Shaked Spier – eine Replik

„Zwischen Bibliothekaren und Bücherwürmern. Über das (fehlende) soziale Engagement der Information Community“ lautete der Artikel von Shaked Spier, auf den sich ein  Blogeintrag von Infobib vom gestrigen Tag und eine interessante Twitterdiskussion am heutigen Tag bezog und bezieht. Da man im Premiumgefährt der Deutschen Bahn („Wellkamm on Bort se IEHZEHEH tu…“) morgens ganz ruhig lesen kann, habe ich mir den Text noch einmal vorgenommen. Ergebnis waren nicht Antworten, sondern Fragen und mehrere Punkte, die ich persönlich in Frage stelle. Um es vorweg zu sagen: ich halte den Text für durchweg mißlungen.

Punkt 1:

Es beginnt schon auf der zweiten Seite des Textes.

In Deutschland kann man darauf stolz sein, bereits im März 2007 die „Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe“ veröffentlicht zu haben.

Unabhängig von einer Diskussion ob ich darauf stolz sein muss, dass es ethische Grundsätze gibt, bildet dieser Rückgriff den Grundtenor eines fragwürdigen Demokratieverständnisses, dem sicherlich nicht nur der Autor erlegen ist, sondern ein maßgeblicher Teil des Berufsumfeldes. Die Diskussion, wie diese ethischen Grundsätze entstanden sind, müsste man zuerst führen, dann eine Diskussion über die genannten Grundsätze und wenn man bis dahin nicht schon gescheitert ist, dann kann man sich mit der Frage beschäftigen, wie es möglich sein kann für alle Beteiligten eines Berufsumfeldes einen Code of Ethics zu definieren. Jeder Mensch hat eigene Grundwerte und Vorstellungen von Moral, nach denen er handelt. Dies stellt ganz prinzipiell den im Ansatz schon fragwürdigen Gedanken der „Neutralität von Bibliotheken“ in Frage.
Hier kommt dann zum Vorschein was dieser Code of Ethics eigentlich ist: ein aus der freien Wirtschaft adaptierter Versuch, sich ein Berufsleitbild zu erstellen. Im eigentlichen Sinn ist es auch kein Leitbild, sondern schlicht Marketing. Mit einem ethischen Manifest, das hier im übrigen auf völlig undemokratischem Weg entstanden ist, das einem Berufsumfeld Halt, wenn nicht gar eine Haltung geben soll, hat „unser“ (wer auch immer das sein mag) „Code of Ethics“ gar nichts zu tun.
Wer nun aber seine Argumentation darauf aufbaut, hat aus meiner Sicht schon grundsätzlich einen Fehler in der Argumentation begangen.

Punkt 2:

Bei vielen ethischen Fragen können Fachleute in den verschiedenen Bereichen der Informationsdienstleistungen auf diese Grundsätze zurückgreifen, um Entscheidungen zu treffen, diese zu begründen, oder darauf basierend eine Diskussion zu beginnen.

Das klingt so total nett, aber es gab nicht mal eine ausführliche Diskussion zum Thema (als Bsp.) Sarrazin. Grundlegende moralische bzw. ethische Dilemmata kommen doch gar nicht auf den Tisch. Wie auch, es hat ja auch niemand im Studium gelernt sie zu erkennen, geschweige denn damit umzugehen. „Monika Keller: Moral in Beziehungen: die Entwicklung des frühen moralischen Denkens in Kindheit und Jugend“ ist da mal ein Text um nachzudenken. Ist so ein Text möglicherweise auch bibliothekarische Grundlagenliteratur – zumindest für Teile des Berufsumfeldes?
Wenn wir aber schon nicht eine vernünftigen Diskussion über so grundlegende, täglich sichtbare Konflikte führen können, Beispiel ist auch hier der unsägliche Vorwurf, die Verweigerung Sarrazin zu kaufen wäre quasi Zensur, wer will dann anfangen über ACTA etc. zu sprechen?

Punkt 3:

Politisch aktiv sein im traditionellen Sinne sollen und können wir nicht. Unsere Ethik fordert von uns richtigerweise, unsere Praxis unparteiisch zu halten.

Solche Aussagen sind nichtssagend. Was ist bitte „politisch aktiv im traditionellen Sinne“? Ich bin mit jeder meiner Entscheidungen – z.B. beim Bestandsaufbau in Öffentlichen Bibliotheken – parteiisch und letztlich auch politisch. Neutralität ist auch eine politische Aussage, nämlich die Unterstützung der bestehenden Mehrheitsmeinung. Gerne würde ich Stellungnahmen des BID zu aktuellen politischen Prozessen sehen. Aber zum Beispiel mit der Verleihung der Karl-Preusker-Medaille an Horst Köhler gab es so etwas auch. Diese Verleihung ist und war Politik. Wir alle haben es gesehen und dann eifrig geklatscht. Aber ich möchte lieber politisch in alle Parteirichtungen (abgesehen von der äußerst rechten) aktive Personen im Berufsumfeld, als das aktive Warten auf den BID. Und auch die AG „Bibliothek und Ethik“ kann nicht in „unserem“ Namen sprechen, denn es hat sie niemand dazu legitimiert.

