Laien unter sich

In der aktuellen Ausgabe der BuB findet sich auf Seite 17 ein Tagungsbericht vom 7. Bibliotheksleitertag in Frankfurt am Main. Der Titel des Tagungsberichts lautet: „Facebook sorgt für scharfe Diskussionen“ und genau auf diesen Punkt möchte ich kurz näher eingehen.

Jürgen Neffe, promovierter Bio-Chemiker und Wissenschaftsjournalist (u.a. Träger des Egon-Erwin-Kisch-Preises), stellte in einer kurzen Reaktion auf einen Vortrag über die Web 2.0-Anwendungen in Bibliotheken fest:

Ich kann nicht glauben, dass Öffentliche Bibliotheken hier die Werbebotschaften amerikanischer Konzerne eins zu eins übernehmen und wiedergeben. Sie raten völlig kritiklos zur Nutzung der Angebote von Datenkraken und niemand weiß, was mit den gesammelten Informationen passiert. Das halte ich für sehr bedenklich.
(Quelle: BuB 2012|01 – Seite 17)

In diesen zwei Sätzen fasst Neff kurz die Dilemmata der bibliothekarischen Diskussion zusammen. Vorausgegangen waren werbende Allgemeinplätze wie:

Wir müssen die Nutzer dort abholen, wo sie sind.
Wenn Bibliotheken hier [gemeint waren Twitter, Google Maps, QYPE, Foursquare etc., Anm. des Autors] nicht mitmachen, dann findet die Entwicklung ohne uns statt.
(Quelle: BuB 2012|01 – Seite 17)

Dieser Diskussion geht meiner Ansicht nach ein fundamentales Missverständnis voraus. Wo haben wir denn bisher an dieser Entwicklung partizipiert und wo sind denn bibliothekarische Fortentwicklungen? Wer auf einen fahrenden Zug aufspringt kann wohl kaum sagen, er wäre an der Entwicklung beteiligt gewesen. Die Erklärung man müsse an der Entwicklung teilnehmen ist prinzipiell ja absolut richtig, nur kann die Konsequenz daraus nicht sein: wir machen alles unkritisch mit. Bibliothekarische Partizipation würde bedeuten, dass man erklärt wie der Zug fährt und vor allem wohin er möglicherweise fährt. Weitergehend kann bibliothekarische Partizipation auch bedeutend selbst zu überlegen und auszuprobieren. Irgendwann muss aber auch mal verstanden werden, dass es einen Unterschied zwischen teilnehmen und teilhaben gibt!

Der Einwurf von Neffe ist völlig richtig. Bibliotheken sollten über Chancen und Risiken aufklären. Bisher ist aber nur zu konstatieren, was ich am Wochenende in meinem fortbildenden Master bei Lehrerinnen und Lehrern beobachten konnte: wir sind alle Laien. Ich habe mich im Nachgang meines Seminars gefragt, ob es auf Dauer wirklich sinnvoll ist mit hochtrabenden Begriffen wie „Informationskompetenz“ etc. um sich zu werfen. Der Satz „Wenn Bibliotheken hier, nicht mitmachen, dann findet die Entwicklung ohne uns statt.“ ist ja in anderer Hinsicht völlig richtig: wenn wir es verpassen als Bildungseinrichtung (die wir bisher nicht sind?) gesellschaftliche Prozesse zu begleiten und zu hinterfragen, dann findet die Gesellschaft auch Wege ohne uns zu leben.

Was wir also tatsächlich tun können, und auch bereits tun, ist z.B. Recherchekompetenz zu erhöhen und Nutzungsnachhilfe für manche Fertigkeiten zur Bedienung von PCs geben. Den Begriff Informationskompetenz halte ich für ein, in bibliothekarischem Sinne, politisches Werbewort ohne Inhalt.

