Aufklärungsinstanz Bibliothek – Dagmar Giersberg im Gespräch mit Hermann Rösch

Auf der Homepage des Goethe Instituts findet sich in der Rubrik „Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion“ ein Interview, das Dagmar Giersberg mit Hermann Rösch führte. Thema war die Rolle der Bibliotheken bzw. der Bibliothekarinnen und Bibliothekare als aktive Teilnehmer im politischen System.

Das kurze Resümee: einige Merkwürdigkeiten in der  Argumentation, aber im Allgemeinen völlig richtig.
Eine Frage entsteht aber: wenn die Erkenntnis einer Notwendigkeit an Fähigkeiten und Kompetenzen die Bibliothekarinnen und Bibliothekare benötigen da ist, wieso spielt sie dann keine Rolle in den von Hermann Rösch begleiteten und betreuten bibliothekarischen Studiengängen?

Aber von vorne: einleitend  wird eine Funktion von Bibliotheken benannt, die ich so quasi noch gar nicht lesen durfte:

Als Garanten der Informationsfreiheit sorgen Bibliotheken für Transparenz und unterstützen damit den Kampf gegen Korruption.
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

und weiter

Bibliotheken sind prinzipiell Einrichtungen, die wesentlich zur informationellen Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger beitragen.
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

Er beschreibt hier den Ausgleich eines Wissensungleichgewichts zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Regierung, sicherlich ein Verweis auf Artikel 5 des Grundgesetzes. Seiner Meinung nach bedeutet dies, dass die Versorgung mit Informationen die Voraussetzung für Meinungsfreiheit und Demokratie ist. Das ist durchaus richtig, nur ergibt sich die Demokratiefähigkeit eines Menschen nicht nur aus der Informationsfreiheit. Letztere ist nur ein Teil eines großen Konvoluts an Fähigkeiten und Kompetenzen (deren Förderung ein zentraler Teil bibliothekarischer Arbeit sein sollte), die zur Ausübung aktiver demokratischer Teilhabe nötig sind.

Jetzt folgt der etwas merkwürdige Teil der Aussagen. Rösch benennt, wie schon öfter, diese merkwürdige „Qualitätsgarantie“ – woher auch immer sie kommen mag und was auch immer sie sein mag. Zudem bezeichnet er Bibliotheken als ökonomisch unabhängig, was sicherlich nur richtig ist wenn man eine Bibliothek als Einrichtung völlig aus seiner Umwelt herauslöst. Anders formuliert: es ist Käse! Selbstverständlich sind Bibliotheken ökonomisch abhängig, nämlich vom Staat bzw. dem Wohlwollen der Bürgerinnen und Bürger. Dem folgt eine „Verpflichtung zur Neutralität“, der sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare offensichtlich unterwerfen sollen.
Diese „Verpflichtung zur Neutralität“ ist, ohne klare Benennung und differenzierte Diskussion des Inhalts dieser Neutralität, nichts anderes als eine Nebelkerze, wenn auch eine politisch wohlklingende. Den Sinn dieser Aussagen kann ich nur schwer erkennen, sie mildern die richtigen Aussagen drumherum auch durchaus ab.

Die Bibliothekarin bzw. der Bibliothekar als einziges ökonomisch völlig unabhängiges und daher neutrales Wesen mit eingebauter Qualitätsgarantie – so formuliert enthält es einen gewissen Grad an Lächerlichkeit.

Weiter im Text: die Interviewerin stellt nun eine enorm bedeutende und sehr gut formulierte Frage:

Sind sich die Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Deutschland bewusst, dass sie für die demokratische Meinungsbildung eine wichtige Rolle spielen?
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

Hier hätte nun, bei ehrlicher Betrachtung, ein klares „Nein“ folgen müssen. Stattdessen folgt ein abfedernder Verweis auf die Geschichte des Bibliothekswesens und die bereits in Frühzeiten dieser Geschichte bestehenden demokratische Strukturen anstrebenden Lesegesellschaften. Auch die dann folgende kurze Auseinandersetzung mit dem IFLA-Manifest (zu Transparenz, verantwortungsbewußter Regierungsführung und Korruptionsfreiheit) ist nicht wirklich zielführend. Diese Manifeste sind doch zu oft eher etwas für die Lobbyarbeit nach außen, weniger nach innen. Ich bezweifle ganz stark, dass mehr als 1% der Bibliothekarinnen und Bibliothekare dieses Manifest jemals gelesen haben.

Zum Abschluss wird dann die Frage gestellt, was Bibliothekarinnen und Bibliothekare denn konkret tun können, um ihrer Aufklärungsrolle mehr Ausdruck zu verleihen? Die Antwort von Rösch ist dezent und passiv:

Die Auffassung von ihrem Beruf ist in der täglichen Praxis der Bibliothekare in Deutschland stark auf die Bereitstellung und Erschließung von Medien bezogen – und viel weniger auf eine aktive Rolle im politischen System.
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

Eher frei und nicht so dezent formuliert: es besteht fast kein Interesse an dieser politischen Auffassung vom Beruf. Oder noch härter: es mangelt an grundlegendem Wissen zum Erlangen dieser poltischen Auffassung.
Nun gut, an der letzten Formulierung habe ich jetzt minutenlang rumüberlegt, sie ist etwas hart, aber ich lasse sie mal als Stichelei drin.

Man kann nun fragen, warum denn grundlegende Inhalte einer „politischen Auffassung des Berufs“ gar nicht erst im Studium vermittelt werden. Auch nicht bei Hermann Rösch, zumindest konnte ich weder im Modulbuch „Bachelor-Studiengang Bibliothekswesen“  noch im Modulhandbuch zum „Master in Library and Information Science“ (beides Instituts für Informationswissenschaft der FH Köln) dazu etwas finden. Aber ich lasse mich gerne belehren.

