Trauriges aus der Bibliothekswelt

Sich beim Sonntagsfrühstück ungelesenen, dafür aber in Massen vorhandenen, offenen Tabs im Browser zu widmen kann einem schon mal den Appetit verderben. An diesem Sonntag ist das gleich zwei verschiedenen Artikeln bzw. einem Artikel in der RP ONLINE und einem Beitrag bei Deutschlandradio Kultur gelungen.

Dänemark – Büchereien als Wohnzimmer der Gemeinde

Ein roten Faden von „modernen“ dänischen Bibliotheken zu fehlenden Bibliotheksgesetzen in Deutschland zu spinnen ist für einen maximal fünf Minuten langen Beitrag im Radio ein anspruchsvolles Vorhaben. Wenn sich JournalistInnen dabei auf ausgewiesen peinlichen Lobbyismus verlassen, wie wir ihn ja all zu oft im bibliothekarischen Bereich vorfinden, erhält man im Ergebnis Schrott. Ein besonderes Exemplar können wir jetzt beim Deutschlandradio Kultur nachhören. Wer die üblichen Presseergüsse des dbv liest, der erkennt relativ schnell die Herkunft dieses journalistischen Beitrages. Neben den üblichen Nebelkerzen („Veranstaltungsort, Treffpunkt, Lernort“) findet sich im Beitrag leider kaum sinnstiftendes zum Nutzen einer Öffentlichen Bibliothek. Zu viel Anwesenheit des dbv scheint indes auch bei dänischen Kollegen zu Verflachung der Aussagen zu führen, denn anders kann ich mir diesen Satz kaum erklären: „Natürlich können sie auch Bücher ausleihen, aber das ist fast schon zur Nebensache geworden, wie fast überall.“ Der Unterschied zwischen dem was ich in Dänemark sah und den Bibliotheken hier in Deutschland ist die Wirkung des Raumes. Das Medienangebot dort erschien mir beim Vergleich mit ähnlichen Bibliotheken in Deutschland als mindestens gleich groß, wenn nicht gar größer. Bedeutend größer sind hingegen die Räume dänischer Öffentlicher Bibliotheken. Hier wären Anknüpfugspunkte was den Auftrag in einer lokalen Gemeinschaft angeht, z.B. als Raum für Kultur und Fortbildung, also freier Ort für die BürgerInnen einer Kommune. Hier könnte man erklären, wo unser deutscher Berufsstand und unsere Träger offensichtlich andere Aufgaben erkennen und als Anmerkung am Rande: die Umbenennung in Mediothek oder sonst was zeugt ja nur davon, dass man verzweifelt versucht ein altes Wort zu ersetzen, um modern zu wirken. Die Fixierung auf die Medien bleibt ja erhalten (weswegen die „auch digital“-Kampagne des dbv ja auch eine besonders blödsinnige Form des Marketings ist). Wer ein Haus der Kultur, von Theater und Musik bis zum Buch, von der VHS bis zum BürgerInnenbüro möchte, der findet einen eigenen Namen. Womit nun aber all diese Dinge gar nichts zu tun haben sind Bibliotheksgesetze. Wer fähig ist eine kommunale Diskussion zu initieren, wofür es starke Netzwerke und eine besondere Verankerung der Bibliothekswesen innerhalb einer Kommune braucht, findet auch neue klar demokratisch legitimierte Optionen für bibliothekarische Arbeit. Ein Berufsstand der fixiert ist auf die Angst vor seinem alten Image wird sich nicht verändern. Ein gutes Bibliotheksgesetz manifestiert dann nur die Finanzierung von Einrichtungen, die in sich keine Idee von der Weiterentwicklung innerhalb ihrer Kommune haben. Wesentlich dringlicher als Bibliotheksgesetze ist also eine offene Diskussion über den Beitrag von Öffentlichen Bibliotheken zur Stadtentwicklung, ohne die üblichen Nebelkerzen aus Bibliotheks-FHs, wie auch immer sie sich jetzt nennen mögen, ohne die üblichen Nebenkerzen aus dem zukunftsangsterfüllten dbv und ohne bildungsbürgerliche Arschlöcher wie ein besonderes Exemplar, das ich nun noch kurz vollmaulen möchte:

Düsseldorfs Bibliothekschef im Interview „Eine Million Besucher in der Bücherei“

Dem allgemeinen Banalitätenkarussell des Interviews, also z.B. der „Veränderung“ im Nutzungsverhalten der sogenannten KundInnen will ich mich gar nicht widmen. Ich möchte den Blick auf eine besondere Widerwärtigkeit richten:

Düsseldorf ist eine gute Stadt für eine Bibliothek. Hier gibt es eine breite Mittelschicht, 60 Prozent unserer Nutzer haben Abitur, studieren oder sind Akademiker. Ein Kollege von mir in einer großen Ruhrgebietsstadt ist immer ganz neidisch, bei ihm liegt dieser Wert bei acht Prozent.

