Differenzierung die Zweite – sind Bibliotheken Dienstleistungseinrichtungen?

Großes Thema – ein (sehr) kurzer Versuch der Einordnung zur Diskussion.

Sehr oft gab es schon auf verschiedensten Veranstaltungen, in den Mailinglisten oder z.B. im netbib Weblog lange Diskussion über die Frage, ob denn Bibliotheken eigentlich Dienstleistungseinrichtungen wären. Selbstverständlich sagt die eine Seite, deswegen heißen Kundinnen und Kunden ja schließlich auch nicht mehr Bibliotheksnutzerinnen und Bibliotheksnutzer. Für völligen Unsinn hält dann oft die Gegenseite diese Bezeichnung und auch das Ansinnen der Bibliothek als Dienstleistungseinrichtungen.

Den Grundfehler vieler solcher Diskussionen will ich hier nicht begehen, nämlich einfach drauf los zu argumentieren. Es gilt vorher klar abzuklopfen und sorgfältig zu benennen, über welche Formen von Bibliotheken man spricht und welches Bild man von der Gesellschaft hat. Daraus ergibt sich nämlich zumeist bereits vorher das Ergebnis der Diskussion. Bei mir z.B.:

  • Spezialbibliotheken sind Dienstleistungseinrichtungen
  • Wissenschaftliche Bibliotheken sind zum Teil Dienstleistungseinrichtungen
  • Öffentliche Bibliotheken sind keine Dienstleistungseinrichtungen

Warum also diese Antworten? Ich nehme mal der Einfachheit halber die „Defintion“ der Wikipedia für Dienstleistung:

Eine Dienstleistung im Sinne der Volkswirtschaftslehre ist ein ökonomisches Gut, bei dem im Unterschied zur Ware nicht die materielle Produktion oder der materielle Wert eines Endproduktes im Vordergrund steht, sondern eine von einer natürlichen Person oder einer juristischen Person zu einem Zeitpunkt oder in einem Zeitrahmen erbrachte Leistung zur Deckung eines Bedarfs. Der Erbringer einer solchen Leistung wird als Dienstleister bezeichnet. (Quelle: Wikipedia)

Großartig – Thema gegessen, exakt das machen wir in allen Formen von Bibliotheken, wir erbringen Leistungen zur Deckung eines Bedarfs, also sind alle Bibliotheken Dienstleistungseinrichtungen. So einfach könnte man es sich machen. Das wäre aber langweilig. Man könnte nämlich z.B. die folgenden (Gegen-)Fragen stellen:

  • Welchen Bedarf decken denn Öffentliche Bibliotheken? Den freien Zugang zu Informationen?
  • Wer definiert diesen Bedarf denn, wenn es denn tatsächlich ein Bedarf ist?
  • Ist der Bedarf die Bildung und Weiterbildung der Einwohner dieses Landes? Wenn ja, wer definiert wie gebildet ich werden darf oder sein muss?
  • Gehen wir einen Schritt weiter: sind dann Schulen auch Dienstleistungseinrichtungen? Gibt es einen Bedarf an Bildung? Wenn ja, wo endet dieser Bedarf und wo beginnt er?

Viele Fragen also und wenn ich ehrlich bin, keine Antworten die sich innerhalb von zehn Seiten Text so einfach niederschreiben ließen.

Ich für meinen Teil, und darum soll es hier gehen, definiere das Recht auf Bildung nicht als Bedarf der Gesellschaft an intelligenten Menschen zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Kreisläufe. Dies ist allenfalls ein Beiwerk.

Deswegen fruchtet bei mir die Definition der „Dienstleistung“ aus der Wikipedia nicht. Denn Bildung ist kein ökonomisches Gut. In einer Gesellschaft, deren Grundverständnis es ist, dass junge Menschen hoch intelligent werden, damit sie einen großen Nutzen für wirtschaftliche Kreisläufe haben, definiert Bildung selbstverständlich als ökonomisches Gut und eben hier trennen sich die Wege.

Es ist grundlegend, welches Bild einer Gesellschaft man vertritt und vertreten möchte – es ist ebenso grundlegend dies offen zu benennen und zu vertreten.

Nimmt man zu dieser Diskussion dann noch die unterschiedlichen Bibliothekstypen (in sehr verkürzter Form) hinzu merkt man, dass man sehr wohl Unterschiede benennen kann. Eine Spezialbibliothek, z.B. die Bibliothek eines Instituts der Leibniz-Gesellschaft, hat keinen Nutzen aus sich selbst heraus. Sie erfüllt den Bedarf der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Information. An dieser Stelle geht es dann letztlich doch um die Erfüllung eines Bedarfs zur wissenschaftlichen Arbeit der Forscherinnen und Forscher. (Wobei ich hier schon ein bißchen Abstriche von meiner Grundidee mache – der Punkt ist mir selbst noch nicht vollends deutlich)

Das Gegenteil dazu bilden die Öffentlichen Bibliotheken. Sie stehen, wie die Schulen, als Grundpfeiler des Rechts auf Bildung am Boden jeder Gesellschaft und jeder gesellschaftlichen Entwicklung. Denn hinter meiner Arbeit als Bibliothekar steht mehr als die Erfüllung der Wünsche jener Menschen die in meine Bibliothek kommen. Ich möchte jenen Menschen nicht einfach nur die Information mitgeben, nach denen sie fragen, sondern einen Gedanken an die Bedeutung der Bildung für eine humanistische Gesellschaft. Eine Öffentliche Bibliothek, die sich als Dienstleistungseinrichtung versteht, ordnet sich in den Wirtschaftskreislauf ein und verlässt damit den Weg in eine humanistische Gesellschaft.

Wissenschaftliche Bibliotheken stehen auf halbem Weg zwischen Spezialbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken, daher meine Einordnung zu Beginn. Sie erfüllen zum Teil den Bedarf an Informationen für Forscherinnen und Forscher, sie erfüllen zum Teil aber auch einfach die Aufgabe, „höhere“ Literatur für die Erbringung des Rechts auf Bildung bereitzustellen etc.

So einfach ist dann letztlich für mich die Einordnung. Wichtig ist, dass man sich vorher ein Bild der Gesellschaft bereit hält, sonst verläuft jede Diskussion im Sand.

Dies als kleiner Diskussionsbeitrag. Es sind noch nicht ganz geordnete Gedanken. An der einen oder anderen Stelle fehlt sicherlich der fachwissenschaftliche Hintergrund, was die Definitionen angeht, aber dafür ist dieser Blog nicht da. Für die Klärung und Erörterung solcher Fragen gibt es eben jene bibliothekswissenschaftliche Einrichtungen an den Hochschulen und Fachhochschulen dieses Landes

DonBib

PS Spannend ist z.B. auch die Frage, was mit Bibliotheken politischer Stiftungen ist. Folgen die den Zielen der jeweiligen Stiftung (z.B. hier, hier oder hier) oder bleiben sie der kleine Zweckerfüller (oder halt Dienstleister) der Stiftungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter? Daraus folgt jetzt noch eine kleine Aufforderung: Hören wir auf immer „die Bibliotheken“ zu schreiben, es gibt sie nicht so verallgemeinert.

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