Selbstzensur, Zensur, Alltag? Differenzieren lohnt sich!

Im netbib Blog fand sich in den Kommentaren jetzt ein Hinweis auf einen Zeitungsartikel zum „Thema Benutzung des Buches im Würmtal“ (es geht schon wieder um Sarrazin). Dort wurde u.a. die Diskussion innerhalb der Gemeinde Planegg und deren Gemeindebücherei nachgezeichnet. Ursula Thym, bis April 2011 die Leiterin der Gemeindebücherei Planegg, verweigerte die Anschaffung des Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ mit folgenden nachlesbaren Aussagen:

„Solange die Nachfrage auf niedrigem Niveau bleibt, werden wir das Buch nicht bestellen“, sagt Ursula Thym, Leiterin der Planegger Gemeindebücherei. Sie hat den umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ zwar noch nicht gelesen, bei der Zeitungslektüre jedoch den Eindruck gewonnen, dass in dem Buch rassistische Thesen verbreitet werden. „Das sollte man nicht unterstützen“, sagt Thym. Sollte die Nachfrage jedoch explodieren, werde sie sich im Rathaus rückversichern, bevor das Buch bestellt werde. (Quelle Merkur Online)

Eine, wie ich ja schon ausführlich beschrieben habe, absolut nachvollziehbare Haltung bzw. Aussage. Vor allem aber auch eine Aussage die durchaus Mut erfordert. Warum Mut? Die Antwort darauf findet sich u.a. in den Kommentaren des Artikels.
Laut Dr. Barbian (im netbib Blog) wäre dieses Handeln eine Form von zu verurteilender Zensur und sicherlich würden dies noch viele andere Kommentatorinnen und Kommentatoren so unterschreiben.

Das Handeln der ehemaligen Leiterin der Gemeindebücherei Planegg folgt aber genau dem moralischen Weg, den ich bevorzugen würde. Ursula Thym stellte sich mit ihrer Meinung der Öffentlichkeit und damit auch der Diskussion in der Gemeinde. Erst daraus konnte tatsächlich eine Diskussion entstehen, der sich eben jeder der das Buch einfach in sein Bibliotheksregal stellt entzieht.

Witzig und gleichzeitig das „Problem“ Zensur verdeutlichend ist dann der nächste Absatz des Zeitungsartikels:

„Wir kaufen es, schließlich spricht momentan jeder darüber, und das Buch ist nicht verboten worden. Es gibt ja die freie Meinungsäußerung“, sagt Neurieds Bücherei-Chefin Irene Latka. „Feuchtgebiete habe ich damals nicht bestellt, das war unter der Gürtellinie.“  (Quelle Merkur Online)

Eine faszinierende Variante von: „Wie widerspreche ich mir innerhalb von zwei Sätzen“. Ich finde es allerdings auch gar nicht so schlimm. Es ist eben genau das was eben doch jede Bibliothekarin und jeder Bibliothekar tut – bei jedem Krimi und bei jedem Sachbuch – er „zensiert“ entsprechend seinen eigenen moralischen Vorstellungen und muss selbst entscheiden, ob er dem Diktat der Bestsellerlisten folgt.

Insofern lohnt sich die Debatte um Selbstzensur, wie der Merkur Online es im Titel des Artikels nannte, Zensur, wie Dr. Barbian es nannte oder Alltag, wie ich es nennen würde. Nicht jede Situation ist gleich und lässt sich mit dem Schlagwort Zensur einordnen. Verschiedene Aspekte differenziert zu betrachten ist eine Notwendigkeit der Zensurdebatte.

Es lohnt sich eben doch, kraftraubend und immer wieder aufs Neue zu fragen: „Kann ich meine Arbeit mit meinen moralischen Vorstellungen vereinbaren?“.

Es lohnt sich eben doch, die eigenen Vorstellungen zur Diskussion zu stellen – eine Grundvoraussetzung für alle demokratischen Prozesse – denn erst daraus entwickeln sich die Grundlagen für gemeinsames und verantwortliches Handeln.

DonBib

Schreibe einen Kommentar