Zu kurz gedacht – Anmerkung zur Stadtbibliothek Greifswald

Seit einigen Tagen rumpelt es in Greifswald. Die Bibliotheksleiterin der Stadtbibliothek Hans Fallada in Greifswald, Angelika Spiecker, muss sich aktuell den Vorwurf der Zensur anhören. Grund hierfür ist, dass die linke Tageszeitung „Junge Welt“ nun nicht mehr Teil des Bibliotheksbestandes ist. Prinzipiell ist das ja – die Verringerung des Zeitungs- oder Zeitschriftenbestandes – ein üblicher Vorgang. Begründet wurde dieser Vorgang durch die Bibliotheksleitung hier aber mit der „Akzeptanz von Gewalt zur Umsetzung politischer Ziele“ innerhalb der Zeitung. Nun ist das ja schon eine etwas merkwürdige Begründung. Ich meine mich zu erinnern, dass der ja so heiß geliebte Bundespräsident Joachim Gauck ähnliches neulich bei einem Besuch der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg formulierte:

Die Abscheu gegen Gewalt sei zwar verständlich, und Gewalt werde immer ein Übel bleiben, sagte Gauck in Hamburg. „Aber sie kann – solange wir in der Welt leben, in der wir leben (…) – notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden“
(Quelle: Der Spiegel)

Das ist natürlich jetzt blöd gelaufen für die Bibliotheksleiterin. Aber auch darüber kann man hinweg sehen. Ich z.B. teile den Gedanken des Bundespräsidenten überhaupt nicht, seine Aussagen sind auch z.T. sehr kritisiert worden und es bleibt letztlich bloß eine Meinung. Was jetzt das eigentliche Problem darstellt ist der dem angefügte Satz der Bibliotheksleiterin:

„Grundsätzlich werden in der Bibliothek keine extremistischen Publikationen gleich welcher Couleur angeboten.“

Ein schöner Satz, den ich dann gleich mal überprüfen wollte. Was eignet sich dann an dieser Stelle besser als unser altbekannter Freund: Udo Ulfkotte und sein Lieblingsverlag: der Kopp-Verlag (wer genaueres über beide wissen möchte, der lese bitte in unserem alten Blogeintrag nach: HIER). Und jetzt passiert natürlich was ganz blödes. Die Bibliothek hat selbstverständlich Udo Ulfkotte, in diesem Fall mit seinem „Meisterwerk“ – SOS Abendland : die schleichende Islamisierung Europas – erschienen im Kopp-Verlag, im Bestand. Ich zitiere aus der Annotation im Web-OPAC, die dem Verlagstext entspricht:

In diesem Buch lesen Sie, was die Islamisten gerne vor Ihnen verborgen hätten. Es ist die wohl erschreckendste Chronologie über die Ausbreitung des Islam in Europa. Hier lesen Sie aber auch, was Ihnen die deutschen Massenmedien verschweigen. Fakten, die Ihnen den Atem stocken lassen – in einer Fülle, die erdrückend ist. Was schon lange prophezeit wurde, scheint nun finstere Realität zu werden: der Untergang des Abendlands!
(Quelle: Web-OPAC der Stadtbibliothek)

Die Annotation kann man so auch als Empfehlung der Bibliothek verstehen. Jetzt hat die Leiterin der Stadtbibliothek natürlich ein Problem: ihre Begründung von oben zieht gar nicht, weil sie nachweislich unwahr ist. Damit muss sie sich zwar nicht den Zensurvorwurf gefallen lassen, eine Bibliothek kann keine Zeitungen zensieren, aber sie muss sich den Vorwurf der Lüge und den Vorwurf des unbegründet politisch motivierten Handelns gefallen lassen.

Der ganze Vorgang zeigt erneut, dass es einen feststellbaren Mangel an Kenntnissen bilbiothekarischer Ethik gibt und einen absolut krassen Mangel an Beschäftigung mit der Frage: was will unsere Bibliothek und wie ist sie demokratisch legitimiert bzw. legitimiert sie sich selbst demokratisch. Außerdem zeigt es einen absoluten Mangel an der Kenntnis des eigenen Bestandes und an der Wahrnehmung rechtsextremer Literatur.

DonBib

7 Gedanken zu “Zu kurz gedacht – Anmerkung zur Stadtbibliothek Greifswald

  1. Hallo,

    hast du die Leiterin mit diesem Widerspruch konfrontiert? Kannst du davon ausgehen, dass ihr bewusst ist, welche Inhalte da in ihren Büchern schlummern oder handelt es sich vielleicht um ein Versehen in der Flut der Informationen?

    Ich finde wir sollten Menschen nicht nur an Resultaten (welche ja bekanntlich durch vielerlei Faktoren beeinflusst werden), sondern Intentionen messen und befürchte hier ein allzu schnell abgegebenes Urteil.

    Davon abgesehen stimme ich zu, dass hier ein ethisches Problemfeld vorliegt und das zitierte ein Beispiel dafür sein kann.

  2. @ „Ich habe die angesprochene Leiterin der Stadtbibliothek auf den Artikel aufmerksam gemacht und um eine Reaktion gebeten.“

    Da wird wohl nichts kommen!
    Um einen Eindruck vom politischen Klima in Greifswald und den Antriebskräften der Bibliotheksleiterin zu bekommen
    bekommt hier einen ersten Eindruck.

  3. Heute hat sich der Vorsitzende des Fördervereins der Stadtbibliothek zu Wort gemeldet.
    „(OZ) – Förderverein steht hinter Bibliothekschefin Greifswald — Der Förderverein der Stadtbibliothek verwahrt sich gegen die verbalen Angriffe gegen die Leiterin der Einrichtung, Angelika Spiecker. …“
    Wenn man die PE zur Gründung des Fördervereins liest, wird schon klar warum Ulfkotte in die Bibliothek gehört.
    „Bürgerschaftliches Engagement ist gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unverzichtbar“, betont Dr. Ott. „Verantwortung auch für andere zu übernehmen, ist die Basis unserer christlich-sozialen Werteordnung.“

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