braun, braun, braun ist alles, was ich hab‘

Vor knapp einer Woche verfasste Edlef Stabenau einen kurzen Hinweis beim netbib Weblog, der mal wieder auf das Bibliothekssterben aufmerksam machte, insbesondere auf einen Artikel aus Mecklenburg-Vorpommern. Ungefähr einen Monat früher hatte ich bei der ZEIT einen Artikel gelesen („Bullerbü in braun“), der mir nun wieder bewusst wurde. Wenn man sich dann „nebenbei“ noch in einem Masterstudiengang befindet, der Demokratiepädagogik bespricht, dann ist es wohl der Lauf der Dinge, dass die Gedanken beginnen zu rotieren. Merkwürdig war aber nur, dass sich bei mir eigentlich nur eine Frage wiederholt in den Vordergrund schob:

Wo bleibt eigentlich der beständige Aufschrei des Berufsstandes und seiner Unterstützer?

Mir fehlt in aktuellen Debatten um Bibliotheken gänzlich der Versuch bibliothekarische Arbeit einfach mit dem Streben nach Demokratie und Demokratisierung der Gesellschaft zu begründen. Genannt wird hingegen ein „Bildungsauftrag“, geworben mit der „am stärksten genutzten Kultur- und Bildungseinrichtung“ und geprahlt mit Bibliotheken als Bildungspartner für das lebenslange Lernen. Ich bin mir nicht sicher, ob man den Bürgerinnen und Bürgern erklären muss, dass Bibliotheken da sind. Vielleicht muss man tatsächlich mehr für die Angebote werben und so eine Kampagne, wie z.B. „Treffpunkt Bibliothek“, bietet da tolle Möglichkeiten, aber letztlich wird dabei nicht erklärt, wozu man Bibliotheken braucht.

Unabhängig davon, dass der Satz: „Bibliotheken sind die am stärksten genutzten Kultur- und Bildungseinrichtungen“ als Begründung für die eigene Existenz etwas merkwürdig anmutet – ich würde gerne dagegen halten und behaupten: das Internet ist die am stärksten genutzten Kultur- und Bildungseinrichtung – braucht es eben für jene Aussage auch keine Demokratie. Auch der „Bildungsauftrag“ wird einfach in die publizistische Manege geworfen, in der Hoffnung irgendwer würde schon wissen was man meine.

Ich würde dieses ganze Prinzip gerne umdrehen: Demokratie und Demokratisierung der Gesellschaft stehen allem genannten voran und ergeben nur im Zusammenhang damit einen Sinn. Informationskompetenz schafft keine Demokratinnen und Demokraten, ebenso wenig wie Leseförderung und Weiterbildung. Für sich allein gestellt können diese Dinge auch so funktionieren. Dementsprechend langweilt mich die Diskussion um die Frage: sind Bibliotheken eigentlich Bildungseinrichtungen und wenn ja, wie verändert dies die Struktur des Bibliothekswesens, die Finanzierung eingeschlossen? Ist diese Kategorisierung überhaupt noch sinnvoll? Sollte man damit werben?

Hier passt dann der Verweis auf den oben genannten Artikel aus der ZEIT. Eben dort wird ein Raum beschrieben – Mecklenburg-Vorpommern – der sich schleichend entdemokratisiert. Die ZEIT zitiert einen Absatz aus einem Artikel der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“:

„Wir dürfen nicht weiterhin die Bereiche Bildung und Erziehung den Etablierten überlassen. Unser Ziel muss es sein, einer charakterfesten, gesunden und allgemeingebildeten deutschen Jugend Raum zur Entfaltung ihrer Potenziale zum Wohle des gesamten Volkes zu geben.“
(Quelle: zeit online vom 18.11.2011)

Dieser Satz demonstriert, dass man sich mit dem Verständnis als Bildungspartner ohne Verweis auf die Demokratie und Demokratisierungsversuche auch in Gefahr begibt – wenn man denn als Einrichtung überhaupt noch existiert. Bibliotheken brauchen eine ganz eigene Agenda, die es dann prominent zu bewerben gilt. Es kann nicht nur die Leseförderung sein, nur weil sie gerade ein politisch beliebtes Schlagwort ist. Bibliotheken müssen eben deshalb im kleinsten ländlichen Raum existieren, um Räume für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schaffen, anzubieten bzw. auszufüllen. Diese Räume werden sonst anderweitig genutzt, bei entsprechender Struktur auch sehr effektiv.

Ich hätte also gerne ein Aufschrei aus dem Berufsstand. Nicht (nur) weil es möglicherweise weniger Jobs gibt, weil es weniger Leseförderung gibt oder weniger andere Leistungen der Bibliotheken, sondern weil es ein Angriff auf die Demokratie ist – wenn wir denn Bibliotheken in einen demokratischen Zusammenhang stellen. Eben deshalb müssen Bibliotheken auch als demokratischer Ort erfahrbar werden, sie sind es aktuell nicht. Auch deswegen ist z.B. es auch für die Kolleginnen und Kollegen aus Bayern oder aus dem Saarland oder auch aus Hamburg bedeutend, was in Mecklenburg-Vorpommern passiert.

Ich langweile mich bei vielen Leitbildern von Bibliotheken. Aktuell ist die Existenz einer Bibliothek davon abhängig (zumindest Öffentlicher Bibliotheken), wie hoch die Priorität für diese bei den Volksvertreterinnen und -vertretern ausgeprägt ist. Diese Volksvertreterinnen und -vertreter werden gewählt. In meinem Verständnis ist eine Bibliotheksleiterin oder ein Bibliotheksleiter daher prinzipiell verpflichtet, das Leitbild der Bibliothek zur Abstimmung zu stellen, was impliziert, dass es ein Leitbild geben muss. Ein großer Vorteil wäre hierbei, dass sich die bibliothekarische Arbeit nicht nur indirekt über die gewählten Volksvertreterinnen und -vertreter legitimiert, sondern das Miteinander in der Bibliothek von allen beteiligten Gruppen gemeinsam erarbeitet und vereinbart wurde.

So könnte ein erster Ansatz für Demokratisierung in und durch Bibliotheken aussehen. Es ist für mich ein großes Thema mit noch zu vielen unstrukturierten Gedanken, was sich sicherlich auch noch im verfassten Text wiederspiegelt. Ich möchte aber sehr gerne dazu auffordern, sich diesen Gedanken zu stellen.

Mein Auftrag ist nicht „sammeln, erschließen, vermitteln“ sondern „Demokratie erfahrbar machen“.

DonBib

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