Wozu brauchen wir eigentlich DVDs in Bibliotheken?

Man hätte die Überschrift auch nennen können: „Einnahmesteigerung in Bibliotheken – eine Dokumentation von Merkwürdigkeiten im forumoeb“ oder „Warum und zu welchem Zweck arbeiten wir überhaupt in Bibliotheken?“.

Seit einigen Tagen gibt es in der Mailingliste forumoeb Nachfragen, wie man denn zur Steigerung der Einnahmen die Ausleihe von DVDs effektiv mit Kosten für die Nutzerinnen und Nutzer der Bibliothek verbinden könne.

Vorgeschlagen werden dann verschiedene Summen, die ganz gut funktionieren würden, denn in der Videothek wäre es ja viel teurer und man könne davon ja auch neue DVDs kaufen.

Das ist für mich schon ein kleines Absurditätenkabinett.

Hier wird nicht gefragt: „Wer hat eine Idee wie wir uns dagegen wehren können?“. Hier wird nicht mehr darüber nachgedacht, warum wir in einer Bibliothek denn überhaupt DVDs haben.

Unabhängig davon, dass sich der ganze Berufsstand täglich wehren müsste als Einnahmestelle für eine klamme Gemeinde betrachtet zu werden, lässt es tief in das Selbstverständnis einer Einrichtung blicken, wenn man damit argumentiert billiger zu sein als Videotheken. Ist das unsere Konkurrenz?

Man müsste sich zuerst fragen: „Was für eine Einrichtung sind wir?“„Welchen Auftrag stellen wir uns?“ und „Warum erwerben wir überhaupt DVDs?“.

1. Was für eine Einrichtung sind wir?

Zu dieser Frage könnte man ganze Handreichungen schreiben. Aber ich will es kurz machen. Im Idealfall sind Bibliotheken eine Mischung aus Bildungseinrichtung und Kultureinrichtung. Aktuell fehlt aber fast jede Begründung dafür warum Bibliotheken eine Bildungseinrichtung sein sollten:

  • Ist Leseförderung schon wenn wir ab und zu ein Bilderbuchkino machen?
  • Darf man eine Lesenacht schon als Leseförderung bezeichnen? Eigentlich nicht, denn beides bezeichnet allenfalls Teile eines Konzepts zur Leseförderung.
  • Wenn Vorlesen und Lesen mit Übernachtung schon ausreichen um eine Bildungseinrichtung zu definieren, ist dann nicht jeder Haushalt eine Bildungseinrichtung?
  • Was aber sonst legitimiert Bibliotheken sich so zu nennen? Die Bereitstellung von Lernhilfen oder Klassenführungen? Wohl kaum, auch diese sind nur Teile eines ganzen Konzeptes, dass es aber quasi nirgendwo gibt.
  • Sind Bibliotheken eine Bildungseinrichtung weil sie Informationen zugänglich machen? Eher nicht, denn das tut das Internet auch, ist es deshalb eine Bildungseinrichtung?

Es bleibt also recht mager, Bibliotheken in dieser Hinsicht zu legitimieren. Da steht viel Arbeit vor den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren dort endlich sinnvolle Argumente zu finden und sich zu professionalisieren.

2. Welchen Auftrag stellen wir uns?

Hier kommen wir der Frage, warum es denn DVDs in Bibliotheken braucht schon näher. Wer argumentiert, man sei ja billiger als Videotheken, der stellt sich offensichtlich den Auftrag eine Medienverleihstation zu etablieren.

Diesem Ansatz kann ich keinen Zentimeter folgen.

Ich definiere den Auftrag von Bibliotheken – das konnte man sicherlich schon mehr als ein Mal aus den Beiträgen herauslesen – als einen Bildungsauftrag und einen Kulturauftrag. Der Bildungsauftrag sollte so verstanden werden, dass Bibliotheken eingebettet sind in die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Bibliotheken müssen also einen Teil derjenigen Kompetenzen ausbilden bzw. helfen auszubilden, die Schulen mit ihren Möglichkeiten nicht erfüllen können z.B. die Fähigkeit zu effektivem und intelligentem Recherchieren oder kritisches Hinterfragen von Informationen etc.
Gleichzeitig sollten Bibliotheken Mittelpunkt außerschulischer Bildung sein, die Ansätze eine VHS im gleichen Haus zu haben sind da ja schon sehr zielführend. Als kultureller Ort sollte eine Bibliothek der zentrale Mittler zwischen der örtlichen Kultur und dem Ort der Bibliothek als Treffpunkt innerhalb der Stadt sein. Bibliotheken sollten lokale und überregionale Künstlerinnen und Künstler mit den Bürgerinnen und Bürgern zusammenbringen, Vereine und Gedenkstätten einladen, die Verbindung zwischen der Überlieferung älterer Generationen und dem Wissensdurst der jüngeren schaffen.

3. Warum erwerben wir überhaupt DVDs?

Aus den letzten beiden Punkten lässt sich nun sehr schön ableiten, warum Bibliotheken DVDs erwerben (aus meiner Sicht) und warum die Anmerkungen im forumoeb geradezu schädlich für das Selbstverständnis und die Wahrnehmung von Bibliotheken sind.

DVDs gehören in den Bestand von Bibliotheken, da sie sowohl ein Teil der Bildungsarbeit, der Leseförderung und der kulturellen Arbeit einer Bibliothek sind. Als Teil der Bildungsarbeit deshalb, weil DVDs (z.B. die Was ist Was Reihe) selbst ein Bildungsangebot enthalten können bzw. zur Unterstützung jener Arbeit herangezogen werden können. DVDs sind auch Teil der Leseförderung, weil man z.B. bibliotheksferne Gruppen mit einem lesefremden Angebot an die Institution Bibliothek gewöhnen und binden kann. Daraus kann dann Leseförderung entstehen, folgen bzw. etabliert werden. DVDs sind auch deshalb Teil der kulturellen Arbeit, weil Filme, Dokumentationen etc. Teil der gesellschaftlichen Diskussion sind und sein können.

Gerade deswegen ist es unsinnig eben jene Mediengruppe mit Gebühren zu belegen. Mit eben der selben Argumentation kann man jedes Buch mit einer Ausleihgebühr belegen.

Bibliotheken sind aber niemals billiger als Videotheken, weil sie nicht zu vergleichen sind.

Ich würde mir wünschen, unter den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren würde vielmehr eine Diskussion über Gebühren und des Selbstverständnis der eigenen Arbeit etabliert werden, als schnelle und wohlfeile Ansätze für Gebühren parat zu haben. Gerne würde ich nämlich darauf wetten, dass für eine Frage nach der Legitimation der Bibliothek in einer Gemeinde nicht so schnell Antworten bereit stehen, wie für die sinnvolle Einführung von Nutzungsgebühren. Denn dieser Ansatz ist deutlich schwieriger!

DonBib

PS Fast der gesamte Text bezog sich diesmal auf Öffentliche Bibliotheken, ich halte ihn aber für zum größten Teil ebenso übertragbar auf Wissenschaftliche Bibliotheken.

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