Die Stadt und ihre Bibliothek – Fragen zur Münchener Blogparade

Zur Frage der Zukunft Öffentlicher Bibliotheken im urbanen Raum lesen Sie nun einen Kommentar von DonBib vom Pöbelnden Rundfunk (PöFu):

Warum, Weshalb, Worüber – diese Worte bilden die Überschrift zur Beschreibung der Blogparade der Münchener Stadtbibliothek. Fragewörter, ergänzt um Zuschreibungen einer sich verändernden Gesellschaft oder allgemein den Wandel beschreibende Sätze. Dabei scheint der Rahmen deutlich erkennbar: die Gesellschaft wird multikulturell, gleichzeitig digitaler und von großem Willen zur Teilhabe geprägt. Öffentliche Bibliotheken, insbesondere ihre Leuchtturminstitutionen – große Neubauten, mit aktueller Technologie ausgestattete Häuser oder zentrale Treffpunkte städtischer Gesellschaften – treffen einen Nerv und werden überrannt von Besucherinnen und Besuchern. Man kann also der Blogparade begegnen, indem man den Wandel mit konkreten Ideen der Ausgestaltung anreichert. Muss man aber nicht.

Man kann die Fragewörter auch nutzen, um die Eingangsbeschreibung zu hinterfragen:

Warum ist die Internationalisierung der Städte eine Herausforderung für öffentliche Institutionen?
Welche Ansprüche verändern sich hierbei und für wen?
Welche Herausforderungen entstehen durch die fortschreitende Digitalisierung?
Sind die Herausforderung technischer Art oder gesellschaftlicher Art?
Lassen sich diese Herausforderungen beschreiben oder folgen sie einem Gefühl der Überforderung durch die Sichtbarkeit des Alltäglichen?
Ist die Gesellschaftlich multikultureller geworden?
Wodurch wird eine Gesellschaft multikulturell?
Ist die Sichtbarkeit anderer längst bestehender Kulturen, die uns beständig verändern und selbst verändert werden, einfach nur größer geworden?
Wieso verlangt eine multikulturelle Gesellschaft nach anderen Programmen und anderen Beständen?
Werden Programme und Bestände nicht durch den Auftrag der Institution definiert?
Hat sich demnach der Auftrag der Institutionen verändert?
Warum benötigt eine digitale Gesellschaft andere Architekturen?
Zeigt der große Erfolg zentraler Bibliotheks(neu)bauten die Veränderung bibliothekarischer Arbeit an oder beschreibt er einen Mangel im städtischen Raum?
Was ist überhaupt Erfolg in diesem Sinne?
Sind diese zentralen Kulturhäuser (z.B. Dokk1) eigentlich noch Bibliotheken?
Welchen Auftrag erfüllen sie?
Wenn sie neue Aufträge haben, was ist aus den alten Aufträgen geworden?
Möchte die digitale Gesellschaft mehr Teilhabe und ein verändertes Verständnis von Gemeinschaft?
Worin unterscheidet sich das Demokratieverständnis – die Teilhabeforderung – einer digitalen Gesellschaft von der einer analogen Gesellschaft?
Haben Öffentliche Bibliotheken diesen angenommenen Wandel wirklich früher bemerkt?
Wie kompetent sind wir bei dem was wir tun?
Ist das Bibliothekspublikum wirklich diverser als das der Theater und Museen? 

Fragen über Fragen, die sich nur auf den vorgegebenen Rahmen der Blogparade beziehen. Man kann sich mit Blick auf bibliothekarische „Fach“Artikel (Beispiel) zuweilen dem Eindruck nicht erwehren, die Lust ungestellte Fragen zu beantworten sei so groß, wie die Unlust überhaupt Fragen zu stellen. Stellt man allein die Frage nach dem möglicherweise eingängigsten Auftrag Öffentlicher Bibliotheken, der Leseförderung, kann man neben vielen Anschlussfragen zumindest eine Antwort geben:

„Die Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland liegt somit bei 14,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung beziehungsweise bei 7,5 Millionen Menschen.“ (Quelle: BpB)

