es im netbib Weblog schrieb, tatsächlich nur „Kulturfolger“?

Mit all diesen Fragen gilt es sich in Diskussionen auseinanderzusetzen!
Hinter der Frage, ob wir blind massenweise die Bestsellerlisten rauf und runter kaufen, steckt nun letztlich nicht nur ein rechtlicher Aspekt, den Gabriele Beger und Eric W. Steinhauer schon beleuchtet haben oder ein sozialer Aspekt, den der Arbeitskreis Kritischer BibliothekarInnen  bereits ausführlich beleuchtet hat, sondern die Frage vom Selbstverständnis des Berufsstandes. Letztlich hat Detlev Hoffmeier es mit seinem Kommentar genau auf den Punkt gebracht (auch wenn ich seine Schlussfolgerung für mich persönlich z.T. unerträglich finde):

Bibliotheken sind nämlich keine Agenda-Setter, sie sind Kulturfolger.

Dieser Satz ist ein Abgesang auf die „Bildungseinrichtung“ Bibliothek und somit das Gegenteil: ein Loblied auf die bereits von mir erwähnte „Medienverleihstation mit Animationsanteil“.
Damit sich der Berufsstand dann auch nicht vollständig langweilt, darf er je nach Lust und Laune hier ein paar Krimis mehr und da ein paar Geschichtssachbücher weniger bestellen um der Bibliothek einen „eigenen“ Anstrich zu geben. Den Rest erledigt die Standing Order.

Ja, ich weiß – man sollte den Bestandsaufbau nicht an den Bestsellern ausmachen.

Ja, ich weiß auch, dass die allermeisten Bibliotheken wesentlich mehr bieten als nur das einfache Bücher kaufen und ins Regal stellen. Es gibt aber zwei Punkte die hier wichtig sind:

  1. Es sollten gerade Bibliothekarinnen und Bibliothekare sein, die das Prinzip Bestsellerliste in Frage stellen. Denn eines ist klar, folgen Bibliotheken bedingungslos dem Prinzip Bestsellerliste mit entsprechendem „Bestsellerservice“, dann schwächen sie den restlichen Bestandsaufbau, weil die Mittel für die weitere Beschaffung von Bestseller genutzt werden. Dies gilt es deutlich zu kritisieren! Ist es hingegen kostenneutral oder verdient die Bibliothek sogar daran, ist es rechtlich fragwürdig und gesellschaftlich erst recht.
  2. Bibliotheken sollten niemals Kulturfolger sein. Bibliotheken sind, wie Schulen auch, die Grundlage für entstehende Kultur, sie sind Kulturunterstützer- und Förderer.

Wie bereits beim ersten Teil nun meine Ideen zum Nachdenken in Kurzform:

Bibliothekarinnen und Bibliothekare müssen ihr Berufsbild neu überdenken.
Man muss seine Rolle in der Gesellschaft finden. Sollen Bibliotheken einen Bildungsauftrag haben, dann geht damit der gesellschaftliche Auftrag einher. Stellen wir uns dieser Aufgabe, dann muss aber – zumindest für den Bereich der Öffentlichen Bibliotheken – das Berufsbild vollständig verändert werden. Es muss der im Berufsstand akzeptierte Berufsalltag durchleuchtet werden.
Darf es weiterhin richtig sein, sich immer mehr von eigener Verantwortung für den Bestand zu lösen?

Kundenorientierung heißt in Bibliotheken zumeist: ich biete an was der Kunde will. In der Wirtschaft heißt Kundenorientierung viel eher: wie schaffe ich es, dass der Kunde mein Produkt will.

In der Schule heißt es: was möchte die Gesellschaft, dass unsere Kinder lernen? Das sollte es in einer Bibliothek auch heißen.

DonBib

6 Gedanken zu “Bestandsaufbau mit Profil – der Heilige Gral: die Bestsellerliste

  1. … und wenn du dann mal eine engagierte Bibliothekarin hast, wird ihr der Bestand vom Bürgermeister zusammengestrichen. Vielleicht will man auch gar keine eigenständig denkenden Bibliothekmeister im städtischen Verwaltungsdienst sitzen haben.

    Man könnte fast schon, wie ej bissl weinen.

  2. Nicht nur das, wenn alle ÖBs fleißig die Bestseller-Liste rauf und runter kaufen und vielleicht noch links und rechts nen Krimi oder Rosamunde-Pilcher-Kram, haben sie über kurz oder lang alle den gleichen Bestand.
    Und damit kein Alleinstellungsmerkmal mehr.
    Damit werden sie austauschbar und in logischer Lonsequenz bei Einsparungen als erstes zu gemacht. In der nächsten Stadt gibts ja noch so eine Einrichtung, mit den gleichen Büchern, da brauchen wir unsere Bibliothek ja gar nicht mehr.(-> evtl. zukünftiges Zitat eines Bürgermeisters)

    Und das traurigste: Die Bibliothekswelt im großen und ganzen nimmt es stillschweigend hin. Ihren eigenen Untergang. Und wer Kritik äußert wird sofort in die „sind Sie überhaupt Bibliothekar/in“-Ecke gestellt.

  3. Prinzipiell sollten Bibliothekare in ÖB mehr als nur „Verwalter einer Kultur-/Bildungseinrichtung“ sein – das Lektorat (Bestandsaufbau und Bestandsmanagement) gehört bis heute zu den orginären Aufgaben. Aber in der Bundesrepublik Deutschland dominiert auf dem Buch- und Medienmarkt schon lange der „Mainstream“. Die Hervorhebung der Bestsellerlisten (Spiegel, Focus, Stern usw.) ist Bibliotheks-Realtität – auch weil sich das Kundeninteresse im Buchhandel und in Bibliotheken dementsprechend entwickelt hat. Die Ausleihzahlen und Nachfragen sprechen jedoch für eine Berücksichtigung der Bestseller. Zudem werden sie vielfältig in der Tat als Marketing-Instrument ausgenutzt. Über die „Wertigkeit“ einiger Titel lässt sich bestimmt streiten … gleiches müsste auch für die Musik- oder DVD-Charts gelten.

    Bibliotheken sind jedoch aufgefordert, nicht unreflektiert, oberflächlich und ohne Analysen ihren Bestandsaufbau zu betreiben.

  4. Im Neuen Buxtehuder Wochenblatt (kostenloses Anzeigenblatt) – direkt: http://www.kreiszeitung.net/uploads/blaetterkatalog/ausgabe/mi/nb/28092011/index.html – findet sich eine Variante der Anbetung des Bestsellergötzen: In der Friedrich-Huth-Bücherei der Samtgemeinde Harsefeld http://www.harsefeld.de/harsefeld/kultur/buecherei/main.htm wird eine Brechtausgabe aus dem Bestand genommen. Die Zeitung zeigt ein Bild einer herzhaft lachenden Leserin und einer lächelnden Bibliotheksmitarbeiterin, die den zu verscherbelnden Brecht in den Händen angrinsen. Die Friedrich-Huth-Bücherei der Samtgemeinde Harsefeld hat selbstredend den Sarrazin im Bestand http://www.friedrich-huth-buecherei.de/allegrooeb/webopac/ . Schlagworte: Deutschland * Migrationshintergrund * Soziale Integration * Misserfolg. Selbstredend findet sich in der Annotation der Werbetext zur inhaltlichen Beschreibung. Bibliotheken 2011: Rassismus ja! Brecht nein!

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