Mein Senf zum 101. Bibliothekartag – Teil 3

Die größten Enttäuschungen und die tollsten Dinge habe ich nun bereits benannt, jetzt möchte ich noch ein paar Worte zu einzelnen Themen und Gedanken verlieren.

  1. Die Podiumsdiskussion zu Masterstudiengängen in LIS – hatte es auch auf die vorderen Ränge der größten Enttäuschungen geschafft, aber eben nicht auf das Treppchen. Hier wurde über den Sinn eines Masterstudiums philosophiert, das man ja aufnimmt um (frei aus meiner Erinnerung zitiert): „Die Aufstiegschancen zu wahren und mehr Geld zu verdienen.“
    Wie kommt man darauf? Der tägliche Blick auf bibliojobs.de lehrt uns ja, dass die Stellen im höheren Dienst eben nicht vom Baum fallen. Betrachtet man nun Öffentliche Bibliotheken wird die Situation noch abstruser. Dort eine Stelle im höheren Dienst zu finden ist fast so aussichtsreich wie die wöchentliche Chance im Lotto zu gewinnen. Gleiches gilt für finanzielle Möglichkeiten. Hätte ich das Bedürfnis sehr viel Geld zu verdienen, zumindest sehr viel mehr als jetzt, hätte ich etwas anderes studiert. Eine gewisse Form der realitätsfremden Betrachtung habe ich da schon festgestellt und eine solche Haltung zur eigenen Arbeit bzw. zur Arbeit in Bibliotheken ist mir auch eher fremd. Der Gang in die frei Wirtschaft mag da noch ein anderes Thema sein, aber selbst dort fliegt einem das Geld nicht zu und auch die Stellen sind nicht üppig vorhanden.
    Die größte Frechheit, die gleichzeitig aber auch für die Unfähigkeit zur Reflexion der eigenen Lehre steht, wurde aber in folgendem Satz deutlich (auch frei aus der Erinnerung zitiert): „Ich wundere mich manchmal schon, wie wenig die Bachelor-Studierenden eigentlich zum Master [an Wissen] mitbringen.“
    Ich enthalte mich weiterer Kommentare dazu.
  2. Es gab Vorträge unsererseits – einschließlich einstündiger Diskussion zu den Vorträgen. Das war schon ein bisschen aufregend. Was mir dabei aber nachträglich durch den Kopf geht ist folgendes: vielleicht sollte man auch bei den großen Themenblöcken die Zahl der Vorträge reduzieren und die Zeit für Diskussionen deutlich erhöhen. Es braucht eben nicht nur einzelne Vorträge sondern den fachlichen Austausch, auch im großen Saal. Dafür benötigt man aber viel Zeit. Gerne hätte ich an mancher Stelle mehr Fragen von Kolleginnen und Kollegen gehört, denn oft entsteht erst in der Diskussion neues Fragepotential. Dieses Potential hatte unsere Diskussion, worüber ich sehr erfreut bin und war.
  3. Bibliotheksethik – eigentlich schon im ersten Teil meiner Blogeinträge abgearbeitet und trotzdem noch ein riesiges Feld, dem ich täglich mehr Wichtigkeit zuschreibe. Um Rechtfertigungen für die eigenen Einrichtungen zu finden brauchen wir deutlich mehr Beschäftigung mit Ethik im Berufsleben.
    Beispiel Zensur: ein gern vorgebrachtes Argument in der Diskussion um nicht erfüllte Anschaffungswünsche in Bibliotheken oder die Frage was tun bei z.B. Wünschen nach rassistischen Medien. Erstens ist der Begriff der Zensur in so einem Fall völlig fehl am Platz und zweitens ist die Diskussion darum weit vom Begriff „Bildungseinrichtung“ entfernt. Prof. Rösch forderte in einer der Veranstaltungen auf dem 101. Bibliothekartag (erneut frei aus der Erinnerung zitiert): „Es müsse linksextreme Literatur in Bibliotheken geben, es müsse rechtsextreme Literatur in Bibliotheken geben und eben auch solche von Sekten (z.B. Scientology).“
