Bibliotheksbesuch in Dänemark – ein touristischer Bericht mit bibliothekarischen Gedanken – Teil 1

Knapp 2900km Auto fahren, knapp 170km laufen und ein Dutzend Städte angucken, so kann ein ganz normaler Dänemarkurlaub aussehen. Fahren zwei Bibliothekswesen zusammen dort hin, kommen dann doch irgendwie ein Dutzend Bibliotheksbesuche dazu, die ich in eine Google Maps Karte übertragen habe. Auf diesem Weg sind die Direktlinks zu den Bibliotheken auch gleich enthalten. Daraus wurde jetzt eine neue persönliche Projektidee: Sammeln und Darstellen meiner Bibliotheksbesuche der letzten Jahre (die ich dann jetzt noch mühsam vervollständigen muss). Vielleicht ist das eine gute Idee, sich eine Form persönlicher Forbildung bewusst zu machen. Zukünftig kann so eine Karte doch Teil von Bewerbungen werden. Wie ließe sich das Interesse an Weiterentwicklung von Bibliotheken einfacher darstellen als in dieser Form?

Da in der neuen BuB (08-09/2015)  ein Artikel über die neue Hauptbibliothek in Aarhus (Dokk1) enthalten ist, beginne ich dort meinen Bericht. Eine Warnung im Vorwege: ich kann mich dem Hype um diese Bibliothek nicht anschließen. Grund hierfür sind zwei Bibliotheksbesuche vor jenem in Aarhus, der Besuch der Hjørring Bibliotekerne und der Aalborg Bibliotekerne. Eine Anmerkung ist vielleicht noch wichtig: dies wird kein Exkurs in Bibliothekstypologie. Ich versuche lediglich meine bibliothekstouristischen Eindrücke mit ein paar persönlichen Gedanken zu verbinden.

Hauptbibliothek in Aarhus (Dokk1)

Der Anblick des Gebäudes im Hafen von Aarhus ist tatsächlich sehr spektakulär (u.a. bei Instagram finden sich zahlreiche Fotos der Bibliothek, ein ausführlicher Blick auf die Homepage der Bibliothek ist auch lohnenswert), ganz unabhängig von der Bewertung des Baustils. Ein kleiner Kurzfilm zur Eröffnung der Bibliothek veranschaulicht das eigentlich ganz gut:

