Auch Neonazis machen Musik

Viele Öffentliche Bibliotheken verfügen über einen ausgesprochen ausgeprägten Bestand an Musikmedien. Nicht immer werden CDs von Künstlern anhand von Bestseller-Listen ausgewählt und erworben, auch Bibliotheksnutzer können sich mit entsprechenden Wünschen an die Bibliothek wenden. Bei externen Musikwünschen kann es allerdings vorkommen, dass musikalische Erzeugnisse zum Kauf vorgeschlagen werden, die auf den ersten Blick zwar unverfänglich aussehen und so gar nicht nach menschenverachtender Musik klingen, bei näherer Betrachtung allerdings ihre rassistische und gewaltverherrlichende Bandbreite offen zur Schau stellen. Das Spektrum an neonazistischer Musik hat sich in den letzten Jahren stark ausdifferenziert. Vom schlichten Pop, über Hip-Hop bis hin zum Hardcore-Punk wurden Genres besetzt, die noch bis vor zehn Jahren als „unpolitisch“ galten – in jedem Falle aber nicht rechts.
Für unbedarfte Bibliothekare scheint es nahezu aussichtslos, die Masse an Bands zu überschauen, die sich dem „Rechtsrock“ verschrieben haben. Relativ oberflächliche bzw. veraltete Hilfestellungen für Bibliotheken finden sich hier oder in Form von etwaigen Verfassungsschutz-Publikationen. Einen umfassenden Einblick ins Genre „Hardcore-Punk“ bieten zwei kürzlich erschienene Buchtitel.

Der Artikel erschien zuerst auf lauterbautzner.blog.de

„Immerhin klärt der Verfassungsschutz verstärkt darüber auf, wie Städte Konzerte untersagen können.“ (Sächsische Zeitung vom 19.10.)

Ausgehend von dieser famosen Feststellung, möchte ich kurz auf zwei Bücher verweisen. Es geht um „Blut muss fließen“ von Thomas Kuban (Campus-Verl., 2012) sowie „Out of step“ von Ingo Taler (Unrast-Verl., 2012). In beiden Titel geht es um Rechtsrock, dessen musikalische Spielarten und textliche Auswüchse sowie deren nachhaltige Wirkung auf (meist jüngere) Menschen.

Kubans Buch, das zuvor als Dokumentar-Film auf der Berlinale Premiere feierte, ist das Ergebnis seiner Recherchen im neonazistischen Konzert-Spektrum. Über zehn Jahre stürzte sich der Journalist mit einer Knopfkamera im Knopfloch seines Poloshirts (schwarz/weiß/roter Kragen) waghalsig in die Untiefen der konspirativ geplanten Rechtsrockkonzerte. Er liefert damit Einblicke in einen bis dahin für die Außenwelt unzugänglichen Kosmos. Rund 50 Rechtsrockkonzerte besuchte Kuban undercover, auch in Bautzen. Von vielen dieser Zusammenkünfte wusste einer nichts – der Verfassungsschutz. Und das, obwohl sich nachweislich V-Männer die Konzerte planten auf den Gehaltslisten der Inlandsgeheimdienst-Ämter befanden. Während seiner lebensgefährlichen Expeditionen ins (4.) Reich des vertonten Menschenhasses, verschlug es den Autor auch hin und wieder zu öffentlich und intern geführten Wahlkampfveranstaltungen der NPD, CDU und CSU. Inhaltliche Abgrenzungen zwischen „Rechts“ und „Mitte“: nicht mehr erkennbar.

Das andere Buch, „Out of step“, behandelt die gemeinsame Historie des Hardcore-Punk und dem daraus hervorgehenden Rechtsrock bzw. NS-Hardcore. In seiner umfänglichen Schrift setzt sich der Autor mit den Anfängen und mannigfachen Spielarten der Hardcore/Punk-Bewegung in den USA und Europa auseinander. Hierbei weißt Taler die allseits verwendeten Auffassung „Hardcore sei eine dezidiert linke Veranstaltung“ entschieden zurück. Anhand umfangreicher Lied-Textanalysen von Bands wie Agnostic Front, Mad Ball oder Sick Of It All wird der latente Hang zu chauvinistischen und nationalistischen Einstellungen deutlich. Angereichert mit einem stark männlichen und gewaltverherrlichenden Habitus bieten solche und andere Bands perfekte Anknüpfungspunkte für konsequent neonazistisch agierende Musikgruppen.

Beide Werke stellen auf ihre eigene Art Standardwerke dar. Das eine, weil es einen erschütternden Einblick auf bis dato unerforschtes Land bietet. Das andere, weil es in seiner Tiefgründigkeit alles bisher Dagewesene übertrifft.

LeoT

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