Erste Reaktionen: Bautzen streicht – vorerst?

Vor sechs Tagen verfassten wir hier bei *Ultrà Biblioteka* einen Text:

„Sarrazin und Öffentliche Bibliotheken – irgendwas zwischen Ignoranz und Verantwortungslosigkeit“.

Damit ging einher, den Text im ForumÖB zur Diskussion zu stellen.

Gleichzeitig schrieben wir die Stadtbibliothek Bautzen an.
Wir fragten, wie sie denn zu ihrer Annotation bezüglich Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ stehen und verwiesen dabei auf unseren Text. Offensichtlich führte das zu einigen Diskussionen innerhalb der Stadtbibliothek Bautzen, denn die Annotation ist aus dem Katalog verschwunden!

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht mal genau weiß, ob ich das jetzt gut finde oder nicht.

  • Ziel war es, eine Diskussion anzuregen.
  • Ziel war es, wieder ein bißchen das Augenmerk vom Arbeitsalltag auf die „Kleinigkeiten“ der täglichen Arbeit zu lenken.
  • Ziel war es, Bibliothekarinnen und Bibliothekare darauf zu stoßen, dass Sachbücher – insbesondere solch emotionalisierte und emotionalisierende wie das des Herrn Sarrazin – nicht einfach mit dem Verlagstext versehen werden können, um somit dem Buch eine Autorität zu geben, die es überhaupt erst zu diskutieren gilt.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stadtbibliothek Bautzen die Annotation ändert, eine wertungsfreie Annotation erstellt, dazu Stellung nimmt (vielleicht kommt die Stellungnahme ja noch) oder was auch immer.

So bleibt erstmal eine kleiner Beigeschmack für mich,

den DonBib

4 Gedanken zu “Erste Reaktionen: Bautzen streicht – vorerst?

  1. Das Motto heißt taub stellen.
    Vergessen wir nicht, dass eine weitere Frage nicht beantwortet ist: Die Bücherhallen Hamburg haben den Sarrazin mit interkulturell beschlagwortet; er findet sich im IK ‚Interkulturell‘; die dort (in der Zentralbibliothek und vielen weiteren Bücherhallen) eingestellten Bücher haben deswegen ein Signaturenschild ‚interkulturell‘.
    Andererseits heißt auch die dbv-Kommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit – Ansprechpartner im dbv-Vorstand: Dr. Jan-Pieter Barbian; deren Mitglied Frau Meier-Ehlers verantwortete den Hamburger IK ‚Interkulturell‘; http://www.interkulturellebibliothek.de sieht sich als Plattform zur interkulturellen Bibliotheksarbeit.
    Sarrazin ist interkulturell; interkulturelle Bibliotheksarbeit ist interkulturell.
    Mich beunruhigt das.

