Das merkwürdige Schweigen und die Zukunft

In der aktuellen BuB (Ausgabe 10 / 2011) findet sich auf den Seiten 684 – 686 ein durchaus lesenswerter Artikel zum „Stufenprogramm zur Sprach- und Leseförderung in Rheinland-Pfalz / Acht Module mit zehn Bausteinen“, verfasst von Günter Pflaum (Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz). Abgesehen davon, dass bibliothekarische Räder offensichtlich nur dann etwas taugen wenn man sie selbst erfunden hat (mal gucken wann das nächste Bundesland ein modularisiertes Stufenprogramm zur Förderung der Lesekompetenz selbst entwickelt), sind die Ansätze und Ideen ja sehr interessant. Vor allem die Feststellung, dass Bibliotheken von allen Bildungseinrichtungen die größte Altersreichweite haben ist ein Ansatz, der die Legitimation bibliothekarischer Arbeit über Jahre zementieren kann.

Der Fehler am Ganzen ist und bleibt aber, dass der Ausblick auf die eigenen Kompetenzen fast nie gewagt wird. Die einzigen Worte des genannten Artikels, die sich auf die eigenen Kompetenzen beziehen sind folgende:

die Durchführung von Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen zu allen Themen der Sprach- und Leseförderung;
(Quelle: BuB 10/2011, S. 685)

Das ist dezent formuliert: ziemlich dünn. Mir kann bis heute niemand erklären, warum es ausreichen sollte zu fünf Fortbildungen zu gehen um ausreichend qualifiziert zu sein für ein „gesellschaftlich und bildungspolitisch hoch anerkanntes Arbeitsgebiet“, wie die Sprach- und Leseförderung. Um mal einen kleinen polemischen Ausritt zu wagen: nur weil eine Krankenschwester (oder ein Krankenbruder) fünf Fortbildungen zu innerer Medizin und Skalpellführung besucht hat, würde ich sie trotzdem nicht an meinen Innereien rumschnibbeln lassen. Dafür möchte ich schon jemanden, der qualifiziert ist. Warum glaubt der Berufsstand der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, dass pädagogische Arbeit so viel einfacher wäre? Warum bekomme ich zu hören, dass einige Kolleginnen und Kollegen „von selbst fast alles richtig machen“? Wenn der Chefarzt kommt und sagt: „Der Kollege hier hat von Natur aus eine ruhige Hand, der kann mit dem Skalpell schneiden wie kein zweiter, aber er ist kein Arzt.“, dann bin ich derart schnell raus aus dem Laden, dass Speedy Gonzales neidisch wäre.

Wäre es nicht längst Zeit zu diskutieren, dass wir mehr Experten in den Bibliotheken brauchen?

Modernes Arbeiten in Bibliotheken bedeutet oft nur: der Transfer bekannter Tätigkeiten ins digitale Zeitalter. Ein Ansatz den ich derart langweilig finde, dass mir lange Zeit gar nicht aufgefallen ist, dass dieser Ansatz tatsächlich nicht langweilig sondern gefährlich ist. Diese Denkweise folgt dem, was Detlev Hoffmeier im netbib Weblog schrieb:

Bibliotheken sind nämlich keine Agenda-Setter, sie sind Kulturfolger.
(Quelle: netbib Weblog)

Kulturfolgerei ist immer ein Stück Aufgabe des eigenen Denkens und Handelns. Wünscht sich die Gesellschaft mehr digitale Teilnahme in Bibliotheken – sie bekommt sie. Wünscht sich die Gesellschaft mehr Leseförderung – sie bekommt sie – auch wenn keiner weiß, was das eigentlich bedeutet (für den Berufsstand und für die Lesegeförderten).

Ich bin dafür, dass wir Trendsetter werden! Dann muss man aber das eigene Handeln hinterfragen. Dafür braucht es z.B. (bezogen auf den oben genannten Artikel) gelernte Pädagoginnen und Pädagogen in Bibliotheken.
Der Hinweis auf den Artikel „Bibliotheken eines untergegangenen Systems“ brachte mich wieder zurück auf den Gedanken, dass wir auch das aktuelle Tun und Handeln hinterfragen müssen. Befinden wir uns aktuell in „Bibliotheken eines untergehenden Systems“? Finanzkrise hin oder her, so schnell wird sich dieses Wirtschaftssystem nicht selbst erlegen. Interessant ist eher die Frage, ob wir aktuell eine im Abstieg befindliche Demokratie beobachten. Es gibt sowohl für ein „Ja“, wie für ein „Nein“ gute Argumente.

Warum kann man sich stundenlang damit beschäftigen bibliothekarische Auseinandersetzungen um das Urheberrecht oder Google+ zu lesen (die berechtigter Weise geführt werden), aber nicht Auseinandersetzungen um die Teilhabe von Bibliotheken an der Demokratisierung der Gesellschaft?

Mein Wunsch ist, dass Bibliotheken helfen die Gesellschaft zu demokratisieren.
Hierfür braucht es aber eine Demokratisierung der Bibliotheken selbst.
Ich bin Trendsetter, ich möchte Bibliotheken verändern!

DonBib

PS Unter anderem aufgrund der zuletzt genannten Ideen, werden ein Mitschreiberling dieses Blogs und ich uns jetzt ein wunderschönes volles Jahr studierend (selbstverständlich neben dem Beruf) mit der Frage der Demokratisierung von Bibliotheken beschäftigen.

1 Gedanke zu “Das merkwürdige Schweigen und die Zukunft

  1. Ausgezeichneter Artikel und hoch an der Zeit seiende Überlegungen.
    Und ein Hoch dem Studienjahr!
    Demokratisierung der Bibliotheken – und dann schauen wir mal weiter!
    Wobei für mich *Demokratisierung* im Zusammenhang mit Bibliotheken sowieso alles andere implementiert.
    Mit den besten Grüßen
    Wolfgang

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