Auf der Strecke bleibt der Auftrag, den Kühlschrank mit den Grundnahrungsmitteln zu füllen

Bei der Wahl der Badewannenlektüre fiel meine Auswahl gestern auf mein heiß geliebtes Abo von „der Freitag“.
Wie immer habe ich die Lesestunde mit der Abteilung Zeitgeschichte begonnen. Dort fand sich in der aktuellen Ausgabe ein Artikel mit dem Titel: „1982 – Immer der Nase nach“, verfasst von Conrad Menzel (der Artikel ist auch online verfügbar –> HIER). In diesem Artikel setzt sich Conrad Menzel anhand eines Films mit der Entwicklung der Öffentlich-Rechtlichen Sender auseinander.

Piratensender Powerplay ist auch nach 30 Jahren ein kaum erträglicher Film. Das liegt an stumpfen Zoten und daran, dass er Fehlentwicklungen des Rundfunks vorwegnimmt
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Dann ein nicht außergewöhnlicher, aber doch ganz guter Text, der im Weiteren folgendes hervorbringt:

Das Vierte Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1986 zimmert schließlich den gesetzlichen Rahmen für die duale Rundfunkordnung. Danach soll die Grundversorgung künftig Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen sein, da sie durch die Rundfunkgebühren nicht wie die Privaten auf Einschaltquoten angewiesen sind und über die größte Reichweite verfügen. Hinsichtlich der Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist Piratensender Powerplay ein Blick in die Glaskugel. Denn als Müller-Hammeldorf vom Bayerischen Rundfunk vor die Wahl gestellt wird, ob er eigenes Programm verbessern oder den privaten Piraten hinterher hecheln soll, tut er Letzteres.
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Nach diesem Absatz habe ich dann doch ein bißchen überlegt. Was die Einschaltquote für die Fernseh- und Radiomacherinnen und -macher ist, ist für den gemeinen Duttträger bzw. die gemeine Duttträgerin die Zählung der täglichen Besucherinnen und Besucher bzw. die Ausleihzahlen. Betrachtet man dies so, ergibt sich eine interessante Parallele. In gewisser Weise sind wir in unserem Berufsstand, samt der dazugehörigen Einrichtungen, durch die öffentliche Finanzierung entbunden uns nach der Einschaltquote zu richten. Nun kann man aber die selbe Fehlentwicklung, wie die im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, auch in Bibliotheken beobachten. Bibliotheken stellen eine Art Grundversorgung dar, auch wenn der Gesetzgeber es offensichtlich nicht so deutlich definiert, streben aber zu oft als Rechtfertigung hohe Einschaltquoten an.

Die inhaltliche Annäherung des öffentlich-rechtlichen an das private Programm – die gerichtete Konvergenz – setzte sich nach 2000 mit Casting- und Koch-Shows, Telenovelas oder Dokutainment über Auswanderer und Rückkehrer fort. Der Abklatsch erfolgreicher privater Formate mutiert zum unkontrollierbaren Reflex der Öffentlich-Rechtlichen. Auf der Strecke bleibt der Auftrag, den Kühlschrank mit den Grundnahrungsmitteln zu füllen: Information, Kultur, Bildung. Stattdessen gibt es Brei, an dem die Öffentlich-Rechtlichen kräftig mitrühren. Die richterliche Annahme, dass aus der Einfalt vieler Vielfalt entsteht, hat sich nicht bestätigt. Fordert man Anspruch und Innovation, verweisen die Öffentlich-Rechtlichen auf Sender wie 3Sat, Arte, ZDFneo oder den Deutschlandfunk. Dort findet man durchaus Qualität, doch hätte deren Programmauftrag einen festen Platz in der ersten Reihe verdient.
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Wenn ich nun ein paar Begriffe ersetze ergibt sich folgendes: Buchhandlungen (private Sender) <–> Bibliotheken (Öffentlich-Rechtliche Sender). Ein letztes Zitat aus dem Artikel:

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der den unverzichtbaren, dienenden Auftrag hat, die Grundversorgung im Sinne der Rundfunkfreiheit zu gewährleisten, darf Quote nicht die einzige Währung sein.
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Die dutttragende Variante der Einschaltquote ist also keineswegs auszuschließen, nur sollte sie nicht den aktuellen Stellenwert besitzen. Zudem ist und bleibt das Thema Bestsellerliste zu diskutieren.

Nach Bestsellerlistenvorgaben erwerbende Bibliotheken sind das Äquivalent zum unkontrollierbaren Reflex der Öffentlich-Rechtlichen Sender erfolgreiche private Formate zu kopieren.

DonBib

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