  2. 1. Die Kurve der Ausleihzahlen von Sarrazins Buch sinkt jetzt langsam. Entsprechend nähern wir uns dem Zeitpunkt, wo Staffelexemplare aus dem Bestand genommen werden. Man kann dann extern nicht mehr die ungeheuerliche Zahl der erworbenen Exemplare in deutschen Bibliotheken nachvollziehen. Es sei denn, Bibliotheken dokumentieren Titel-, Ausleih- und Vormerkzahlen selber…
    2. Zur Übernahme der Klappentexte in die Annotationen: ab der 14. veränd. Aufl. lässt sich der für Sarrazin bei DVA verantwortliche Programmleiter Winstel (jetzt bei Siedler) mit der namentlichen Dankbekundigung Sarrazins aus dem Nachwort streichen. Winstel hat zu jüdischen Themen geforscht, was er mit der Publikation verantwortet hat, wird ihm in Gänze erst später deutlich geworden sein. (Diese Begründung ist Spekulation. Ich habe dafür keinen schriftlichen Beleg.) Immerhin: „Irgendwann in einer Spätphase meinte der Verlag, ich sollte überall das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ ersetzen.“ (Sarrazin im Gespräch mit Broder, TAZ, 07.12.2010) Während aus dem Verlag selbst Absetzbewegungen kommen, verwenden Bibliotheken ungerührt weiter den Klappentext.
    3. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich einmal vom ersten bis zum letzten Buchstaben die Besprechung des Buches von Sarrazin aus dem ekz ID lesen könnte. Vielleicht kann jemand mit online-Zugang hier eine Kopie liefern?
    4. Während ich die Informationsquelle Annotationen schlicht verschlafen habe, war mein Verzicht auf Recherche in bibliothekarischen Foren eine bewusste Entscheidung. Deswegen hier noch einmal Dank (sind Sie überhaupt Bibliothekar…?) für den Hinweis auf ForumÖB. Noch am Veröffentlichungstag von Sarrazins Buch kam dort eine Anfrage, wie denn mit dem Buch umzugehen sei. Jeder politisch denkende Mensch musste wissen, dass Sarrazin nicht nur Kontroversliteratur liefert, sondern auch sehr problematische Thesen über eine Bevölkerungsgruppe der Bundesrepublik, überwiegend deutsche Staatsbürger. Ich kann verstehen, dass ein durchschnittlicher ÖB-Bibliothekar die Vorkenntnisse nicht hat, um von Sarrazin zitierte Namen wie Galton, Murray oder McDonald sofort beurteilen zu können. Allerdings hat das deutsche Bibliothekswesen eine dbv-Kommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit – Ansprechpartner im dbv-Vorstand: Dr. Jan-Pieter Barbian. Ich habe mehrfach geschrieben, dass es dort keine migrationsfachliche Kompetenz gibt. Das kann passieren. Was nicht verständlich ist, wieso ein Fachwissen nicht innerhalb des Bibliothekswesens oder extern organisiert wird. Es gibt dort nicht einmal ein Problembewusstsein, dass mit dem Sarrazinbuch Thesen verbreitet werden, die in ÖB nichts zu suchen haben. In einem solchen „Gutachten“ hätte auf aktuellem Stand der Migrationsforschung ein Referat des Inhalts und der Quellen Sarrazins stehen können. Eine Erwerbungsentscheidung der ÖB vor Ort wäre damit nicht präjudiziert. Es ist aber doch etwas anderes, ob eine Erwerbung eine sachliche Entscheidungshilfe als Grundlage oder nur Ausleihzahlen im Auge hat. Ich hatte schon im November 2010 vorgeschlagen, das fehlende Literaturverzeichnis zu erstellen. Wenn man ein öffentliches, transparentes Verfahren organisiert hätte (technisch ist das kein Problem), hätte man kooperativ auch Zitierzusammenhänge darstellen können. Dieses Literaturverzeichnis ist ein entscheidender Beitrag zur Kritik Sarrazins, da dieser sich nicht auf eigene Forschungen stützt, sondern eine Sekundäranalyse vorhandener Literatur betreibt. Man braucht dabei noch nicht einmal Kritik selbst zu formulieren. Ganz neutral kann man die Quellen Sarrazins aufführen, in einem offenem Prozess könnten diese kumulativ durch eine Vielzahl von Beiträgern immer weiter ergänzt werden. Jeder kann dann selbst entscheiden, ob er sich in solchen Denkwelten von Eugenik und Rasseforschung bewegen will.
    Nach den erschütternden Ereignissen in Norwegen untersucht man jetzt die Zitierkartelle der Islamfeinschaft. Man stelle sich vor, von deutschen Bibliotheken wäre mit einem Literaturverzeichnis der Quellen Sarrazins (bei dem es keinen Mordaufruf gibt!) hierzu ein erster Beitrag geleistet worden…

  3. Diese Neutralität als Einrichtung, die viele Bibliothekarinnen und Bibliothekare versuchen einzunehmen muss ja scheitern. Ich bin schon lange der festen Überzeugung, dass alles an der Frage des Berufsbildes hakt. Wer sich als Bibliotheksverwalterin oder -verwalter versteht, der wird so handeln, wie die allermeisten Bibliotheken es taten. Nur muss man für einen Großteil der dann anfallenden Arbeiten eigentlich kein Studium absolvieren, schon gar nicht ein bibliothekswissenschaftliches. Insofern ist mein Schluss: Berufsbilddiskussion.

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