Der Eingangsbereich eröffnet einen Blick auf die Infotheke, auf den Bürgerservice und auf frei nutzbare PCs. Bewegt man sich weiter in die Bibliothek hinein, fällt eines sofort auf: dieser Ort fühlt sich nicht an wie eine Bibliothek. Man befindet sich in einem Gebäude, dass auch von innen den Eindruck enormer Größe vermittelt. Die ersten Regale, die einen hohen Qualitätsstandard und – anspruch vermitteln und unaufdringlich mit großen Touchscreens daher kommen, einen Fernseher mit DVD-Player zum Filme gucken eingeschlossen, verlieren sich aber in der Raumgröße. Es sieht großartig aus, erfüllt alle Ansprüche an Modernität und Qualität, die uns einfallen können, hinterließ aber bei uns Bibliothekswesen keine wirkliche Begeisterung. Was hingegen Begeisterung ausgelöst hat, ist die unglaubliche Menge an stilvollen, nach außen offenen und doch verschließbaren Arbeitsräumen für alle Gruppengrößen – und ja, die machen Laune darin zu arbeiten. Überhaupt verschaffen die großen Fensterflächen der Bibliothek große Helligkeit und die davor platzierten Massen an Sitzmöglichkeiten waren fast durchgängig besetzt. Der Blick in den Hafen, auf ankommende Fähren und auf Teile der Stadt ist allein den Besuch wert. Aber weiter im Wahrnehmungsdurcheinander: die große Medienrampe, deren Aufmerksamkeit allein durch die schiere Größe gesichert wird, ist eine häßliche Ausgeburt von Sichtbeton. Hier ist sicher jeder anderer Meinung. Zuweilen verschwand die Begeisterung für große Fenster und einen grandiosen Ausblick und machte Platz für Ernüchterung und den Blick auf das Innenleben: ein Bibliotheksparkhaus – Sichtbeton mit Büchern. Die angenehmste Assoziation der Medienrampe wäre die Nutzung als Skatepark. Kinderbibliothek und Gamingbereich werden sicherlich auch begeisterte BesucherInnen finden. Hier tat sich aber bereits der Vergleich mit Aalborg und Hjørring auf, die in Fragen der Gestaltung und eines sichtbaren Konzepts der neuen Bibliothek in Aarhus um Längen voraus sind – dazu aber später mehr. Hier komme ich aber zum entscheidenden Punkt. Diese zentrale Bibliothek der zweigrößten Stadt Dänemarks hat ganz sicher andere Aufgaben, als Zentralbibliotheken kleinerer Städte bzw. eine einzelne Stadtbibliothek. Die Gestaltung des Innenraums dieser neuen Bibliothek wird allem gerecht, was wir von modernen Unibibliotheken erwarten: viele verschiedene Kommunikations- und Arbeitsbereiche, abgeschlossene und offene Räume, Unmengen an frei nutzbaren Computern, WLAN, ein großes Café usw. usw. Hierzu kommen ein paar Einflüsse aus dem Bereich Öffentlicher Bibliotheken. Zusammen ergibt dies die neue Hauptbibliothek in Aarhus (Dokk1). An welcher Stelle diese Bibliothek ihrer Zeit voraus sein sollte, erschließt sich mir nicht. Was diese Bibliothek preiswürdig macht, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Sie ist architektonisch spektakulär, aber mit Sicherheit kein Meisterwerk. Etwas mehr Konzentration auf die Möglichkeiten der Innenarchitektur hätten der Bibliothek sicher nicht geschadet. Womöglich ist dies aber eben die Zukunft großstädtischer Bibliotheken. Wir befinden uns in einem offenen Raum mit bibliotheksnahen Möglichkeiten, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dieser Raum ist der Zeit entsprechend ausgestattet. Wenn dies preiswürdig ist, dann müssen wir uns Sorgen um die Zukunft machen. Wenn wir die Preiswürdigkeit unter guter Lobbyarbeit verbuchen, dann passt das so.

Vorletzter Satz zu dieser Bibliothek: definitiv die ansprechende Homepage durchstöbern und Videos gucken.

Letzter Satz: „New Name for Mediaspace“ – ein Paradebeispiel für partizipative Bibliotheksarbeit in einer Großstadt.

Aalborg Bibliotekerne

Jetzt aber zu einer Bibliothek, die mich sehr viel mehr begeistert hat. Das Konzept lässt sich relativ einfach beschreiben: im Zentrum der Einrichtung befinden sich Bücher, sternförmig umgeben von allen Möglichkeiten, die eine Bibliothek dieser Tage bieten sollte.

Ich gebe offen zu, dass mein Bild dieser Bibliothek von der Gamezone und der Kinderbibliothek geprägt ist.

Die Gamezone ist ein großer Raum, der unfassbare Spielmöglichkeiten an verschiedensten Konsolen und einer Masse an PCs ermöglicht. Gleichwohl ist der Raum unaufdringlich und verbindet, mit einer mir persönlich noch unbekannten Selbstverständlichkeit, Bücher und digitale Medien. Es ist eben diese unaufdringliche Art der Selbstverständlichkeit der (digitalen) Angebote im Bibliotheksraum, die in Dänemark anders wirkt als hier in Deutschland. Natürlich stecken da auch ein paar Vorbehalte meinem eigenen Berufsstand gegenüber mit drin, aber die Bibliotheksangebote selbst wirken unaufdringlicher und zugleich gegenwärtiger. Der Bibliotheksbereich für die Kleinsten ist ein großer und mit Fluchtsicherung für eben jene gerne fortkrabbelnden Kleinsten versehener Bereich – ein eigener Raum im Bibliotheksraum, offen aber abgeschlossen, sichtbar aber geschützt, selbstverständlich mit Parkplätzen für Kinderwagen. Es findet sich zudem ein Raum mit Café mit offenen und versteckten Sitzmöglichkeiten, ein Entspannungsraum mit Hängematte und Wippe, ein Raum, der allein das neue Logo präsentiert und erklärt, ein großer Musikraum mit kleinem Kino, eine Hobbywerkstatt, ein Krimiraum, ein Arbeitsraum mit und ohne PCs, der Zugang zum Bibliotheksmagazin, etc. und überhaupt finden sich überall Stromdosen und Anschlussmöglichkeiten für LAN.

