Der PokeHype, die Bibliothekswelt und ein altes Problem

Die derzeit in den Facebook-Gruppen „Biblioadmin“ und „games4culture – Gaming in Bibliotheken, Museen und Archiven“ stattfindende Diskussion ist aus meiner Sicht idealtypisch für die Diskursqualität im Bereich der Öffentlichen Bibliotheken.

Der Leiter der Stadtbücherei Nordenham, Jochen Dudeck, reagierte vor einigen Tagen durchaus konsterniert und erbost auf einen Betrag von Christoph Deeg „Auf dem Weg zu ultimativen Pokemon-Bibliothek„. Er stellte die Frage, ob denn „[…] Bibliotheken jedem kommerziellen (!) Schwachsinn hinterherlaufen müssen.“ Die daraufhin entstandene Diskussion ist vielleicht nicht bemerkenswert, eigentlich auch nicht lesenswert, aber zumindest bezeichnend. Jegliche Kritik oder Nachfrage zum Thema Beteiligung an kommerziellen Hypes im öffentlichen Raum wird offensichtlich als genereller Angriff auf das Thema Gaming oder die bibliothekarische Arbeit im Allgemeinen verstanden.

Zuweilen entstand eine sehr skurrile Nebendiskussion die fragt, warum denn ein Buchhype ok wäre, ein Pokemon Hype hingegen nicht. Einerseits ist die Behauptung Buchhypes würden unkritisch übernommen schon unsinnig, jahrelange Bestsellerservicediskussionen sind ein gutes Beispiel dafür, andererseits wird der Punkt der unnötigen Datensammelei und der ja angesprochene Punkt der Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes schlicht ignoriert.

Am Folgetag stellte Dudeck dann weitere Gedanken zur Diskussion, die sich mit der Frage der Popularität von Dystopien im Rahmen der Flucht in virtuelle Realitäten beschäftigten und eine in diesem Blog unzählige Male aufgeworfene Frage stellen: sind Bibliotheken eigentlich „Unternehmen am Kulturmarkt“ oder „Akteure des Allgemeinwohls“.

Beiden angesprochenen Diskussionssträngen ist zueigen, dass sie sehr viel gefühlte Fachlichkeit und noch mehr persönliche Gefühle transportieren. Der von Dudeck später angesprochene „Echoraum“ ist eine ganz treffende Beschreibung dafür.

Wie angekündigt trägt nun die Eingangspforte der Stadtbücherei Nordenham ein Schild mit der Aufschrift „Achtung – sie betreten eine Pokémon freie Zone“. Untertitelt wird ein entsprechendes Bild mit folgendem Text:

Wir haben unsere Bibliothek zur „Pokémon freien Zone“ erklärt. Wir möchten damit zur Diskussion über diesen Hype anregen! Dieses Spiel ist Beispiel für die durchgängige Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Wenn wir uns als „Dritter Ort“ neben privaten Räumen und Verkaufsflächen begreifen, sollten wir das auch deutlich machen. „Fun“ ist nicht alles! (Quelle: Facebook)

Was die Stadtbücherei Nordenham hier gemacht hat ist definitiv nicht als einfach zu beschreiben, man kann es ganz sicher auch begründet kritisieren. Betrachtet man diese Aktion aber im Kontext der Bücherei, ist das Verhalten plausibel und wird im lokalen Rahmen ganz sicher auch so wahrgenommen. Wer sich einen Eindruck machen möchte, der kann mal einen Blick auf das Profil der Stadtbücherei Nordenham werfen. Im Kontext dieser Informationen ist der Schritt die Diskussion so pointiert anzustoßen nämlich durchweg schon logisch – oder mit der Formel der Stadtbibliothek: „Unser Kommunikationskonzept lässt sich auf die Formel bringen: wir kommunizieren unsere Anliegen.“

Heute morgen teilte ein Kollege aus Hamm den entsprechenden Facebookbeitrag der Stadtbücherei Nordenham und kommentierte dies mit der Anmerkung, ihn erinnere das „an die Schmutz-und-Schund-Diskussion bezogen auf Comics, wo die Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit erhobenen Fingern den Menschen sagen wollen was das Richtige ist!“ Die allermeisten Kommentare gehen im Weiteren dann in Sachlichkeit und Tiefe nicht über dieses Zitat hinaus, aber ich empfehle doch es selbst zu lesen. Es ist schon ein freundlicher Wink der Ironie, dass Dudeck seinen Beitrag bei Biblioadmin mit den Worten einleitete:

Es ist leider ein Problem sozialer Medien – das gilt auch für diese Seite – dass Fragestellungen selten erschöpfend diskutiert werden können. Es gibt kein Format, in dem das momentan wirklich funktioniert. Man bleibt immer an der Oberfläche, auch weil schon wieder ein nächster Beitrag um die Ecke kommt.

q. e. d.

