(K)ein würdiger Preisträger?!

In einer PRESSEMITTEILUNG vom 08. September 2011 erklärte der Dachverband der Bibliotheks- und Informationsverbände, Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V.:

Der Dachverband der Bibliotheks- und Informationsverbände, Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V., verleiht die Karl-Preusker-Medaille 2011 an Bundespräsident a. D. Horst Köhler. Die Bundesvereinigung würdigt damit die herausragenden Verdienste des ehemaligen Staatsoberhauptes um das Bibliotheks- und Informationswesen. (Quelle: Presseerklärung BID)

Ich halte diese Auszeichnung schlichtweg für einen Skandal oder besser gesagt die totale Bankrotterklärung des Dachverbandes der Bibliotheks- und Informationsverbände, Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V.

Ich zitiere mal, als Begründung für meine Ansicht, aus einem Aufsatz mit dem Titel „Horst Köhler: Scheitern nach oben“, verfasst von Albrecht von Lucke und erschienen in „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (Ausgabe 5/2009):

Horst Köhler steht höchstpersönlich für jene von ihm kritisierte Selbstentmachtung der Politik zugunsten von Wirtschaft und Banken. In den letzten 20 Jahren agierte er (als maßgeblicher Politiker oder politischer Beamter) stets dort an verantwortlicher Stelle, wo der neoliberale Zeitgeist wehte und die entscheidenden Weichen gestellt wurden. Anders ausgedrückt: Seine kritischen Erkenntnisse kamen regelmäßig zu spät. Auf diese Weise verbirgt sich hinter der erstaunlichen Erfolgsgeschichte des Horst Köhler auch eine kleine Geschichte der gescheiterten neoliberalen Deregulierungspolitik seit 1989. (Quelle: Albrecht von Lucke: Horst Köhler: Scheitern nach oben. In: Blätter für deutsche und internationale Politik – Ausgabe 5/2009)

Der BID hingegen schreibt in der Begründung für die einstimmige Entscheidung der Jury:

Bundespräsident a. D. Köhler hat in Wort und Tat dazu beigetragen, die öffentliche und politische Wertschätzung für Bibliotheken und Informationseinrichtungen zu stärken […] (Quelle: Presseerklärung BID)

Aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes kann ich vielleicht noch verstehen, warum man sich so eine Person als Preisträger gesucht hat.

Ich werde allerdings niemals verstehen, warum man eine Person, die maßgeblich an den aktuellen Verwerfungen des Finanzsystems beteiligt war und somit maßgeblich Verantwortung für die schwierige Haushaltslage der Träger aller Arten von Bibliotheken trägt, als Förderer und positive Figur für Bibliotheken und Informationseinrichtungen auszeichnen kann.

Persönlich würde ich den Dachverband der Bibliotheks- und Informationsverbände, Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V. dazu auffordern den Preis zurückzuziehen (was aber schon aus politischen Gründen niemals stattfinden wird).

Der BID hat sich selbst und den Preis mit dieser Entscheidung nachhaltig beschädigt und einmal mehr gezeigt, dass dort die persönliche Wahrnehmung offensichtlich nicht einen Zentimeter über den Tellerrand des eigenen Berufsstandes hinaus geht.

Schade um den Preis!

DonBib

7 Gedanken zu “(K)ein würdiger Preisträger?!

  1. Danke für diese richtige Stellungnahme. Mir fallen seit Ende 2010 zu jeder öffentlichen Äußerung der bibliothekarischen Verbände und ihrer Funktionäre nur Worte wie Kretinismus, obszön und Abscheu ein. Erstaunlich ist, dass man immer noch tiefer sinken kann: in Zeiten der Finanzkrise, für die Bibliotheken in den USA, Deutschland oder Großbritannien zu zahlen haben, ausgerechnet einen der Konstrukteure des Finanzsystems auszuzeichnen – ist das jetzt der Tiefpunkt?

  2. Man kann an Köhler viel kritisieren. Als BuPrä hat er wenigstens das Verdienst, das Bibliothekswesen *überhaupt* erwähnt zu haben. Seine Rede zur Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek hat ein paar Punkte genannt, die Bibliothekswesen selbstverständlich sind, von der obersten politischen Garde jedoch nie gehört werden.

