Die ganze unprofessionelle Erbärmlichkeit der Bibliotheksethik an einem Beispiel

Seit langem schon Broder(t) brodelt es in mir, wenn ich mich mit Bibliotheksethik beschäftige. Heute bekam ich dann einen Hinweis, der mich einfach ratlos zurückgelassen hat. Dieser Hinweis beinhaltete eine „Literaturempfehlung“ (Ironie) auf ein Buch mit dem Status „In Bearbeitung“. Das Buch ist mir seit kurzem bekannt, der Autor schon seit langem. Wer sich kurz über das Buch informieren möchte, der kann auf der Verlagsseite den offiziellen Klappentext lesen(Informationen zum Kopp-Verlag findet man z.B. hier und hier). Ist man dann fertig mit dem ersten Kopfschütteln, kann man sich auch noch kurz über den Autor des Buches informieren, z.B. hier, hier oder hier. Für die Klickfaulen hier noch ein paar Überschriften aus dem Inhaltsverzeichnis als Beispiel:

  • Rotationseuropäer: offene Grenzen für Minderbegabte
  • Analphabeten: Wir importieren Sozialhilfeempfänger
  • Kindesvergewaltigungen als »kulturelle Bereicherung«?
  • Wir stellen aggressive Minderintelligente mit Geld ruhig

Insgesamt ist es ein schlichtes und menschenverachtend rassistisches Machwerk.

Jetzt zum eigentlichen Ärgernis mit der Ethik unseres Berufsstandes. Der obige Verweis auf das Buch mit dem Status „In Bearbeitung“ zeigt auch die bearbeitende Bibliothek an: die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder). Dr. Dirk Wissen schrieb mir mal auf die Frage nach einem Leitbild der Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder), dass man keines hätte. Aber man richte sich nach einigen Schwerpunkten, die ich hier nun in Auszügen nennen möchte:

  • Informationelle Grundversorgung – Bestände und Dienstleistungen sind frei von Zensur
  • Qualitätsgarantie durch professionelle Auswahl und Pflege – Balance zwischen Massenmedien und Minderheitsinteressen
  • Neutralitätsgarantie durch freien Informationszugang
  • Angebote zur Alltagsbewältigung

Jetzt stelle ich mir ein paar einfache Fragen:

  • Warum schafft man dieses Buch an?
  • In welchen Kontext bibliothekarischer Arbeit stellt man dieses Buch?
  • Welches Selbstverständnis hat man von der Institution Bibliothek?

Ich schaffe es nicht, all diese Punkte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Anschaffung eines Buches, das nichts weniger propagiert als die Überlegenheit der eigenen Kultur und Rasse und gleichzeitig die Angst davor in zu viel „Überfremdung“ zur verschwinden, zeigt exemplarisch die Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit des Berufsstandes in ethischen und moralischen Fragen. In dieser Form ist die Bibliothek nichts weiter als eine Medienverleihstation. Selbst wenn man sich in einer einzelnen Veranstaltung mit Rassismus auseinandersetzt, steht nun dieses Buch auf Jahre frei von jeder inhaltlichen Auseinandersetzung im Regal rum. Wobei ich zugeben muss, vielleicht ist es ja ein „Angebot zur Alltagsbewältigung“ für die Frankfurterinnen und Frankfurter. Ein bißchen Weiterbildung in Sachen persönlicher Rassismus schadet ja nie.

Was würde denn nun passieren würde man so ein Buch nicht anschaffen, wäre das Zensur? Natürlich nicht, denn kurzer Blick in den KVK zeigt doch die Verfügbarkeit und es lebe die Fernleihe. Oder ist das die Neutralitätsgarantie? Gerne akzeptieren wir alle Rassismen, wir sind ja neutral. Dann stellen wir noch ein Multi-Kulti-Buch daneben, dann ist es ja ausgeglichen. „Oh, sie brauchen noch ein paar Argumentationshilfen gegen Zigeuner? Warten Sie, wir haben zum Glück den Ulfkotte da.“ Denn im Code of Ethics (BID) steht ja geschrieben: „Wir informieren und beraten unsere Kundinnen und Kunden sachlich, unparteiisch und höflich und unterstützen sie dabei, ihren Informationsbedarf zu decken.“ Ich finde in diesem unsäglichen Code of Ethics keinen Punkt mit dem ich die Beantwortung einer solchen Anfrage ablehnen könnte und ich bleibe somit auch dabei, dass dieser Code of Ethics ganz einfach weggeschmissen gehört.

Soweit zur Sonntagsdepression.

DonBib

5 Gedanken zu “Die ganze unprofessionelle Erbärmlichkeit der Bibliotheksethik an einem Beispiel

  1. Geht ja nicht, es widerspricht ja nicht dem von der bibliothekarischen Ethikaufsichtsstelle entworfenen Code of Ethics… Andererseits könnte man so mal die Geschwindkeit des Gremiums testen 🙂

  2. Warum stellst Du die ganze Bibliotheksethik in Frage, nur weil eine Bibliothek dieses Buch gekauft hat? Die meisten haben es nicht gekauft und werden es auch nicht kaufen. Dafür haben sie Bücher im Bestand, die sich für eine sinnvolle Einwanderungspolitik einsetzen und die Bereicherung der deutschen Gesellschaft durch Migranten hervorheben. Warum bekommst Du dann eine Depression?

  3. Ich stelle die ganze Bibliotheksethik deshalb in Frage, weil es quasi nur den Code of Ethics gibt. Dazu gibt es aber keinen Entwicklungsprozess und auch sonst nichts. Das Thema ist fast tot. Es lebt ein bißchen in der Welt der Fachhochschulen etc. aber ist sonst kaum wahrnehmbar. Das ist zumindest mein Eindruck. Zudem unterstelle ich, würde man bei vielen Bibliotheken höflich darum bitten, diese auch das Buch anschaffen würden. Die Depression bekomme ich nur, wenn ich darüber nachdenke, dass viel zu wenig über die Ergebnisse bibliothekarischen Handelns nachgedacht wird. Das Beispiel hier ist ja eben nur ein sehr plakatives Aushängeschild.

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