Ein wenig ehrabschneidend ist nun das Verhalten der kommentierenden KollegInnen auf der Facebookseite der Stadtbücherei Nordenham. Es ist aus den Kommentaren ersichtlich, dass sich niemand für den Kontext der Aktion interessiert. Was passiert in Nordenham? Wie arbeiten die KollegInnen dort? In welchem Rahmen findet in Nordenham Kommunikation zu diesem Thema statt? Alles egal.

Einzelne KollegInnen fühlen sich offensichtlich in ihrer Gamerseele gekränkt, andere in ihrer alle-Arbeit-ist-Spaß-Mentalität gestört, widerum andere generalisieren Kritik an Kommerzialisierung als Hang zur Fortschrittsfeindlichkeit. Zur Gamerseele sei gesagt: das Spiel selbst ist ein mit der Marke Pokémon geformter Abklatsch des Spiels Ingress. Es bietet keine Story und letztlich nicht mal eine Weiterentwicklung. Es ist allein die Marke Pokémon die zieht. Nun gerade aus Gamingsicht das Thema Datenschutz, Onlinezwang usw. kleinzureden trifft nicht mal im Ansatz die Gamingwelt, die da deutlich wehrhafter, kritischer und sehr oft Veränderung erzwingender ist als andere Konsumwelten.

Was sich in diesem ganzen Vorgang manifestiert, ist die inhaltsleere Glückseeligkeitssucht des wahllos auf jeden Hype aufspringenden Bibliothekszirkusses, dessen Imagekomplexe enorme Dimensionen zu haben scheinen. Die Überbetonung der Modernität bibliothekarischer Einrichtungen geht immer mit zu erwähnenden, mittlerweile auf gar keinen Fall mehr vorhandenen, Eigenschaften einher. Was aber vergessen wird ist die politische Dimension unserer Arbeit. Die Stadtbücherei Nordenham benennt es in ihrem Profil sehr klar:

Wir befinden uns nicht auf neutralem Boden, durch unsere Arbeit machen wir deutlich, daß es Anliegen gibt, die kommerziell nicht abgedeckt werden können. Ich betrachte daher öffentliche Bibliotheken nicht als Dienstleistungsunternehmen. Sie sind eher „öffentliche Räume“, in denen sich ein „öffentliches (gesellschaftliches) Anliegen“ äußert. (Quelle)

In diesem Zusammenhang ist das Handeln auch zu bewerten. Niemand kann etwas für die Profillosigkeit der Masse Öffentlicher Bibliotheken. Wenn jedoch die Positionierung zu gesellschaftlich relevanten Themen als Gefahr für Image und den Fun-Faktor der bibliothekarischen Arbeit betrachtet werden, dann sehe ich keinen Sinn für unsere Arbeit. Irgendwer könnte dem Kollegen Dudeck doch mal mit Argumenten, einem Fachartikel etc. auf die Füße treten. Er würde sich sicherlich freuen.

Das alte Problem, fehlendes Interesse an Fachliteratur, offensichtliches Desintresse am entsprechenden Diskurs und absichtlich und offen formuliert unpolitisches Verhalten finden sich auf allen Ebenen besprochener Themen in Öffentlichen Bibliotheken. Ich empfinde das als durchweg ermüdend, dem Berufsfeld nicht gerecht werdend und bemerke einen stillen gedanklichen Abschied aus dieser Welt. Wer nicht ganz an der Realität vorbei schaut wird bemerken, dass wir auf vielen Feldern den für bibliothekarische Arbeit notwendigen Kompetenzen hinterher rennen z.T. hilflos.

Mich verwirrt die Tatsache, dass verquere Ansichten wie das Verbot des Computerspielens in meiner Schulbibliothek, das zusammen mit einer Minecraft-AG (in der wir unsere Stadt nachbauen) einher geht, von der gesamten Schulgemeinschaft verstanden werden, aber offensichtlich für meinen Berufsstand zu viel ist. Man kann den Vorwurf, bestimmte Gebote würden die BürgerInnen einer Stadt bevormunden, auch umdrehen und fragen wieso all die Bibliotheken, die unreflektiert auf der Hypetrain in Richtung Beliebigkeit fahren, den Auftrag der Informationseinrichtung verweigern. Aber dieser Vorwurf ist ebenso sinnlos. Was ist der Auftrag Öffentlicher Bibliotheken? Diese Frage muss offen gestellt werden und lokal beantwortet werden.

Das nun die Hilfsartikel verfassende Fachstelle in NRW erst auf den Gedanken gebracht werden musste das Thema Datenschutz (interessante Artikel: hier und hier) als Aufgabe mitzudenken verwundert mich – bei aller persönlichen Sympathie – nicht.