Während sich die neue Bibliothek in Aarhus an etwa 320.000 EinwohnerInnen richtet, bedient jene in Aalborg ca. 200.000 EinwohnerInnen. Zwei Bibliotheken mit einem völlig anderen Anspruch. Ob das Konzept der Bibliotheken letztlich wirklich so große Unterschiede aufweist, ist fraglich. Eines ist die Bibliothek in Aalborg hingegen definitiv nicht, nämlich weniger der Zeit voraus als jene in Aarhus und mitnichten weniger preiswürdig.

Zum Abschluß nun der Blick auf die Hjørring Bibliotekerne

Ohne viele Worte lasse ich hier die aus meiner Sicht preiswürdigste der drei Bibliotheken selbst sprechen.

Dieser kurze Blick zeigt eine Bibliothek, deren strukturierte Innenarchitektur überwältigend ist. Der rote Faden, der die gesamte Bibliothek durchzieht und als Idee für sich selbst spricht, repräsentiert einen Bibliotheksraum, der noch deutlich mehr als die beiden vorangegangenen Bibliotheken dazu auffordert, den Raum selbst zu erobern. Dieser rote Faden symbolisiert zugleich die Möglichkeiten der Bibliothek: man kann ihn durchschreiten und ignorieren, auf ihm entlang gehen und ihm folgen, sich von ihm inspirieren lassen als Ausstellungsfläche für Bücher oder als Gemäldegalerie, neben ihm lesen und an ihm an PCs arbeiten. Die Bibliothek beinhaltet ein Touristenbüro, abgeschlossene Arbeitsräume, Fernseher zum Serie oder Nachrichten schauen, ein Café, offene Spielebereiche für Kinder, freie PCs, Spielekonsolen usw. Auffällig ist, auch dies ein Eindruck aus allen besuchten Bibliotheken, der große Magazinbestand, der in gediegenen Farben gehalten eine völlig andere Ausstrahlung hat und an uns Bibliothekswesen aus Deutschland die offene Frage stellt: wie hälst Du es mit einem Altbestand ohne Umsatz? Man kann diese Frage mit Stil beantworten oder mit Betriebswirtschaft. Ich halte die Variante der KollegInnen aus Hjørring für eine Antwort, die dem Wort der Bildungseinrichtung gerecht wird, da sie auch einen Blick zurück wirft. Eine großartige und überwältigende kleinstädtische Bibliothek, die sich an ca. 25.000 EinwohnerInnen richtet.

Was noch zu sagen wäre: die Bibliotheken verzichten beinahe völlig auf Interessenkreisbeklebung an Büchern. Sachbücher stehen in allen Bibliotheken entsprechend einer klassischen Systematik im Bestand. Sind unsere BibliotheksbesucherInnen dümmer als jene in Dänemark? Wer ist hier weniger ausgerichtet an den Bedürfnissen der BesucherInnen? Wieso ist dieses Thema bei uns so zentral und in dänischen Bibliotheken egal? Die technische Buchbearbeitung ist ebenfalls deutlich zurückhaltender, so zumindest mein Eindruck. Gleichwohl ist RFID bis hin zur Kleinstbibliothek eine Selbstverständlichkeit. Kaputte Bestände werden repariert und neu eingebunden.

Diese Bibliotheksbesuche waren ein großer Spaß und ich kann sie nur jedem empfehlen. Gleichwohl habe ich mir vorgenommen auch hier zu Hause wieder vermehrt Bibliotheken zu besuchen – ganz touristisch.

Als Abschiedsgeschenk für diesen ersten Bericht gibt es noch einen Drohnenflug durch die Hjørring Bibliothekerne.

DonBib

Schreibe einen Kommentar