Bibliothekarische Neutralität im Alltag

Mehrfach gab es hier bereits Diskussionbeiträge zum Sinn und der Richtigkeit der immer wieder angeführten Neutralität des bibliothekarischen Berufsstandes. Einen sehr lesenswerten Beitrag hierzu verfasste nun „VeselinPoebel“ am 03.02.2012 auf dem (sehr tollen!) Blog: „Lauter Bautz’ner„.
Nach Absprache darf ich diesen Artikel hier nun  vollständig der Zweitverwertung zuführen:

Schock: Bibliothekarin gegen Nazis

Das sieht man gar nicht mal so oft meine lieben Freundinnen und Freunde. Eine Bibliothekarin (!) positioniert sich öffentlich (!!) gegen einen Aufmarsch von Neonazis. Aus dem sonst so unpolitisch daherkommende Berufsstand – sieht man mal von gescheiterten Gehaltsverhandlungen und der Bibliotheksgesetzgebung ab – schickt sich eine einsame Kämpferin an, mit ganz vielen anderen Ungehorsamen gegen Anti-Demokraten aufzubegehren. Auf der Straße. So ganz analog. Weit weg von  Onlinekatalogen. Eigentlich schon ein starkes Stück, gelten doch Bibliothekare als die NULL zwischen den Waagschalen, als die 7 auf der ph-Wert-Skala, oder auch als die drei Affen auf dem Brett – sprich, die Mitte. Bundesfamilienministerin und Extremismusexpertin Kristina Schröder hätte keine Probleme mit Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Diese machen nämlich nicht mehr als Bücher kaufen und verleihen, aber eben unverdächtig ausgewogen. Wenn viel linke Literatur, dann auch viel rechte Literatur. Ach, ihr versteht mich schon. Zurück zur völlig unausgewogenen Bibliothekarin. Im Konkreten geht es um die Blockierung des „Trauermarschs“ in knapp zwei Wochen in Dresden. In einem Mobilisierungsvideo des Bündnisses „DRESDEN NAZIFREI“ sagt die Bibliothekarin i.R., „Leute aus meinem Jahrgang wirken vielleicht auch etwas deeskalierend auf die Polizei.“ Das heißt nichts anderes, als dass sich die rüstige Dame am 13. und/oder am 18. Februar den aufziehenden Rechtsextremisten entgegenstellen wird. Vielleicht könnte sie dann neben schwerbepackten Polizeibeamten, auch auf Hans-Christian Ströbele, Petra Pau oder Monika Lazar treffen; zahlreiche Bundestagsabgeordnete riefen unlängst ebenso per Videobotschaft zu Demonstrationen gegen die Neonazis in der Landeshauptstadt auf. Das Bündnis gegen den Aufzug der Rechten sowie gegen eine Veropferisierung Dresdens wird immer breiter und bunter. Zulauf erhält der Zusammenschluss auch wegen der völlig unverhältnismäßigen Strafverfolgungsmaßnahmen der Polizei sowie der Dresdener Staatsanwaltschaft gegen Blockadeteilnehmer und Landtagsabgeordneten der Partei DIE LINKE nach den vorangegangenen Demonstrationen. Ob die Blockaden auch dieses Jahr erfolgreich den Zug der Nazis stoppen können, hängt vielleicht auch von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ab, die ihr, vor demokratischer Lyrik strotzendes Berufsbild nicht nur wie ein eingerahmtes Heiligenbildnis vor sich hertragen, sondern auch in Form des aktiven Handelns auf die Straße bringen sollten. Gut, okay. Es muss ja nicht gleich eine Anti-Nazi-Demo sein. Sehe ich ja ein. Aber man könnte beispielsweise im Kleinen damit anfangen. Zum Beispiel seltsame Bestseller nicht willfährig in die Bibliotheksregale zu stellen. „Deutschland schafft sich ab“ wäre da so ein Beispiel. Das hat ganz und gar nichts mit Zensur zu tun, wenn man mal einen populären Rassisten rechts liegen lässt. Das hat einfach was mit nachdenken zu tun. Und vielleicht mit lesen. Aber das darf man von einer Bibliothekarin erwarten. Denn eigentlich, um wieder auf das Berufsbild eines Bücherverleihers zurück zu kommen, sollten Bibliotheken und deren Mitarbeiter „einen Grundpfeiler einer freiheitlichen, integrativen, aufgeklärten Gesellschaft“ (hier, S.8) darstellen. Ohne Mut zur Courage, bröckelt der aber schneller, als manch einer glauben mag.

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UPDATE: Laut Sächsischer Zeitung werden keine Demos am 18.02. von Nazis erwartete. „Als einzige Versammlung der rechtsextremen Szene sei ein Aufmarsch am 13. Februar geplant, dem Jahrestag der Zerstörung Dresdens.“
DonBib

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