    „In den vergangenen Jahren mussten auch die Bibliotheken, Archive und Museen Sparbeiträge leisten. Die Finanzausstattung vieler Institute liegt heute unter dem Notwendigen, die Personaldecke ist dünn geworden. Viele können ihre Aufgaben der Bewahrung und Erschließung nicht mehr in erforderlichem Umfang erfüllen. Hier hoffe ich auf eine Kurskorrektur. Die kulturelle Überlieferung in Bibliotheken, Archiven und Museen ist eine geistige Heimat für die Nation. Wir brauchen sie, auch und gerade wenn wir nach vorne schauen und unseren Weg in die Zukunft gehen wollen.“

    Und der Satz „Meine Meinung ist: Bibliotheken gehören deshalb in Deutschland auf die politische Tagesordnung.“ war nicht umsonst in ähnlicher Form IFLA-Motto unter Claudia Lux.

    Der BID versteht sich anscheinend ausschließlich als bibliothekarische Vereinigung im engsten Sinne. Alles, was über die rein formale Arbeit in Bibliotheken hinaus geht, ist dort nicht relevant.

  3. @CH

    Die Rede zur Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek wird maßlos überschätzt. Was hätte er dort sonst sagen sollen? Teil seiner Biografie war doch nie die Unterstützung der Bibliotheken etc. Eben in dem Zitat nervt mich schon der Satz „Hier hoffe ich auf eine Kurskorrektur“. Für diese Kurskorrektur hätte er die Jahre davor einen Beitrag leisten können, hat er aber nicht, ganz im Gegenteil. Insofern halte ich seine Rede für das was man halt in so einer Situation halten muss. Wenn aber die politischen Taten dem späteren Reden völlig entgegen stehen, dann kann ich die Worte nicht ernst nehmen. Zudem fallen mir spontan mindestens 50 Leute ein, die einen wesentlich größeren Beitrag für die Wahrnehmung der Bibliotheken im politischen Leben geleistet haben. Die Begründung für diese Auszeichnung ist in seiner Banalität gar nicht zu überbieten und sie ist verlogen. Als Werbegag für „Treffpunkt Bibliothek – Information hat viele Gesichter“ in diesem Jahr ist diese Auszeichnung natürlich großartig – inhaltlich bleibt sie blamabel.

    DonBib

  4. Ich muss DonBib zustimmen, mir fallen auch etliche Leute ein, die den Preis viel eher verdient hätten und wie Ahmed Deutschland schon feststellte: seit seiner Anna-Amalia-Rede, deren positiver Inhalt dem Umstand des Ortes und der Begebenheit geschuldet ist, hat der Herr Köhler gefühlt (und vielleicht auch real) keinen Ton mehr zu Bibliotheken und deren Wert gesagt.

    Mir wird auch zu wenig der engagierten Kolleginnen und Kollegen gedacht, die mit Fleiß, Einfallsreichtum und Herzblut versuchen, soviel aus dem bisschen Etat herauszuholen wie nur irgendwie geht.

    Und außerdem ist es ja toll, wenn immer wieder betont wird, wie wichtig Bibliotheken sind und wie wichtig auch männliche Bibliothekare für die Leseförderung von Jungs in öffentlichen Bibliotheken sind… aber geredet wird viel, gehandelt zu wenig. Das erkennt man schon allein an der Anzahl der männlichen Mitarbeitern und den Chancen männlicher Bewerber, seien es FaMis, B.A. oder Diplom-Bibliothekare.

  5. Der Library Link of the Day weist auf einen Artikel im Library Journal hin – http://www.libraryjournal.com/lj/home/892288-264/as_a_revolution_takes_root.html.csp -, der sich mit der im Rahmen der New Yorker Protestaktionen errichteten Occupy Wall Street Library beschäftigt. Im blog – http://peopleslibrary.wordpress.com/ – sieht man auch demonstrierende BibliothekarInnen: You know things are messed up when librarians start marching…; die NYPL weist aktiv auf ihre Bestände hin.
    In Deutschland wird einer der Architekten dieses Finanzsystems als um die Bibliotheken sich besonders verdient gemacht habend ausgezeichnet. In einem Kommentar zu dem LJ Artikel schreibt ein Baxter, dass die Demonstranten erst einmal arbeiten gehen sollten. Eine launige Antwort empfiehlt Baxter, time to get back to your Tea Party meeting. Sollten wir statt eines offenen Briefes nicht lieber sagen: BID, time to get back to your Tea Party meeting?

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