Sind wir also so gut in unseren Aufgaben, dass wir um konkrete Ziele herumdiskutieren können? Wen erreichen wir eigentlich? Wen wollen wir erreichen und wen sollen wir erreichen? Wer definiert diese Frage eigentlich? Weshalb sprechen wir so oft über die öffentliche Wahrnehmung unser Aufgaben und so wenig über die messbaren Ergebnisse – und ich spreche hier nicht von dieser skurrilen und glücklicherweise eingestellten Selbstbeweihräucherungsmethode mit dem Namen BIX. Die Frage ist nicht, ob wir zu wenig Aufmerksamkeit als Institution erhalten, sondern ob es sich eine Gesellschaft leisten kann, uns so leicht davon kommen zu lassen.

Abschließend: wieso wird die Teilhabe an demokratischen Prozessen als Neuigkeit behandelt? Die Demokratie ist keine Erfindung des digitalen Wandels. Man kann aber die Frage stellen, ob Öffentliche Bibliotheken tatsächlich ein demokratischer Raum sind oder wie sie sich selbst d.h. ihre Arbeit demokratisieren können. Die Methoden dafür existieren seit langer Zeit, spielen im bibliothekarischen Diskurs aber keine Rolle. Wenn wir Partizipation und Demokratisierung fördern wollen, dann müssen wir mit unserer eigenen Institution beginnen. Das Gegenüber wird dann aber niemals ein Kunde oder eine Kundin sein, denn diese sind entrechtet. Sie zahlen für eine Leistung und definieren allein über Nutzung und Nichtnutzung deren Wert. Nur als Mitglieder, als Bürgerinnen und Bürger der städtischen Gesellschaft, eingebunden in transparente Prozesse ihrer städtischen Institutionen, können diese ihre Rechte wahren. Bieten wir ihnen also die Gelegenheit dazu:

  • Stellt eure Daten offen zur Verfügung und nutzt offene Daten (keine Mehrfacharbeit)
  • Präsentiert offen die Strukturen und Prozesse der Bibliothek (keine Imagepflege)
  • Schafft nicht nur Mitmachräume in der Bibliothek, sondern schafft Räume für die Teilhabe an der Bibliothek (keine Angst vor Diskussionen)
  • Widmet euch der Leseförderung (keine Ausreden)

DonBib

Tdlr: demokratisiert die Institution, vergesst das Lesen nicht, für alles andere: das was der Gerald Schleiwies sagt

 

 

6 thoughts on “Die Stadt und ihre Bibliothek – Fragen zur Münchener Blogparade

  1. Danke für die kritische Metaebene, auf die zu hoffen ich gar nicht gewagt hatte! Das gibt mir wieder so viel Diskussions- und Weiterdenkansätze, dass ich erst einmal ordnen muss … Mal sehen, ob daraus ein laaaanger Kommentar an dieser Stelle oder ein eigener Blogbeitrag bei uns wird.

  2. Die Schlussfolgerungen find ich größtenteils gut.
    Bibliotheken sollten sich noch viel mehr öffnen. Ich hab auch schon mal zu Open Data-Möglichkeiten gebloggt.

    Außerdem fände ich auch eine personelle Öffnung gut. D.h. nicht nur (studiertes) Fachpersonal einstellen, sondern auch Menschen aus fachfremden Bereichen, die aber Know-How aus ihrem Bereich mitbringen. Gerade bei den ganzen Digitalisierungsprozessen finde ich das essentiell.

    • Absolut d´accord, in beiden Sachen! Genau darum geht es ja: Wie organisieren wir diese Öffnung, worauf müssen wir achten, gibt es Beispiele für gelungene und gescheiterte Öffnungen?

    • Viele Diskussionen zu fachfremdem Personal in Bibliotheken scheitern am fehlenden klaren Auftrag der Einrichtung. In Wissenschaftlichen Bibliotheken ist der jeweilige lokale oder überregionale Auftrag einer einzelnen Einrichtung, meiner Ansicht nach, deutlich klarer und da dürfte die Diskussion viel simpler sein, wenn sie denn dort überhaupt notwendig ist. In Öffentlichen Bibliotheken liegt der Fall anders. Die enormen Möglichkeiten der Automatisierung schaffen große Spielräume für entsprechendes Fachpersonal für weiterführende Aufgaben: PädagogInnen aller Art, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen usw. Leider ist die Diskussion um den Auftrag Öffentlicher Bibliotheken im Kontext lokaler Ansprüche relativ oberflächlich und Marketingorientiert. Insofern ist es weniger die personelle Öffnung als der konkrete Auftrag Öffentlicher Bibliotheken, der zu diskutieren ist.