    Er spricht aber ja nur aus was bereits Realität ist. Sofern ein Werk nicht verboten ist, gibt es eine sammelnde Institution. Nur vergisst Prof. Rösch dabei eben die Existenz von gesellschaftlichen Umfeldern. Für z.B. kleine Stadtbibliotheken ergibt sich bei der Anschaffung ein anderes Problem. Sie agiert in einem speziellen Umfeld. Ein rassistisches Buch hat, steht es unkommentiert im Regal, in einer Stadt mit 20% NPD Wählerinnen und Wählern eine andere Bedeutung als in einer großen Universitätsbibliothek. In dieser verallgemeinernden Diskussion geht das gerne unter. Wie gehen wir denn damit um? Gehen wir damit um? Gibt es dafür Lösungen? Haben wir überhaupt hilfreiche Ansätze dafür erarbeitet? Fragen über Fragen… Gleiches gilt für die Diskussion um Neutralität.
    Noch ein Beispiel: Leitbilder in Bibliotheken. Ich habe für eine Hausarbeit in meinem aktuellen demokratiepädagogischen Studiengang Leitbilder öffentlicher Bibliotheken untersucht. Ausgewählt hatte ich Öffentliche Bibliotheken und dort dann anhand des (um es mir einfach zu machen) BIX die drei Bibliotheken die jeweils in ihrer Einwohnerklasse  die vordersten Plätze belegten. Will man dort die Leiterbilder der Bibliotheken untersuchen, findet man ganz oft keines und wenn doch dann sind diese zumeist undemokratisch erarbeitet und inhaltlich magere und weit hinter der gesellschaftlichen Diskussion zurückgebliebene Schlagwortwurfkanonen. Den Namen Leitbild verdienen diese Pamphlete zumeist nicht. Was aber ist das Bild das diese Bibliotheken nach außen tragen? Wie kann ich erkennen wofür diese Bibliotheken stehen? Was ist Inhalt und Grundsatz der Arbeit dieser Bibliotheken? All diese Punkte bleiben unsichtbar. Demokratische Prozesse finden sich bei der Erstellung im Übrigen gar nicht. Dabei können Leitbilder Argumentationsgrundlage für die tägliche Arbeit sein, sie können auch Schnittstelle zur Gemeinde oder Stadt sein und sie können helfen Probleme zu lösen.
    Themen wie diese sind leider viel zu sehr im Hintergrund, dabei gehören sie diskutiert. Ein Ansatz bzw. Thesen für einen Ansatz zur Erarbeitung einer Berufsethik folgen in den nächsten Tagen.
  4. Unimensa – Es war sehr praktisch sie quasi um die Ecke zu haben, man sollte das für zukünftige Kongressorte beachten! 🙂
  5. Twitter – Vielleicht täuscht mich der Eindruck, aber es wurde sehr sehr wenig getwittert. Wer sich über ich nenne es mal vereinfachend „technische Themen“ informieren wollte, der konnte noch ein bisschen mitlesen, dort saßen zahlreiche fleißige Schreiberlinge und Schreiberlinginnen. Außerhalb des technischen Rahmens war ich jedoch fast aufgeschmissen. Hier erhielt ich kaum Infos aus anderen Sälen. Ich würde mir wünschen dies wäre im nächsten Jahr deutlich mehr.
  6. Kaffee – Die Wege zum Kaffee waren mir zu lang. 🙂

Fazit: Es ist und bleibt eine lehrreiche Veranstaltung. Man sieht viel und man hört viel. Beschließen möchte ich das ganze Thema mit den zwei Forderungen:

Es sollten viel mehr Bibliothekarinnen und Bibliothekare teilnehmen dürfen!

Wir brauchen viel mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem „mittleren Dienst“!

DonBib

PS Ich habe irgendwas vergessen was mir durch den Kopf ging die ganze Zeit – ich hole es dann nach, falls es mir noch einfällt…

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