Letzter Punkt:

Was mich zum Schreiben gebracht hat, war die Twitterdiskussion dazu. Es bräuchte eine Verankerung in bibliothekarischen Studiengängen, diese Annahme ist richtig. Es bräuchte dazu aber viel mehr Beschäftigung mit der Gesellschaft selbst. Alles von einer Metaebene zu erfassen kann dabei nicht der erste Weg sein. Der erste Weg muss die Schulung der Studierenden in sozialen Kompetenzen sein. RAK kann jeder in einer Woche lernen – soziale Kompetenzen nicht.

Hier ist dann auch der Punkt gekommen um für einen Vortrag unsererseits auf dem Bibliothekartag 2012 in Hamburg zu werben:

„Berufsstand ohne Berufsbild – Ein Versuch, das bibliothekarische Handeln auf eine neue Grundlage zu stellen.“

Es geht letztlich in diesem Vortrag um exakt die besprochene Frage. Können wir ein ethisches Manifest für einen Berufsstand haben, der sich so gar nicht mehr eingrenzen lässt? Kann man überhaupt ein gemeinhin geltendes ethisches Manifest vorgeben? Nicht die tiefe wissenschaftliche Analyse ist hierbei der Ansatz, sondern der Versuch ansprechende Fragen zu stellen und neue Denkanregungen zu geben. Es wird ein politischer Vortrag, wenn man so will, eine Werbung für die persönliche ehtische Erklärung eines jeden im Berufsfeld beteiligten Menschen, denn alles was dem Grundgesetz nicht entgegen steht ist erlaubt, demokratisch bleibt aber nur wer es auch zur Diskussion stellt – oder?

DonBib

6 Gedanken zu “Shaked Spier – eine Replik

  1. „Gerne würde ich Stellungnahmen des BID zu aktuellen politischen Prozessen sehen. Aber zum Beispiel mit der Verleihung der Karl-Preusker-Medaille an Horst Köhler gab es so etwas auch.“

    Die Verleihung war dämlich, richtig. Aber eine Stellungnahme zu aktuellen Prozessen ist sie nicht. Zumindest nicht explizit. Und das ist es, was im Artikel IMHO zurecht bemängelt wird.

  2. Woher sollen die Stellungnahmen denn auch kommen und in wessen Namen sollen sie sprechen? Der Artikel nutzt für alles den Rückgriff auf den „Code of Ethics“. Da ich diesen grundlegend und ich denke auch gut begründet ablehne verfängt auch die Kritik an der Verbandsführung nicht.

  3. Liebe/r DonBib,
    zunächst – danke für die Kritik und Denkanstoße.
    Ob aus Ihrer Kritik, das Misslungen meines Artikel festzustellen ist, wäre bestimmt eine Ansichtsache. Ich werde es nicht bestreiten, wenn einige so glauben.
    Ich will aber die Kritikpunkte auch betrachten.

    Zum Punkt 1:
    Ich stimme Ihnen völlig zu – die Entstehung der ethischen Grundsätze war auf keinen Fall durch einen demokratischen Prozess.
    Dieses Thema ist aber nicht Gegenstand meines Artikels und könnte in dem Rahmen nicht behandelt werden. Hier räume ich aber ein: Ja, ich könnte und sollte diese Tatsache im Text kritisch betrachten, v.a. wenn diese Grundsätze meine Argumentation bedienen.

    Allerdings braucht man ein Referenzpunkt bei der Argumentation solcher Themen. Ich könnte mir andere Referenzpunkte suchen, z.B. aus der Philosophie wie die Werke von Luciano Floridi, oder auch anderen Bereichen. Und wie Sie selber geschrieben habe, auch da werden es unterschiede bei der Moralvorstellung und dem Handeln von Menschen.
    Aber mein Artikel war nicht für Philosophen gedacht, sondern für Bibliothekare. Aus diesem Grund fand, und finde ich immer noch, die ethischen Grundsätze als relevanten Referenzpunkt. Wie gesagt, die kritische Betrachtung dieser Referenz fehlt.

    Übrigens, für die Punkte, die ich bei den ethischen Grundsätzen anspreche, gibt es Äquivalente bei dem IFLA Code of Ethics. Dieser Code wird sehr öffentlich diskutiert und kann von jeder und jedem kommentiert werden. Inwieweit alles von der Diskussion übernommen werden wird, ist eine andere Frage.

