Wie man Öffentliche Bibliotheken gezielt zerreden kann

Nach der Durchsicht des stenografischen Protokolls der Anhörung durch den Ausschuss für Wissenschaft und Hochschule, Kultur und Medien am 05.12.2011 von 10:02 Uhr bis 12:33 Uhr zum Gesetzentwurf der Grünen-Fraktion „Zur Förderung der Bibliotheken als Bildungs- und Kultureinrichtungen im Freistaat Sachsen“ im Plenarsaal des Sächsischen Landtages, war ich einigermaßen fassungslos.

Fassungslos ob verschiedener Aussagen des Stellvertreters des Generaldirektors der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Dr. Achim Bonte:

„Wir machen Ausstellungen, Vorträge und Wettbewerbe. Wir sind kostenlos. Wir haben überlegenes Know-how. Wir haben einen großen Bestand an Titeln. Wir haben eine einzigartige Atmosphäre und eine sehr moderne Architektur. Das alles rechtfertigt oder legitimiert uns auch in den nächsten Jahren.“

„Dieses Netz [an Bibliotheken, Anm. des Autors], wie wir es heute kennen und das wir mit seinen Dienstleistungen erhalten wollen, ist so nicht überlebensfähig. Es ist so nicht zu finanzieren und nach meiner Überzeugung nicht zu machen.“

„Der ortsnahe Zugang zu Wissen und Kultur muss nicht zwingend physischgewährleistet sein, sondern – Stichwort Internet – er kann auch über neue Kommunikationsformen gewährleistet werden.“

„Wir brauchen in der Fläche etwa zehn bis zwölf hochleistungsfähige Schwerpunktbibliotheken […]“

„Ehrenamt ist ein sehr wichtiges Thema. Ohne bürgerschaftliches Engagement würde es überhaupt nicht gehen.“

„Die Sonntagsöffnung sollte meines Erachtens kein Tabu sein, zumal dann nicht, wenn man in diesem Land Bibliotheken und Autowaschanlagen sonntags öffnet.“

„Wenn zum Beispiel darin steht „Erreichbarkeit einer Bibliothek für jedermann in 2 Kilometern Entfernung“, dann muss das nicht die physische Erreichbarkeit sein, und das wird damit wahrscheinlich auch nicht gemeint sein.“

Was man hier beobachten kann ist eine Verwechslung von Politik und Gedanken über die Zukunft von Bibliotheken.
Die Aussagen von Dr. Bonte sind reine Politik, sie folgen einer Logik die lautet:

  • hinterfrage nicht die Prioritätensetzung der Politik
  • begib dich nicht in gesellschaftliche Diskussionen
  • die Welt wie sie dich umgibt ist nicht zu verändern, nimm es hin

Dr. Bonte mag dieser Logik folgen, ich nicht. Wenn man feststellt, dass die digitalen Medien die Bedeutung von Bibliotheken in einen nicht physischen Raum verschiebt, dann hatte man aus meiner Sicht, was die Einordnung der Bibliothek angeht, bereits vorher einen sehr kleinen Horizont.

Diese beständige Verwechslung von Politik und der Definition bibliothekarischer Arbeit empfinde ich mittlerweile als ziemlich lästig. Dr. Bonte liefert keine Ideen und Begründungen für lokale bibliothekarische Arbeit. Er negiert gar den Nutzen lokaler Bibliotheken, die nicht mit „zwei hochklassigen Informationsexperten“ ausgestattet sind. Eben diese Eingrenzung des Berufsstandes auf Informationsexperten ist aus meinem Verständnis ein Teil des Problems.
Ich sehe die Zukunft der Bibliotheken eher in einem ganzheitlichen Rahmen als soziale, kulturelle und informationsbereitstellende Institution.

Es bringt nichts darüber zu lamentieren, dass die aktuellen politischen Rahmenbedingungen dies nicht zulassen. Wer nicht in der Lage ist Bibliothek neu zu definieren, außerhalb des digitalen Raums, der wird auch nicht mehr bekommen. Demokratie bedeutet nicht das Unterordnen unter die Gegebenheiten, sondern die Möglichkeit zur Veränderung.

Ein ähnliches Problem habe ich mit den Aussagen zum Thema Ehrenamt. Es kann nicht sein, dass das Ehrenamt missbraucht wird, um politische Fehlsteuerung aufzufangen. So ist gesellschaftliches Engagement nicht gedacht.
Zudem gehört an die Stelle von polemischen Peinlichkeiten zur Sonntagsöffnung – der Vergleich Bibliothek und Autowaschanlage ist recht arm – auch hier eine gesellschaftliche Diskussion, nämlich die über den Sinn von gemeinschaftlichen freien Tagen. Als letzte Replik: Fahrbibliotheken sind ein gutes Mittel zur Versorgung kleinster Orte, ich halte sie allerdings nur für einen Notnagel an jenen Orten denen schlicht das Geld für eine lokale Bibliothek verweigert wird.

Insgesamt empfinde ich es als durchaus dramatisch, wenn das ein für Bibliotheken werbender Vortrag in einem Ausschuss des Sächsischen Landtages gewesen sein soll. Die allermeisten Aussagen spiegeln eine sich vor gesellschaftlicher Verantwortung wegduckende politische Meinung wieder. Ich halte sie inhaltlich für rückständig. Die Betonung technologischer Weiterentwicklungen macht bibliotheksspezifische Aussagen nicht modern, erst die gesellschaftliche Einordnung ermöglich dies.

Ein letzter Punkt: ich bin immer wieder enttäuscht über die geringe Fähigkeit mancher Entscheidungsträgerinnen und –träger, Bibliotheken in gesamtgesellschaftliche Kontexte zu stellen bzw. enttäuscht darüber, dass der Blick auf die kommunale Ebene quasi gestorben ist. Gute Bibliothekspolitik ist offensichtlich nur für die nationale bzw. maximal für die Landesebene möglich bzw. überhaupt existent.

DonBib

PS Ein Dank für den Hinweis geht an LeoT

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