Was für ein verkommenes Menschenbild muss man besitzen, um sich als Leiter einer Bibliothek hinreißen zu lassen, als gute Voraussetzung für eine städtische Bibliothek den Akademisierungsgrad zu nennen bzw. den Neid eines Kollegen mit einem sehr geringen städtischen Akademisierungsgrad heraus zu stellen? Ich kann mir nicht mal im Ansatz vorstellen, wie man diese Aussage positiv gemeint haben könnte. Kleiner Tipp: vielleicht beim nächsten Mal vorher nachdenken, das eigene Menschenbild hinterfragen oder einfach mal die Fresse halten.

DonBib

PS Hier gibt es Bilder aus der Tårnby Kommunebiblioteker

4 Gedanken zu “Trauriges aus der Bibliothekswelt

  1. Kleiner Tipp: bevor man schreibt, jemand solle „einfach mal die Fresse halten“, nachdenken und das eigene Menschenbild hinterfragen.

  2. Da hätte er auch mal lieber die Klappe gehalten! Was für ein Bild vermitteln wir denn bitte an die Leser_innen, wenn wir uns zu solchen Aussagen hinreißen lassen. Bitteschön nur die Mittelschicht, der Rest soll sich seinen Lesestoff aus den Happy Meals holen, wenn das mal wieder im Angebot ist.
    Da nützen auch die vielen Nebelkerzen nichts, wenn sie auch den allerletzen Bibliothekskopf nicht erhellen.

  3. Es war sogar gut, dass der Mann ehrlich gesagt hat, was er und seine anderen Kollegen und Kolleginnen womöglich (auch) wirklich denken. Für ihn war es unklug, da er sein „Menschenbild“ geoutet hat. Er war wohl auch noch stolz darauf. Als ob nicht genau die Städte im Ruhrgebiet Bibliotheken viel dringender brauchen als eine Stadt wie Düsseldorf. Das Interview liest sich wie von einem Leiter einer Firma, der nur zahlenorientiert denkt und wie besessen seine Einrichtung als Erfolg in der PR-Sprache anpreist. Machen bzw. fördern wir nun in Deutschland Bibliotheken bevorzugt für Akademiker? Ich denke, viele andere Leiter und Leiterinnen von Bibliotheken in Deutschland haben ein ähnliches technokratisches und sozialdarwinistisches Weltbild wie dieser Herr. Umgekehrt hat wohl der Kollege aus dem Ruhrgebiet eine schlechte Stadt, da es ja es dort weniger Akademiker gibt, wenn man dessen Logik folgt. Ein Erfolg wäre doch die Zahl der Nichtakademiker unter den Nutzern einer Bibliothek zu erhöhen. Wenn das Gegegnteil ein Erfolg ist, dann ist das eher leichtes Spiel tendenziell bildungsaffinere Schichten in die Bibliothek zu bekommen. Man könnte sich schon fast dafür schämen einem solchen Berufsstand anzugehören, bei dem Meinungen wie diese wohl zwar seltener öffentlich geäußert werden, aber durchaus keine Einzelfälle sind. Ich habe unter den Nichtakademikern gebildetere, menschlichere und charakterlich einwanderfreiere Menschen kennen gelernt, als unter so manchen Akademikern bzw. Bibliotheksleiter. Warum hat dieser Leiter nicht denn nie das Ziel gehabt ein mittelständisches Unternehmen zu leiten oder eine ökonomisierte Hochschule statt (s)eine Stadtbibliothek zu öknomisieren? Gibt es dort nicht schon Security-Mitarbeiter, welche Nichtakademiker des Saales verweisen? Das ganze ist einfach nur noch traurig und noch trauriger ist, dass diese Mann sich nicht bewusst ist mit welcher kalten und neoliberalen Sprache er agiert und kommuniziert.

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