Eine Pokémon freie Zone mit entsprechender Aufforderung zum Nachdenken bedeutet nicht, dass man den Menschen das Handy entreißt und Zielgruppen von der Nutzung eines Ortes ausschließt. Niemand käme auf die Idee MusikerInnen anzumaulen, weil sie sich ein Handyverbot im Konzertsaal erbeten. Wer würde dort sagen: „Aber das schließt doch all jene aus, die wir dort sehen wollen.“ Was für ein Absurditätentheater.

Zum Abschluss: ausgerechnet den Kollegen Dudeck als Fortschrittsverweigerer zu brandmarken entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

DonBib

5 Gedanken zu “Der PokeHype, die Bibliothekswelt und ein altes Problem

  1. Lieber DonBib,

    bei allem Respekt, aber Dein Beitrag ist mehr als schwach und eigentlich Deiner unwürdig. Vielleicht muss man hier ein paar Punkte klarstellen, damit Deine Worte kein falsches Bild ergeben.

    1. Die erste Diskussion (in Biblioadmin) entzündede sich an folgenden Punkten:
    – das Thema Pokemon wurde undifferenziert als Schwachsinn bezeichnet.
    – es gab eben keine Fachlichkeit in dem Beitrag. Meine Hinweise auf Fachliteratur im Kontext von Gaming und Bibliotheksliteratur wurden gar nicht aufgenommen
    – das Wissen über das Spiel und die damit verbundene Kultur war bei Jochen Dudeck offensichtlich nicht vorhanden
    – in meinem Blogbeitrag wurde kein einziges Mal behauptet Bibliotheken müssten Pokemon nutzen etc.

    Eine Diskussion über Geschäftsmodelle in Medien ist von niemandem abgelehnt worden, aber hier wurde oberflächlich und populistisch geschrieben und dann später auch agiert.

    Dein Beitrag hier entbehrt jeder Fachlichkeit und das ist umso enttäuschender, da Du mehr Know How in diesem Bereich hast.

    Deine und die Argumentation von Jochen Dudeck läuft m.E. Gefahr, von Ideologien geprägt zu sein.

    Dass sich Jochen Dudeck als Opfer darstellt ist nicht nach zu vollziehen. Deine abschätzige Wortwahl zu Gamern und Bibliotheken ist hier fehl am Platz.

    Beste Grüße unterwegs Pokemon jagend und Termine habend

    Christoph Deeg

    • Lieber Herr Deeg,

      ich denke sie wissen sehr wohl, worauf der Ausgangskommentar bei Biblioadmin abzielte, nämlich der Frage nach der Kommerzialisierung öffentlichen Raumes durch sich verändernde völlig beliebige Inhalte. Es geht dabei doch vorrangig gar nicht um das Thema Pokémon. Das ist eine berechtigte und nachvollziehbare Frage, insbesondere wenn Institutionen der öffentlichen Daseinsvorsorge dies befördern sollen. Der Kollege hat sie nachfolgend, auch mit dem Verweis auf Literatur, mit weiteren Gedanken angereichert. Hintergrund ist auch, dass es unglaublich viele Arbeitsfelder in ÖBs gibt, die mit Fachwissen und Inhalten gefüllt und diskutiert werden wollen und die beständige Hypetrain leider um wichtigere Diskussionen herum fährt.

      Ihre Interpretation es fehle an Wissen ist im Übrigen nicht mehr als Rhetorik. Dasselbe gilt für den Vorwurf eine ideologische Diskussion zu führen (welche Ideologie eigentlich). Dasselbe gilt für den Vorwurf es fehle an Fachlichkeit. Dasselbe gilt für die Anmerkung ich könne es besser. Dasselbe gilt für die Randbemerkung mit Terminen und Pokémons beschäftigt zu sein.

      Müde Grüße

      DonBib

      PS Wenn meine Wortwahl gegenüber Gamern abschätzig war, dann habe ich mich wohl hart selbst beleidigt – ups.

  2. Ich denke eine Unterscheidung ist wichtig: Sicher geht es nicht um eine pokemonfreie Zone. Denn das Lesen von und das Reden über Mangas, Fachliteratur zu den Pokemons etc. ist doch vollkommen in Ordnung.
    Ich vermute es geht um den Wunsch nach einer pokemonGofreien Zone, sprich: der Vermeidung von einer großen Anzahl an BenutzerInnen die mit ihrem gezückten Smartphone durch die Räume wandern?
    Vielleicht sollte das durch eine Korrektur auf dem Schild verdeutlicht werden.
    Denn für mich liegt zwischen beiden Zielen ein Unterschied.

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