User Driven Innovation – so nah dran und doch so weit vorbei

Jürgen Plieninger verwies gestern auf:

Kloiber, Miriam: Umstellung der Belletristikabteilung einer kleineren öffentlichen Bibliothek : Von alphabetischer Aufstellung zu einer Aufstellung nach mit den Lesern in Workshops erarbeiteten Interessenkreisen. – Berlin : Humboldt-Univ., 2012. (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 322)

Heute kam der glückliche Umstand meines überaus langen Arbeitsweges hinzu, weswegen ich diese Masterarbeit – voller Vorfreude – durchlesen konnte. Am Ende stand für mich dann die Frage, wie eine so schöne Idee so weit am naheliegenden vorbeischießen kann.

Miriam Kloiber beschreibt in ihrer lesenswerten Masterarbeit den Versuch, Interessenkreise einer kleineren Öffentlichen Bibliothek in Workshops erarbeiten zu lassen:

„Die Arbeit zeigt, wie sich eine Befragung der Nutzer über die Methode der Gruppendiskussion auf die Erarbeitung eines Sets an Interessenkreisen für die Belletristik niederschlägt und erläutert die konkrete Umsetzung des Vorhabens.“
(Quelle: http://edoc.hu-berlin.de/series/berliner-handreichungen/2012-322/PDF/322.pdf – Seite 4)

Begründet wird diese Idee mit Ansätzen aus dem Marketing der IT-Branche.

„Das eigentliche Ziel dieses Ansatzes besteht darin, in Erfahrung zu bringen, welches Produkt oder welche Dienstleistung am besten den Bedürfnissen des Kunden entspricht. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Anwender bzw. Nutzer am besten wissen, was für sie wichtig ist und was sie brauchen und dass die so entwickelten Produkte erfolgreicher sind als herkömmliche, bei denen ausschließlich Fachleute am Entwicklungsprozess beteiligt waren.“
(Quelle: http://edoc.hu-berlin.de/series/berliner-handreichungen/2012-322/PDF/322.pdf – Seite 23)

Folge ich dem Verständnis von Bibliothek das den Ausführungen der Autorin zugrunde liegt, dann ist die Arbeit in sich schlüssig und bietet eine wunderbare Grundlage für weitere Arbeiten in dieser Richtung.
Nun folge ich diesem Verständnis von Bibliothek leider nicht. Besucherinnen und Besucher von Bibliotheken sind nach meinem Verständnis keine Kunden, Bibliotheken keine Dienstleistungseinrichtung. Meinem Verständnis von Bibliothek liegt ein anderes Wort zugrunde: Demokratie. Dementsprechend sind bibliothekarische Einrichtungen aus meiner Sicht, in einem umsetzbaren Maß, demokratisch zu organisieren und somit mit einem demokratiefördernden Aspekt zu versehen. Interessant ist, dass man sich im bibliothekarischen Raum sehr gerne auf die Demokratie beruft – wenn es denn einen Vorteil bringt – Stichwort: „Aktivierung des Grundrechts der Informationsfreiheit aus Art. 5 GG.“.

Wie man es aber schafft eine ganze Masterarbeit über ein grundsätzlich demokratisches Mittel, nämlich Aushandlungsprozesse mit der bibliotheksnahen Umwelt, zu schreiben ohne ein einziges Mal das Wort „Demokratie“ zu nutzen, ist für mich unerklärlich.

Zwischen „User Driven Innovation“ und „demokratischer Aushandlungsprozess“ ist inhaltlich kaum ein großer Unterschied auszumachen. Das Verständnis das diesem Prozess zugrunde liegt, verändert aber bibliothekarische Arbeit fundamental.
Dementsprechend ergibt sich Kritik an der inhaltlichen Gestaltung der in der Masterarbeit beschriebenen Workshops erst bei einem Perspektivenwechseln hin zur Betrachtung bibliothekarischer Arbeit demokratiefördernder Arbeit.
Folgt man allerdings diesem Perspektivenwechsel, dann ist die Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops zu kritisieren (die Teilnahme muss frei möglich sein) und dann ist auch die Form des Aushandlungsprozesses während des Workshops zu kritisieren (einige Probleme greift die Autorin selbst auf).
Zudem kann ein solcher Aushandlungsprozess nicht in dieser Kürze stattfinden. Wer demokratisch handeln möchte, der muss dann auch akzeptieren, auch aus bibliothekarischer Sicht, dass diese Prozesse Zeit benötigen. Schulprogrammentwicklung als demokratisch organisierter Aushandlungsprozess nimmt zumeist ein volles Jahr in Anspruch. Schulen leisten sich diesen Aufwand für Aushandlungsprozesse, weil sie erkennen welche Vorteile sie bringen. Wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollten überlegen, ob wir uns diese Zeit auch nehmen wollen und ob wir bei und von Schulen nicht lernen können.

Aktuell sind Bibliotheken so organisiert, dass man dort teilnehmen kann: teilnehmen am Leben in der Bibliothek und teilnehmen an Veranstaltungen. Demokratisch organisierte Prozesse ließen Bibliotheksbesucherinnen und –besucher teilhaben – ein bedeutender Unterschied.

Miriam Kloiber hat eine wichtige Arbeit geschrieben. Es ist eine Arbeit, die einem Verständnis zugrunde liegt das ich nicht teile, aber es ist eine wichtige weiterzuentwickelnde Arbeit und durchaus eine Arbeit mit Vorbildcharakter.

DonBib

1 Gedanke zu “User Driven Innovation – so nah dran und doch so weit vorbei

  1. BINGO: „dass man sich im bibliothekarischen Raum sehr gerne auf die Demokratie beruft – wenn es denn einen Vorteil bringt“ …

    Und wenn es um unsägliche Zensurdebatten in Bibliotheken geht, blendet man den 5er, bzw. dessen Kommentierung, einfach wieder aus. Wie langweilig.

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