Aber ich hab es doch ins Regal gestellt…!

Obwohl ich den schnellen fachlichen (Erfahrungs-) Austausch unter uns Kollegen und Kolleginnen über Mailinglisten wie Forumoeb sehr schätze, bin ich manchmal doch ob der Fragen und Antworten schockiert. Kürzlich kam die Frage auf, ob denn jemand Erfahrungen mit türkischer Ratgeberliteratur gemacht hätte. Eine durchaus sinnvolle Frage, wenngleich ich nicht verstehe warum man so etwas nicht bei der landeseigenen Fachstelle nachfragt. Ich befürchte allerdings die hätten zumeist auch keine Antworten – sollten sie aber. Die Antworten die dann aber ins digitale Rund flogen waren recht gruselig.

Antwort Nr. 1 war eigentlich gut, hat aber dann doch wieder gezeigt wie der Nutzen und die Wirkung von z.B. Ratgebern im Berufsstand zu oft beurteilt wird: „Immerhin kommen die Titel auf 3-5 Ausleihen im Jahr, gelohnt hat sich die Anschaffung also schon.“ Dabei hatte die Kollegin den Nutzen im Satz vorher schon völlig ausreichend benannt: „Viele Mütter lesen die Bücher gerne vor Ort, leihen sie aber nicht aus.“.

Antwort Nr. 2 hat aber mal wieder die zu oft sichtbare Ideenlosigkeit demonstriert: „Trotz Frontalpräsentation und Ausstellung im Rahmen anderer Präsentationen – plus Info-Flyer- sind die Bücher zum großen Teil nie entliehen worden.“ Genau daher kommt nun mein Titel für diesen Beitrag. Es ist diese viel zu alte Argumentation, dass wenn ich es schon ins Regal gestellt habe oder sogar nen Flyer gedruckt habe oder als Gipfel der Kreativität diese Ratgeber frontal präsentiert habe und sie trotzdem niemand entleiht, ja dann kann ich nix dafür. Ist das wirklich ernst gemeint? Kein Fussballverein käme auf die Idee zu argumentieren: Hier wurde doch der Ball ins Tor geschossen, wir verstehen gar nicht wieso nicht mehr Leute kommen. Mir ist schon bewusst, dass das etwas platt ist. Aber ich mag diese Argumentationen nicht mehr hören. Dann muss man eben mit dem Ratgeber in die türkische Gemeinde gehen. So eine altbackene Argumentation zeigt doch nur, dass es noch ein weiter Weg der Professionalisierung ist, den der Berufsstand der Bibliothekarinnen und Bibliothekare – so es ihn denn in dieser Form benötigt – zu gehen hat.

Ob wir wohl akzeptieren würden, wenn Lehrerinnen und Lehrer uns erklären, sie hätten doch alles an die Tafel geschrieben und können nun wahrlich nichts dafür, dass das Kind jetzt z.B. kein Englisch kann?

Ich denke mal eher nicht. Also Ratgeber schnappen und ab in die Gemeinden, dann geht da vielleicht auch was.

DonBib

3 Gedanken zu “Aber ich hab es doch ins Regal gestellt…!

  1. @Antwort Nr. 2:
    Ich habe die Vermutung, dass fehlendes Reflexionsvermögen (in solchen Situationen) das Grundproblem darstellt. Das Verrückte & Ärgerliche ist, dass das auch immer wieder bei anderen Themen/Anlässen zu der gezeigten Denkeinbahnstraße führt, jedoch nicht zu Lösungsansätzen oder wenigstens (neuen) Handlungen…
    Kleines (weiteres) Bsp.: Man stelle sich vor, dass ein großes (und einmaliges) Fest, bspw. an einer Hochschule, angesetzt ist. Dieses steht (mgl.weise) unter dem Thema „Begegnung und Wiedersehen“. Als (zentraler) Bestandteil ist (von jedem Fachbereich/Institut) ein Alumnitreffen angesetzt. Am Tag des Festes passiert es nun (vllt.), dass 45 Minuten lang zehn Lehrende _ohne_ eine_n einige_n Alumna/Alumnus herum stehen und danach das Treffen beenden. Und die Begründung seitens der Lehrenden für das Nichterscheinen der Alumni? – Nun, eigentlich nur reine ‚Verwunderung‘, denn man habe ja eine E-Mail an den Alumniverteiler mit dem Hinweis auf das Programm des Festes gesendet.
    → Meine Quintessenz (für den Blogbeitrag & obiges Bsp.): Dinge nicht nur so zu nehmen, wie sie sind, die eigenen Entscheidungen/Handlungen regelmäßig/immer zu hinterfragen und sie aus Rezipient_innen/Kund_innen/…-Sicht versuchen zu sehen sind essenziell. Das ist nicht einfach. Ich wünsche mir, dass die dazu notwendigen Kompetenzen erlernt werden (können) und vermittelt werden. Bis dahin kann man sich aber auch erst einmal regelmäßig mit der Frage „Habe ich alles dafür getan, um die Kund_innen so gut zu informieren, wie es mir mgl. ist?“ über Wasser halten.

    *m2c* – Kai

  2. Es wäre wahrlich sehr viel hilfreicher für eine erfolgreiche Arbeit der ÖBs, einfach mal allmächtigen DIE KUNDEN zu fragen. Und wenn das nicht geht, probiert man es möglicherweise mal mit den Nutzerinnen und Nutzern.

    Was wäre eigentlich passiert, wenn niemand auf die Anfrage reagiert hätte? „Mir antwortet ja gar niemand. Gut, lass ich alles so, wie es ist.“ Für eine Einrichtung, die sich als zentraler Integrationsort in einer Gemeinde darstellt, wäre das herzlich wenig …

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