Der Bibliotheksverband schweigt an der falschen Stelle

Das Bundesministerium des Innern (BMI) hat auf Initiative der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) den Vertrieb der von Bettina Zurstrassen (Universität Bielefeld) wissenschaftlich verantworteten Sammelpublikation „Ökonomie und Gesellschaft“, erschienen in der bpb-Schriftenreihe „Themen und Materialien“, (vorläufig) untersagt.

Quelle: Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Diese Meldung geht seit Tagen durch die überregionale Presse (Beispiele: hier, hier, hier oder hier) und wird an vielen Stellen sehr kritisch diskutiert, nur leider nicht vom Deutschen Bibliotheksverband. Man kann sicher die berechtigte Frage stellen, ob es die Aufgabe des Bibliotheksverbandes ist sich hier zu engagieren. Aus zweierlei Gründen würde ich diese Frage mit „definitiv“ beantworten. Es ist einerseits die Aufgabe des Bibliotheksverbandes die Position der Bibliotheken in der Gesellschaft zu stärken, was ganz sicher mit einschließt an der entsprechenden Stelle auch politisch ein Zeichen zu setzen (und was bezogen auf die Flüchtlinge auch gut funktioniert (aber irgendwie auch selbstverständlich sein sollte)), andererseits sollte der Bibliotheksverband auch verpflichtet sein den eigenen „Code of ethics„, also die ethischen Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe zu verteidigen bzw. deren Umsetzung einzufordern. Dort findet sich unter Punkt 2. folgender Satz:

Wir setzen uns für die freie Meinungsbildung und für den freien Fluss von Informationen ein sowie für die Existenz von Bibliotheken und Informationseinrichtungen als Garanten des ungehinderten Zugangs zu Informationsressourcen aller Art in unserer demokratischen Gesellschaft. Eine Zensur von Inhalten lehnen wir ab.

Quelle: Deutscher Bibliotheksverband e.V. (dbv)

Ich hielte es also für durchaus angemessen und aufgrund der Aktualität auch ohne langen Vorlauf für erwartbar, dass der Bibliotheksverband in so einem Moment reagiert und eine Protestnote veröffentlicht. Wer gesellschaftliche Relevanz demonstrieren möchte, kann sich nicht immer vor solchen Fragen verstecken.

Die gute Nachricht zum Schluss: das Innenministerium beteuert nun wohl, dass der Band in Kürze wieder erhältlich sei. Ich würde mal erwarten, dass spätestens der Streisand-Effekt für eine sehr gute Verbreitung des Werkes sorgen wird.

DonBib

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