  3. Zuerst zur „abschließenden“ Frage nach der Teilhabe als Neuigkeit: Das war definitiv nicht gemeint. Was gemeint war (pardon, wenn das missverständlich ausgedrückt ist): Mitmachen bei Demokratie scheint aktuell nicht sonderlich en vogue (siehe Wahlbeteiligung, rechter Populismus, Misstrauen in Systeme und Abläufe etc). Und, ja, meiner Meinung nach liegt ein Grund (unter vielen anderen) dafür in der Digitalisierung, die dem ‚Normalbürger‘ in sozialen Netzwerken und Kommentarspalten suggeriert, sein Beitrag und seine Präsenz seien wichtig oder gar entscheidend. Dass dieses Versprechen auf ein ‚Erscheinen auf der Bildfläche‘ (noch?) nicht so wirklich eingelöst werden kann/will, sorgt für große Frustrationen mit teils verheerenden politischen Folgen. Bibliotheken müssen, darin gebe ich dir völlig recht, in Sachen Transparenz und Teilhabe bei sich selbst anfangen.

    Und etwas zum Thema Migration/multikulturelle Gesellschaft: Selbstredend ist das eine Herausforderung für öffentliche Institutionen, da diese immer nationalstaatlich grundiert sind, und just mit diesem Konzept gibt es in jüngster Zeit bekanntermaßen eine Reihe von Problemen (ob nun zurecht oder zu unrecht, möge jeder selbst entscheiden).

    Die multikulturelle Gesellschaft (ganz gleich, ob sie nun realer oder ’nur‘ sichtbarer ist) ist zumindest für uns nicht nur ein Schlagwort: Die Münchner Stadtbibliothek baut nicht nur Deutschlern-Programme aus, sondern in ähnlichem Maße auch den mehrsprachigen Bestand und die mehrsprachige Veranstaltungsarbeit, weil sie Erstsprachen zugunsten des Deutschen nicht verdrängen, sondern im Gegenteil deren Bewahrung fördern und sichern will. Das Mit- und Nebeneinander muss das Ziel sein, da darin ein unschätzbares Potential liegt.

    „Hat sich demnach der Auftrag der Institutionen verändert?“ Im Konkreten vielleicht, aber im Grunde finde ich nicht. Wenn sich die Medien ändern, braucht es schlicht und einfach andere Techniken, um weiterhin den Zugang der Menschen zur Information zu gewährleisten. Und, ja, dazu gehört imho auch die Leseförderung, gar keine Frage.

    Deine vier Forderungen finde ich klar, konsequent und logisch in jedem Sinne. Deshalb nochmals danke für den Text!

    • Demokratiekompetenz muss gelernt werden. Einerseits muss Wissen um demokratische Prozesse aufgebaut werden, die aber andererseits ohne konkrete demokratische Erfahrungen nichts bewirken werden. Ich denke dieses Phänomen der mangelnden Demokratieerfahrung, potenziert durch die Wirkweisen digitaler sozialer Netzwerke, sorgt für viele der derzeitigen Stimmungen und Wahlergebnisse. Auch wenn man dachte mit dem KundInnenbegriff eine andere Ebene geschaffen zu haben, die das hierarchische Verständnis von Verwaltungsarbeit auflöst, wurden dabei die alten Machtassymetrien nicht aufgelöst. KundInnen haben immer noch nichts zu sagen. Marketing ist ja ein praktikabler Weg den Menschen zu erzählen, dass sie etwas brauchen, von dem sie noch nicht wussten. Demokratisierung bedeutet aber auch, diese Machtverhältnisse aufzulösen – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen und die entstehenden Machtverhältnisse transparent zu machen. Insofern ist das keine Frage des Trends o.ä., sondern ein völlig anderer Ansatz die eigene Arbeit in der Kommune zu verstehen.

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