Dementsprechend müssten sich aus meiner Sicht Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit ihrem Fachwissen z.B. dafür einsetzen, dass es zukünftig ein Schulfach gibt, das die zu erlernende Fähigkeit beinhaltet die technischen wie wirtschaftlichen Prozesse der Verarbeitung der eigenen personenbezogenen Daten zu verstehen und zu kontrollieren.
Ob es dann weiterhin „Informatik“ heißt oder „Programmieren“ oder ob es Teil des Sozialkundeunterrichts werden muss spielt dabei keine Rolle, festzuhalten bleibt:  unser Berufsstand müsste sich mit dem Wissen im Umgang mit Nutzerinnen und Nutzern dafür einsetzen, dass dies ein normales Schulfach wird.

Denn deutlich ist eines: wer die Prozesse der Verarbeitung personenbezogener Daten nicht versteht und soziale Netzwerke nur nach der Oberfläche und den Kommunikationsmöglichkeiten beurteilt (meiner Ansicht nach zu oft die bibliothekarische Sichtweise), der kann jetzt schon und erst recht in der Zukunft keine mündige Bürgerin und kein mündiger Bürger mehr sein oder werden.

Insofern sollte der kräftige Applaus für die im Tagungsbericht beschriebene über Web 2.0-Anwendungen vortragende Bibliothekarin ein Menetekel für den zukünftigen Umgang mit diesem Thema sein.

Für Jürgen Neffe bleibt ein großer Dank, es so kurz und griffig auf den Punkt gebracht zu haben.

DonBib

2 Gedanken zu “Laien unter sich

  1. Ich denke auch, dass Bibliotheken meistens eher versuchen, irgendwie mitzumachen. Von einem gestalterischem Einfluss oder gar andere darin weiterbilden zu können, sind wir ziemlich weit entfernt.

    Und das liegt meiner Meinung nach daran, dass viele Leute, die heute in Bibliotheken arbeiten, solche Möglichkeiten selbst kaum nutzen. Um beim Beispiel Facebook zu bleiben: Es gibt eine recht große Gruppe, die es einfach für Teufelszeug hält oder zumindest als kompliziert bzw. gefährlich einschätzt. Ich vermute ein erheblicher Anteil sitzt an Positionen mit Entscheidungsbefugnissen. Manche nutzen Facebook zumindest, um nicht alles von Kindern und Enkelkindern zu verpassen, die hauptsächlich darüber kommunizieren. Sie machen aber nur das Allernötigste damit.

    Nur sehr, sehr wenige verwenden Facebook auch, um an berufliche Informationen zu kommen (wüssten also überhaupt wie so etwas geht) und kennen sich mit rechtlichen Hintergründen aus. Und wie viele davon haben in ihrer Bibliothek eine Stimme?! Wie viele davon werden von der Leitung bei Weiterbildungsinitiativen in Richtung Web 2.0 und soziale Netzwerke unterstützt?!

    Die beschriebene Diskussion spiegelt doch eher das Problem wider, dass soziale Netzwerke und alles was man in dieser Richtung tun könnte, von Bibliotheksleitern nicht ernst genommen werden. Wenn es einigermaßen gut läuft, haben sie wenigstens nicht generell etwas dagegen und lassen Mitarbeiter machen, die die Bedeutung erkannt haben. An dieser Stelle zitiere ich gern mal wieder aus dem Blogbeitrag von Christoph Deeg, der das Problem gut beschrieben hat: „Digital Natives sollen das „digitale Problem“ lösen – aber nicht mitreden. […] Sie sollen diesen Bereich abdecken, bekommen aber sehr oft nicht den dazugehörigen Support und ihre Arbeit wird auch immer wieder nicht als gleichberechtigter Geschäftsbereich angesehen.“ Daran müsste sich zuerst etwas ändern, bevor wir überhaupt den 2. Schritt gehen können, nämlich wirklich mitgestalten. (Quelle:
    http://crocksberlin.wordpress.com/2011/10/11/warum-ich-froh-dass-ich-kein-digital-native-bin/)

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