    Zum Punkt 2:
    Ich finde, dass Ihre Punkte sich nicht ausschließen.
    Eine Diskussion zu Sarazzin (ja, wir sollen das Buch erwerben und verfügbarmachen, meine ich zumindest) ist genauso wichtig wie eine Diskussion zu ACTA.
    Ich denke nicht, dass ich im Artikel was anderes behauptet habe.
    Gegenstand meines Artikels ist das soziale Engagement und die Diskussion um Themen, die außerhalb der bibliothekarischen Praxis stattfinden.
    Das schließt keine Diskussion über, z.B., Sarrazin’s Buch aus, aber (meiner Meinung nach) setzt keine Diskussionen um „kleinere Themen“ voraus.

    Zum Punkt 3:
    „The Personal is Political“ (C. Hanisch) ist kein neuer Ansatz.
    Ich stimme Ihnen auch zu – unsere Praxis ist politisch und kann nicht unpolitisch sein. Sei es durch die Erstellung der Bestände, sei es durch die christlich-westliche Weltanschauung verkörpert in der DDC, sei es durch die imaginierte Neutralität etc. pp.
    Was ich bei „politisch im traditionellen Sinne“ gemeint habe, war parteiisch zu handeln. Vielleicht sollte ich das an der Stelle im Text klarer ausdrücken, da bin ich wieder einverstanden.
    Wenn Sie den Text weiterbetrachten, sehen Sie, dass ich für thematisches Handeln plädiere – egal aus welcher Partei die Angelegenheit kommt.
    Das widersprich Ihr Kommentar – Personen aus dem Berufsfeld können (und sollen) in jeder Partei aktiv sein – nicht.

    Bei meiner kleinen Vorstellung einer Initiative habe ich die AG Bibliothek und Ethik nur als Beispiel genannt. Viel mehr Wert liegt dabei auf der öffentlichen Diskussion, Berücksichtigung anderer Meinungen sowie die Tatsache, dass die AG nicht von alleine kommentiert und in „unserem“ Namen spricht, sondern aus der öffentlichen Diskussion im Berufsumfeld spricht. D.h. die AG (oder jedes anderes Wesen) ist bloß ein Bote.
    Das übrigens, brauche ich im Text nicht ergänzen, es steht alles da.

    Und zum Schluß:
    Ich wünschte mir, dass Sie sich auch mit dem Inhalt meines Plädoyers befassen, v.a. mit Betrachtung des Kontexts (wo er erschienen ist, warum genau da, was hat das mit dem Zielpublikum dieses Artikels zu tun, und warum diese Argumentationskette), anstatt nur die Kleinigkeiten der Argumentation zu betrachten. Auch wenn ich Ihnen bei einigem zustimme.
    Es scheint mir, dass unsere Ansätze nicht so weit auseinander liegen. Vielleicht sollen Sie einen Blick auf weitere von meinen Artikel und Vorträgen werfen…

    VG

  4. Erst mal vielen Dank für die sehr souveräne Form der Antwort, dass gefällt mir sehr! Ich will es dann doch tatsächlich gar nicht lange ausbreiten,
    JA – ich glaube wir liegen in Teilen der Idee gar nicht so weit auseinander, aber meine Sichtweise ist deutlich pessimistischer. Es gibt eine kleinteilige Diskussion zu einigen wenigen Themen. Große Auseinandersetzungen zu zentralen Punkten der Arbeit im Berufsumfeld der Bibliotheken gibt es meiner Meinung nach gar nicht.

    Mehr mag ich in diesen Tagen gar nicht argumentieren. Ich werde mich und meine Gedanken sammeln, vielleicht kann ich ja den ein oder anderen hier vorgetragenen Gedanken noch in den Vortrag auf dem Bibtag mit einbringen. Im Anschluss daran wird es hier dann das für die Vorträge gesammelte Wissen auch einzeln aufbereitet nachzulesen geben. Dort wird sich dann auch mind. ein weiterer Diskussionsansatz ergeben, ich kenne ihn nämlich jetzt schon.

    Abschließend vielleicht: die Form der Ausrichtung bibliothekarischer Studiengänge, gleichsam mit der Reichweite kritischer Diskussionen im Berufsumfeld stimmt mich, wie schon erwähnt, eher pessimistisch. Hier sehe ich dann auch einen grundlegenden Ansatzpunkt zur Veränderung. Auch z.B. die Aufforderung zur Teilnahme an der Diskussion bei der IFLA ist meiner Ansicht nach sehr klein in ihrer Reichweite. Aber über geeignete Mittel und Wege würde ich gerne sprechen – in 1,5 Wochen in Hamburg dann.

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