Richtig bleibt, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare endlich auch eine Rolle im politischen System erkennen und einnehmen müssen. Bei der Schönrederei mit politischer Schlagwortwerferei sollte es nicht bleiben. Hierfür muss man aber für das Studium grundlegende Fragen stellen. Ein Beispiel ist die Frage, ob auch (wie auch im Bildungssystem im Allgemeinen) in den bibliothekarischen Studiengängen (nicht nur in Köln) viel zu viel Augenmerk auf das stumpfe auswendig lernen von Fachwissen gelegt wird. Meine Erfahrung sagt ja. Auch wenn es aktuell erst ein Seminar war (also ca. 16 Stunden von Freitag bis Sonntag), dass ich im Masterstudiengang der FU Berlin besuchen durfte, muss ich feststellen, dass die Konzentration auf die Auseinandersetzung mit Teilen eines Themas sehr viel zielführender ist, als die – grob formuliert – aneinandergereihten und zum klausurbereiten Auskotzen gelernten riesigen Mengen an „Fachwissen“.

Wenn also die Aufgaben der Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich ändern sollen, so wie es Hermann Rösch zum Teil sehr richtig beschreibt, muss sich auch der Weg dorthin – das Studium – ändern. Diesen Teil lässt Rösch aus.
Daher wirken seine Aussagen auch reichlich wohlfeil auf mich.

DonBib

8 Gedanken zu “Aufklärungsinstanz Bibliothek – Dagmar Giersberg im Gespräch mit Hermann Rösch

  1. Eigentlich ein schönes Interview, nur wenn man über die Aussagen nachdenkt, muss man zum gleichen Schluss wie du kommen.
    Wenn ich nur an mein Studium in Potsdam zurückdenke, wird mir ganz anders. Da wurde fortgesetzt, was in der Schule angefangen wurde: Vermittlung von Faktenwissen, und das auf teilweise miesem Niveau, das in unnötig vielen Prüfungen abgefragt wird.
    Stattdessen sollte man den Studis (und auch den Schülern) Kompetenzen für das Leben in der heuten Welt mitgeben (u.a. Selbstvertrauen, Soziale Kompetenzen, Kommunikationsfähigkeiten etc.).

  2. Ich will ein „ökonomisch völlig unabhängiges und daher neutrales Wesen mit eingebauter Qualitätsgarantie“ sein! YAAAAAHOOHOOO *Daumenhoch*

    Komm‘ DonBib, legen wir den auskotzenden Sechst-Semestern mal eine „Junge Freiheit“ und eine „Junge Welt“ auf den Tisch. Mal sehen, was sie damit machen …

    Werden sie es:
    … essen?
    … zerficken?
    … gar nicht erkennen?
    … bei der nächsten Gelegenheit den Nutzern vorsetzen?

    Die Antworten in Analogie zu diesem gar lustigen Video: http://www.youtube.com/watch?v=Iq89Ehts7Cc

      • Was? Hier kannte jemand nicht den Schlüpferknoten. Ich bin etwas enttäuscht. Aber sicher, wenn es nach gewissen Beschaffungskriterien ginge, müsste Naddel ’ne Bib.-Sig. auf der Brust kleben haben, oder zumindest einen RFID-Chip.

  3. Mein Senf, um mal das ‚Niveau‘ wieder etwas zu heben bzw. auf die Textkritik zurückzukommen:

    Die Aussage am Anfang, die „DonBib“ bisher so noch nicht gelesen hatte, zielt doch auch (oder: nur!?) darauf ab, dass ÖBen schon rein rechtlich gesehen (GG) nicht der (Geld-)Hahn abgedreht werden darf.

    Wäre mal nen spannender Gerichtsprozess, wenn sich eine OB-Leitung auf sowas einlassen würde und nach Karlsruhe geht, oder!?

    • Falsch. Dem wäre so wenn ein Bibliotheksgesetz bzw. das Grundgesetz das Betreiben von Bibliotheken vorschreiben bzw. zur Zwangsaufgabe machen würde. Dieser Fall liegt nicht vor.
      Auch die bereits existierenden Bibliotheksgesetze, innerhalb Deutschlands, definieren die Existenz von Bibliotheken stets als freiwillige Aufgabe, soweit ich das richtig sehe.

      Wenn der Betrieb von Bibliotheken erstens zur Zwangsaufgabe gemacht, zweitens diese als nicht neutrale Einrichtung im Sinne der Stärkung von demokratischen Prozessen verstanden werden würden – dann wäre ein Meilenstein erreicht der diesen Namen verdient hätte.

  4. Bei dem Versuch das angeführte Interview im Original zu lesen führt der Link nicht mehr zum Ziel.
    Die Website des Goethe-Instituts wurde vollkommen umgebaut.
    Wo vorher der Bereich ‚Bibliothek‘ in die Unterkategorien Fachdiskussion, Bestandserhaltung, Urheberrecht, Bibliotheken im Porträt, Digitale Bibliotheken, Modellprojekte, Hintergrund und Links
    aufgegliedert war, existiert jetzt nur noch die Kategorie ‚Bibliothek‘. Der Link welcher noch mit der alten Kategorieneinteilung verknüpft war, kann somit daher nicht mehr aufgelöst werden.

    Die Mühe eine neue Verlinkung zu diesem wichtigen Interview einzurichten erschien wohl als nicht gerechtfertigt.

    Für Interessierte ist hier die Lösung der Weg über Wayback:
    http://web.archive.org/web/20111116225341/http://www.goethe.de/wis/bib/fdk/de8333428.htm

    Dort kann das komplette Interview gelesen werden.

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